„Nichts schönzureden“ – die Bayern im Tal der Konzentrationsfehler
Im Zentrum einer der reichsten Städte Norwegens griff der Klubchef nach Mitternacht zum Mikrofon. „Es gibt schönere Abende, um eine Rede zu halten“, sagte Jan-Christian Dreesen auf dem Bankett des FC Bayern im Festsaal des Hotels Radisson Blu Atlantic in Stavanger. An den Tischen vor dem Vorstandssitzenden saßen die Trainer, Spieler und Ehrengäste des deutschen Fußball-Rekordmeisters. Nach dem 3:3 (0:2) bei Viking Stavanger im zweiten Spiel der Champions League war niemand aus dem Münchner Tross in Feierlaune. „Diesen Ausflug hatten wir uns anders vorgestellt“, sagte Dreesen. Es seien unnötige Fehler passiert, „die wir so nicht sehen wollen“.
Erst 2:2 in der Bundesliga beim FC Augsburg, jetzt nur ein Punkt beim Außenseiter der Königsklasse. Zwei Enttäuschungen innerhalb von vier Tagen. In der Bundesliga nur Dritter, in der Tabelle der Champions League Vierter. Bayern-Trainer Vincent Kompany lernt in diesen Tagen das Wort kennen, das es wohl nur im deutschen Fußball gibt: Ergebniskrise.
Die Bayern sind sich selbst ein Rätsel. In dieser besonderen Nacht in Norwegen fielen bei Verantwortlichen und Spielern immer wieder drei Worte, die in dem Weltklub lange nicht so häufig zu hören waren: Fehler, unnötig und Alarm. Der Mannschaft fehlen in diesen Tagen die Cleverness und Konzentration, die sie sonst auszeichnen. Und die Fehlerquote ist für ihre Ansprüche deutlich zu hoch. Die Fahrigkeit zieht sich aktuell durch die Wettbewerbe. Das alarmiert die Bayern.
Kompany sagte nach dem Abpfiff der auf Kunstrasen ausgetragenen Partie, dass er nicht gut schlafen werde. Auf der Pressekonferenz nach dem Spiel fragte WELT ihn, was ihn im Spiel seiner Mannschaft besonders geärgert habe. Kompanys Antwort sagte viel aus.
Der Belgier ist bekannt dafür, nach Punktverlusten intern Klartext zu sprechen, sich öffentlich aber immer vor seine Spieler zu stellen. Nach dem verpassten Sieg in Norwegen sprach Kompany von sich aus von einer Ergebniskrise, ohne das Wort zu benutzen: „Es ist ein Tal in einer Saison.“
Der Chef schlägt Alarm. Damit seine Mannschaft nicht in eine echte Krise rutscht, macht er öffentlich Druck: „Jeder hat die zwei frühen Gegentore gesehen. Jeder hat die Gelb-Rote Karte gesehen. Jeder hat gesehen, dass wir das selbst verursacht haben. Man kann es nicht schönreden, sondern man muss die Reaktion auf dem Platz zeigen.“ Offensichtlich will er den Fokus seiner Spieler schärfen. Den Verantwortlichen des Klubs gefällt das. Sie halten es jetzt für nötig.
Bayerns „zweite Reihe“ nicht zufriedenstellend
Bereits in den ersten Fernseh-Interviews hatte Kompany Klartext gesprochen: „Es ist unsere eigene Schuld. Wir sind sehr überlegen, auch am vergangenen Wochenende. Die Substanz ist nicht so schlecht, aber es sind totale Konzentrationsfehler. Wir waren einfach nicht schlau – nicht gegen Augsburg, wo wir nach acht Sekunden ein Gegentor bekommen, und nicht heute, wo wir nach eineinhalb Minuten ein Gegentor bekommen, wo wir eigentlich den ersten Ball aus der Ecke rausspielen müssen. Dann kommt ein bisschen Übermut dazu und im Moment ist einfach jede Chance ein Tor für den Gegner. Aber wir kreieren diese Momente selbst.“
Er hatte seine Startelf auf sechs Positionen verändert – und dennoch fehlte wieder einiges. Die „zweite Reihe“ um Verteidiger Minjae Kim und Tom Bischof funktionierte nicht zufriedenstellend; die Zugänge Nathaniel Brown und Ismael Saibari brauchen trotz aller Stärken noch Eingewöhnungszeit.
71 Sekunden dauerte es, bis Gianni Stensness so jubeln durfteDie Bayern verzichteten in Norwegen auf die laut Klubangaben angeschlagenen Manuel Neuer und Aleksandar Pavlovic, und zudem ist Jamal Musiala nach seiner Verletzung noch nicht wieder fit. Lennart Karl, den Kompany in Stavanger von Beginn an spielen ließ, fehlen nach seiner Verletzungspause offensichtlich Rhythmus und die Bindung ans Spiel. Dadurch fehlt die Effizienz im Spiel über beide Außenbahnen.
In Augsburg nahmen die Münchner das schnellste Bundesliga-Tor nach 8,4 Sekunden hin. In Stavanger jubelte Gianni Stensness vor 15.466 Zuschauern nach 71 Sekunden. Die Reaktion der Bayern nach dem 0:2 – Peter Christiansen (38.) erhöhte für den norwegischen Meister – stimmte. Nach Treffern von Harry Kane (54./Foulelfmeter, 60.) und Luis Díaz (71.) führten sie, und hatten innerhalb von 17 Minuten die Partie gedreht. Dann bekam Michael Olise die Gelb-Rote Karte – der Offensivstar hatte sich von dem früheren Fürther Zlatko Tripic provozieren lassen und ihm den Ball ins Gesicht geworfen.
In Unterzahl kassierte seine Mannschaft das 3:3, Herman Haugen traf. „Wenn man in einem entscheidenden Moment noch einen Fehler macht, wird man bestraft“, brachte es Kane auf den Punkt. Kompany sagte, man habe sich selbst „in den Fuß geschossen mit dieser roten Karte“.
Gibt es eine Strafe für Olise? Sportvorstand Max Eberl hielt sich zurück. Das werde man „in Ruhe“ besprechen, sagte der 53‑Jährige. Wie Dreesen und Kompany war Eberl sauer. „Das sind zu viele Fehler, und dann kannst du eben auch hier in Stavanger nicht gewinnen“, sagte er. „Das ist nicht das Niveau unserer Mannschaft. Unser Niveau in der Mannschaft ist ein anderes. Das kriegen wir momentan nicht auf den Platz“, so der Sportvorstand. 13:3 Torschüsse und 73 zu 27 Prozent Ballbesitz dokumentierten die Überlegenheit der Bayern. „Ich sage nicht, dass wir nicht investieren. Ich sage nicht, dass wir keine Torchancen haben. Aber zwei Tore Augsburg, drei Tore Stavanger sprechen eine eindeutige Sprache.“
Woran liegt es? „Das hat gar nicht nur mit der Defensive zu tun. Das hat mit Aufmerksamkeit zu tun, mit der Bereitschaft, meine Aufgabe zu erfüllen“, sagte Eberl. „Wenn wir im Angriff sind, dann hat eben nicht jeder den Angriff mitzugestalten. Dann gibt es eben auch welche, die aufpassen müssen, dass wir keinen Konter fressen.“
Kimmich ist „innerlich in Alarmbereitschaft“
Die Münchner müssen sich schnell steigern. Am Samstag (18.30 Uhr, Sky und im Liveticker bei WELT) empfangen sie im Topspiel der Liga RB Leipzig. „Man muss schon anerkennen, dass momentan ein bisschen was fehlt“, sagte Kapitän Joshua Kimmich. Man begehe zu viele Fehler.
„Ich weiß nicht, ob ihr euch erinnert“, sagte der Nationalspieler nach dem Spiel im Gespräch mit Reportern, „aber ich habe schon relativ zu Beginn der Saison gesagt, dass ich das Gefühl habe, dass wir noch nicht auf unserem Top-Level sind. Das spüre ich im Moment immer noch. Innerlich bin ich in Alarmbereitschaft“, betonte Kimmich. „Aber nach außen oder auch nach innen in die Truppe hinein habe ich schon großes Vertrauen, dass wir das auch schnell wieder umstellen können. Wir müssen aber damit anfangen, das umzustellen.“
Sicher vom Punkt: Harry Kane hat im neunten Königsklassen-Spiel in Serie getroffenOhne die Treffsicherheit Kanes hätte seine Mannschaft möglicherweise sogar verloren. Es war das neunte Champions-League-Spiel in Folge mit mindestens einem Tor des Stürmers. Einzig Rekordhalter Cristiano Ronaldo (elf) kann das toppen. Kane fordert gegen Leipzig eine Leistungssteigerung seines Teams: „Wir haben jetzt die Chance, eine Reaktion zu zeigen. Keine Saison verläuft perfekt. Nachdem wir jetzt zweimal hintereinander unentschieden gespielt haben, liegt es an uns als Spielern, die Verantwortung dafür zu übernehmen.“
Das sollte dazu beitragen, dass die Worte „Fehler“, „unnötig“ und „Alarm“ beim FC Bayern bald nicht mehr so oft fallen.
Julien Wolff ist Redakteur im Sportkompetenzcenter. Er berichtet für WELT seit vielen Jahren über den FC Bayern, die Nationalmannschaft sowie über Fitness-Themen. In Norwegen saß Wolff am Dienstag auf der Medientribüne.
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