Er hätte allen Grund gehabt, zufrieden zu sein. Doch Serhou Guirassy wirkte nicht, als ob er sich übermäßig freuen würde. „Halb-halb“ würde er seine Gefühlswelt beschreiben, sagte der Torjäger, der den BVB mit seinem Doppelpack beim 2:1-Sieg in Baku gegen den Champions-League-Debütanten Sabah FK davor bewahrt hatte, in eine Krise zu schlittern. Wäre diese Partie nicht gewonnen worden – der BVB wäre im Hinblick auf sein erklärtes Ziel, das Erreichen des Achtelfinales, bereits nach drei Spieltagen unter Druck geraten.

„Wir haben einige Chancen ausgelassen“, sagte der Torjäger und benannte damit ein Manko. Und das war nicht einmal das Einzige. Trotzdem aber, so Guirassy, sei der Sieg von enormer Bedeutung gewesen – nach zuletzt zwei Unentschieden in der Bundesliga (2:2 gegen Bremen und 0:0 bei Union Berlin) sowie einer Niederlage in der Königsklasse (0:1 in Bodö). „Die letzten Wochen waren anstrengend und schwierig“, sagte er.

Das vorherrschende Gefühl bei nahezu allen Dortmundern, die in einer Woche mehr als 11.000 Flugkilometer abreißen mussten, um zu ihren drei Auswärtsspielen in Norwegen, Berlin und Aserbaidschan und wieder nach Hause zu kommen, war deshalb vor allem: Erleichterung. „Es war ein sehr, sehr wichtiger Sieg und in der Art und Weise sehr, sehr zufriedenstellend. Wir haben das richtig gut gemacht, vor allem offensiv“, sagte Niko Kovac. Das war fast ein bisschen zu viel „sehr“.

Und dann war wieder ein altes Muster beim BVB erkennbar

Es war ein Arbeitssieg, und vieles war tatsächlich besser als zuletzt. Vor allem zu Beginn spielten die Borussen dominant und strukturiert nach vorne. Die Umstellungen, die der Trainer vorgenommen hat, kamen dem Team entgegen – insbesondere seine Maßnahme, mit einer Doppelspitze anzugreifen, zahlte sich aus: Fabio Silva spielte an der Seite von Guirassy, was den Gegner vor Probleme stellte. Die Abwehrspieler wussten nicht, auf welchen Stürmer sie sich konzentrieren sollten.

Per Doppelpack zum Sieg: Serhou Guirassy

Auch die Unterstützung aus dem Mittelfeld funktionierte besser: Felix Nmecha und vor allem Carney Chukwuemeka, der zu seinem Startelf-Debüt in dieser Saison kam, attackierten immer wieder die Tiefe. Die Folge waren durchdachte Angriffe, gute Möglichkeiten und die Führung von Guirassy (10. Minute), der eine schöne Kombination von Chukwuemeka und Silva vollendete. Vorausgegangen war ein Schuss von Nmecha, den Sabahs Keeper Stas Pokatilov nur nach vorn abklatschen konnte.

Danach wurde jedoch wieder ein altes Muster erkennbar: Die Dortmunder nahmen den Fuß vom Gas, offenbarten Abstimmungsprobleme. Bälle wurden leichtfertig verloren, das Gegenpressing funktionierte nicht richtig – es entstanden Räume für den Gegner. Der zwischenzeitliche Ausgleich für Sabah (39. Minute), als Aden McCarthy nicht am Kopfball gehindert werden konnte, war zu diesem Zeitpunkt nicht unverdient.

Ole Book wundert sich

Erst in der zweiten Halbzeit fingen sich die Borussen wieder – agierten ballsicherer und klarer. Der Siegtreffer durch Guirassy, der eine maßgenaue Flanke von Joey Veerman volley nahm (53.), war auch Ausdruck einer dann endlich wieder konzentrierten Spielweise. „Die Jungs hätten das Spiel höher gewinnen müssen, dann hätten wir nicht so bibbern müssen“, sagte Kovac. Es war der einzige Vorwurf, den er seiner Mannschaft machen wollte.

Dabei hätte es durchaus mehr Anlass zu Kritik gegeben. Doch davon und von einer Krise, die der Mannschaft vor der Partie bereits angedichtet worden war, wollte erst recht niemand etwas wissen. Sportdirektor Ole Book sah einen „deutlichen Schritt nach vorne“. Dabei ließ er – wahrscheinlich bewusst – die Tatsache außer Acht, dass diese Leistungssteigerung gegen einen Gegner zu verzeichnen war, dessen Marktwert knapp 580 Millionen Euro unter dem des Dortmunder Kaders lag. Doch über das Wort „Krise“ habe er sich schon „gewundert“.

Auch Gregor Kobel wies diesen Begriff weit von sich. „Ruhig …“, sagte der Torhüter, als er nach dem Schlusswort damit konfrontiert wurde. Es stimme zwar, dass die Leistungen in den vergangenen Spielen nicht überzeugend waren, doch gerade deshalb sei der zweite Sieg im dritten Champions-League-Spiel umso wichtiger gewesen. „Krise ist ein hartes Wort. Gerade in der Phase, in der viele Spiele zu spielen sind und du vorher aus einer langen Länderspielpause kommst, ist es wichtig, dass du bei dir bleibst.“

Da komme es darauf an, sich nicht verunsichern zu lassen. „Wir müssen Vollgas weitermachen, darauf kommt es an“, so Kobel. Selbstzweifel wollen sich die Dortmunder jedenfalls nicht einreden lassen.

Umstellung braucht Zeit, die der BVB nicht hat

Die positive Verstärkung, die am Dienstag in nahezu allen Aussagen zum Ausdruck kam, mag in Zeiten nicht enden wollender englischer Wochen, in denen zielgerichtetes Training kaum möglich ist, tatsächlich der einzig Erfolg versprechende Umgang mit offenkundigen Defiziten sein. Der BVB hat, das wurde auch in Baku deutlich, nach wie vor Probleme, die Transformation von einem in erster Linie auf Sicherheit ausgerichteten Stil hin zu einem offensiven Fußball zu bewerkstelligen.

Dass dies Zeit braucht, war von Anfang an klar. Das Problem ist nur: Die haben die Dortmunder nicht. Am Samstag kommt Eintracht Frankfurt, dann geht es gegen Werder Bremen im Pokal und dann zu den Bayern. Vor allem gegen Letztere dürfte eine Leistung wie die in Baku kaum reichen.

Hier liegt auch der Grund, warum Guirassy am Dienstag nur „halb“ froh war. „Das ist der Unterschied auf höchstem Niveau. Die besten Spieler der Welt zeigen jede Woche konstant Leistung. Aber wir sind Topspieler, also müssen wir daran arbeiten – ich selbst eingeschlossen. Wenn wir alle konstant spielen, können wir in dieser Saison viel erreichen“, sagte er und formulierte damit den Anspruch. In der Wirklichkeit bildet der BVB den bislang nicht ab.

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