So ästhetisch, spektakulär und dynamisch Kunstturnen daherkommt, so faszinierend wirken die Leistungen der Weltklasseathleten. Doch hinter dem kurzen Moment im Rampenlicht, den wenigen Sekunden an einem der Geräte steckt enorm harte Arbeit – körperlich wie mental. Schließlich geht es auch um Perfektion, um die Vermeidung selbst kleinster Fehler, um außergewöhnliche Körperbeherrschung und Disziplin – und das ab einem frühen Alter. Helen Kevric war vier Jahre alt, als sie begann. Und sie liebt ihren Sport nach wie vor. Vor allem jetzt, da sie nach schweren Monaten wieder voll dabei ist.

Die Stuttgarterin gilt als Riesentalent und hat mit 18 Jahren schon einiges er- und auch durchlebt: Debüt bei den Olympischen Spielen mit 16, eine schwere Verletzung mit langer Zwangspause sowie ein goldenes Comeback bei den Europameisterschaften. Und jetzt gibt sie ihre WM-Premiere. „Wenn ich turne, kann ich alles vergessen. Es ist meine Leidenschaft“, sagt sie. „Ich habe schon viele schöne Erfahrungen mit dem Sport gesammelt. Und ich denke, dass noch einige kommen werden.“

Zunächst bei den Weltmeisterschaften in Rotterdam, wo sie Samstag im Finale am Stufenbarren steht. „Helen ist eine sehr ausgeglichene Turnerin“, sagt Fabian Hambüchen, Reck-Olympiasieger von 2016. „Aus deutscher Sicht ist sie die große Hoffnung.“ Dabei ist Kevric noch Schülerin, besucht die zwölfte Klasse. Montags heißt das: 7.55 Uhr bis 13.10 Uhr Schule, 14 bis 18 Uhr Training, danach Hausaufgaben, Abendessen, Schlafen. Dienstags beginnt der Tag mit Training vor der Schule, nach dem Unterricht folgen eine weitere Einheit und ein Termin beim Physiotherapeuten.

Glänzendes Debüt: Helen Kevric bei den Olympischen Spielen 2024 von Paris

Lange Zeit aber war an Training nicht zu denken, denn nach einer schweren Knieverletzung Ende Mai 2025 kämpfte Kevric mehr als ein Jahr um ihr Comeback. „Dass sie trotzdem in dem jungen Alter diesen Willen, diesen Kampfgeist hatte, stark zurückkehren zu wollen und dafür viel zu investieren, sich auch die Zeit zu nehmen – das ist eine Frage der Einstellung“, sagt Hambüchen. „Und das zeigt, dass sie mit vollem Herzen dabei ist und alles gibt, um schnellstmöglich wieder in Bestform zu sein.“

Kevric: „Dankbar, dass ich das erleben durfte“

Ihre ersten großen Erfolge feierte Kevric 2022 und 2023 beim Europäischen Olympischen Jugendfestival EYOG mit insgesamt neun Medaillen, davon sechs goldenen. 2024 setzte sie sich dann in der nationalen Olympiaqualifikation überraschend gegen die erfahrene Elisabeth Seitz durch, reiste sportartenübergreifend als jüngste deutsche Olympiateilnehmerin nach Paris und beeindruckte dort: Als einzige deutsche Turnerin schaffte sie es in zwei Finals und belegte dabei die Ränge acht (Mehrkampf) und sechs (Stufenbarren). Aber auch dann blieb sie selbstkritisch.

„Mich stört ein bisschen, dass ich am Ende zwei Fehler hatte, aber ich bin zufrieden“, sagte sie direkt nach dem Stufenbarren-Finale, und ergänzte mit einem Augenzwinkern: „Achter und sechster Platz für die ersten Olympischen Spiele – eigentlich ganz gut. Ich weiß jetzt: Wenn ich meine Übungen noch steigere, kann da noch deutlich mehr passieren. Deswegen freue ich mich, dass ich diese Erfahrung hier machen konnte.“ Und zwar inmitten von Turnstars wie Simone Biles und vor den Augen von Musik- und Schauspielgrößen Snoop Dogg und Tom Cruise.

Zwei Jahre sind seither vergangen, das Erlebte ist verarbeitet – und fest verankert. „Es war das schönste Erlebnis, das ich bis jetzt im Sport hatte“, sagt sie. „Ich habe nur Positives mitgenommen und bin super dankbar, dass ich das erleben durfte.“ Oft schaue sie sich Paris-Fotos an und erinnere sich an die Tage vor Ort. „Das gibt mir viel Motivation, auch mit Blick auf die Spiele 2028 in Los Angeles.“

Und plötzlich war alles anders

Die Erinnerung an Olympia half auch im vergangenen Jahr. Rückblick: Es ist der 30. Mai 2025, Mehrkampffinale der EM in Leipzig, Kevric beginnt am Sprung. Bei der Landung aber geht etwas schief, ihr Knie gibt nach, sie stürzt und bleibt mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Rücken liegen. Die Patellasehne und zusätzlich der Streckapparat des Kniegelenks sind gerissen. Es folgen Operation, Reha und ein mühsamer Neuaufbau. „Wenn man so ein großes Ziel wie LA vor Augen hat und weiß, wie schön es sein wird, lohnt es sich zu kämpfen“, sagt Kevric. „Wenn ich die Bilder aus Paris sehe, weiß ich, dass sich die harte Arbeit auszahlen wird.“

Kevric wird bei der Heim-EM 2025 nach ihrer Übung am Sprung verletzt zur Seite getragen

Noch schwieriger als körperlich empfand die 18-Jährige den Weg zurück auf mentaler Ebene. „Ich bin super dankbar, dass mir die Menschen um mich herum so viel Kraft gegeben haben“, sagt sie. „Es war auch nicht einfach, meinem Körper wieder vertrauen zu können.“ Mittlerweile kann sie das wieder – auch dank der Unterstützung ihrer Eltern und einer Sportpsychologin.

Erschwerend hinzu kam die Trainer-Situation in ihrer Heimat. Seit den Missbrauchsvorwürfen Anfang 2025 am Kunst-Turn-Zentrum Stuttgart ist Kevric, die betont, nie Opfer gewesen zu sein, mit wechselnden Verantwortlichen nicht zurechtgekommen. Im Februar 2025 waren zwei Trainer wegen Vorwürfen psychischen und physischen Missbrauchs entlassen worden, die Staatsanwaltschaft ermittelte. Kevric selbst hatte betont, nie Opfer gewesen zu sein und dass sie ihre Coaches zurückhaben wolle. Der Deutsche Turner-Bund engagierte Aimee Boorman, Ex-Trainerin von US-Star Simone Biles, doch die Zusammenarbeit funktionierte für Kevric nicht. Auch nicht mit LaPrise Williams, die helfen sollte. Mittlerweile trainiert Kevric teils in Stuttgart, hin und wieder in Italien sowie mit der Nationalmannschaft – eine Dauerlösung aber kann das nicht sein. „Mein Ziel und mein Wunsch ist es“, sagt sie, „dass ich wieder unter den Personen trainieren darf, denen ich vertraue.“

Beeindruckende Flugshow: Helen Kevric

Dass sie bei ihrem Comeback im Juli dieses Jahres sofort überzeugte, ist auch angesichts der Begleitumstände hoch zu bewerten: Bei den Deutschen Meisterschaften gewann sie zweimal Gold. Bei der EM im August in Zagreb feierte sie dann mit dem Sieg am Stufenbarren ihren ersten internationalen Einzeltitel. Noch ist Kevric nicht wieder bei 100 Prozent, aber sie nähert sich – und für ihr WM-Debüt traut Hambüchen der 18-Jährigen einiges zu. „Eine WM ist natürlich etwas anderes als eine EM“, sagt der Olympiasieger. „Auf der Weltbühne ist die Luft oben ganz schön dünn, aber Helen kann um die Medaillen kämpfen.“

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