Salina Bousmayo war eine optische Ausnahmeerscheinung in der Rotterdamer Ahoy Arena. Nicht allein wegen ihres Auftritts im leuchtenden Holland-Orange – vielmehr trat die Marokkanerin als eine von nur zwei Turnerinnen bei den Weltmeisterschaften im Ganzkörperanzug an.

„Ich habe die Farbe gesehen, und die hat mir sehr gut gefallen. Und dann hat mich meine Trainerin darauf hingewiesen, dass es zu den Niederlanden passt“, sagte die 19-Jährige der Deutschen Presse-Agentur. Dass sie bei ihrer WM-Premiere im langen Turndress antrat, der sowohl ihre Arme als auch ihre Beine bedeckte, war hingegen eine bewusste Entscheidung.

„Ich finde es angenehmer, ein bisschen bedeckter zu sein. Ich mag das nicht, ganz so kurz zu turnen“, erklärte die gebürtige Deutsche. Die Inspiration dafür bekam sie, als sie noch für die Nachwuchsauswahl des Deutschen Turner-Bundes (DTB) antrat. „Als dann die Deutschen anfingen, das zu machen, habe ich ein Jahr später auch damit angefangen. Ich habe es im Training und bei kleinen Wettkämpfen probiert, und seitdem trage ich nur noch lange Anzüge, wenn ich die Chance habe“, berichtete Bousmayo.

Salina Bousmayo präsentiert sich bei der WM in langem Outfit

Es war bei den Europameisterschaften 2021 in Basel, als Sarah Voss, Elisabeth Seitz und Kim Bui erstmals in langen Anzügen antraten und international für Aufsehen sorgten. „Es hat sich nicht so nackig angefühlt. Und man musste auch nicht Dinge zurechtzupfen“, sagt Bui in Rotterdam. Sie hätten damit eine Idee der damaligen Bundestrainerin Ulla Koch dankend angenommen. „Es war total gut, weil halt unten auch was war“, sagt das heutige Mitglied der Athletenkommission im Internationalen Olympischen Komitee (IOC).

Im Jahr darauf gewann die deutsche Riege in München EM-Bronze im Team und präsentierte sich in der Qualifikation erneut im Ganzkörperanzug. Mit dabei neben Bui, Seitz, Voss und Pauline Schäfer-Betz war auch Emma Malewski, die jetzt in Rotterdam nach drei Jahren ihr Auswahl-Comeback feierte – im kurzen Dress.

„Ich glaube, das kam so ein bisschen von den Mädels, von denen die meisten mittlerweile aufgehört haben. Sie haben sich darin wohler gefühlt, was ich auch verstehen kann“, sagte Malewski. „Wir sind freier, wenn wir mit dem kurzen Anzug turnen.“

Schäfer-Betz: „Der lange Anzug bleibt mein Favorit“

Mit den Karriereenden von Seitz, Voss und Bui verschwanden zunehmend die langen Anzüge von der Bildfläche. Einzig Ex-Schwebebalken-Weltmeisterin Schäfer-Betz, die in Rotterdam verletzungsbedingt fehlte, blieb ihnen treu. „Der lange Anzug bleibt mein Favorit“, sagte die 29-Jährige diesen Sommer bei den EM in Zagreb.

Lieber in lang: Pauline Schäfer-Betz

Für die einheitliche Darstellung in der Mannschaft musste sie in der Qualifikation und im Team-Finale im kurzen Dress turnen – im Balkenfinale kam der lange zum Einsatz.

Das deutsche Team einheitlich: Lea Marie Quaas, Silja Stohr, Pauline Schäfer-Betz, Helen Kevric und Karina Schonmaier

Warum sich aber der elegante Ganzkörperanzug nicht gegen die knappen, badeanzug-ähnlichen Anzüge in Deutschland und erst recht nicht international durchgesetzt hat, darüber gehen die Meinungen auseinander. „Die Präferenz von den Turnerinnen ist, im Turnanzug ohne lange Hose zu turnen“, sagt Bundestrainer Gerben Wiersma. Außerdem habe der Ausrüster des DTB auch keine langen Anzüge im Sortiment.

Darin sieht auch Bousmayo einen der möglichen Gründe. „Die normalen Turnanzugmarken verkaufen ja auch gar keine Langbeiner. Die sind maßgeschneidert. Wenn eine bekannte Marke Langbeiner rausbringen würde, könnte das vielleicht etwas ändern“, sagte die Marokkanerin, die ihre Anzüge selbst designt.

Mögliche Nachteile langer Anzüge

Bousmayo startet aufgrund der Herkunft ihrer Eltern seit 2024 für Marokko, lebt und trainiert aber in Köln und turnt in der Bundesliga für das dortige Team. In der Mannschaft gelte auch für sie die Mehrheitsentscheidung. „Wenn es da kurze Anzüge sind, sind es kurze Anzüge, damit bin ich auch vollkommen fein. Aber ich turne ja einzeln international – und da habe ich natürlich die Chance, meine langen Anzüge zu präsentieren“, erzählte sie.

Für Malewski ist es auch eine Frage des Tragekomforts. In der Halle sei es ohnehin schon warm, und dann schwitze man so, sagte die 22-Jährige. Auch würden sie nicht immer 100-prozentig sitzen. Außerdem finde sie bei bestimmten Elementen die langen Anzüge hinderlich. Bei ihrem Barren-Abgang – einem Doppelsalto – müsse man sich an den Knien festhalten. „Manchmal passiert es, dass man abrutscht.“

Sieg in Kurz: Die Chinesin Zhang Qingying beim Mannschaftsfinale der Frauen in Rotterdam

Die frühere Schwebebalken-Europameisterin aus Chemnitz glaubt zudem, dass die Zeit für eine Wende weg vom knappen Anzug nicht reif ist. „Ich glaube, neue Sachen brauchen immer eine Zeit. Ich glaube, dass die Leute lieber beim Alten bleiben“, gab sie zu bedenken.

Kim Bui verfolgt bei der Suche nach einer Erklärung für das weitgehende Aus der langen Kleidung einen ähnlichen Ansatz. „Ich glaube, am Anfang war es manchmal das Thema, dass es einfach ein bisschen mehr gekostet hat. Und ich glaube, dass die Leute einfach an dieses Bild gewöhnt sind, dass Turnerinnen so aussehen und vielleicht auch auszusehen haben“, sagte die 37-Jährige. Vom 2021 ausgerufenen „Kulturwandel“ (Ulla Koch) ist heute keine Rede mehr, wohl aber von Selbstbestimmung. „Ich glaube, das ist einfach eine individuelle Sache, jeder wie er es gern hat“, sagte Bui – und war sich darin mit den anderen einig.

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