Was ist diese Tabellenführung wert, wenn der Zwangsabstieg droht?
Was die Anhänger im Mutterland des Fußballs mehrheitlich vom unfassbar anmutenden Finanzskandal halten, bekam Manchester City beim ärgsten Rivalen zu spüren. „Eure Titel sind Betrug, eure Geschichte ist gefälscht“, stand auf zahlreichen präsentierten Bannern im Liverpooler Fanblock. Sportlich verlief das erste Auswärtsspiel nach Bekanntwerden der Ergebnisse der Untersuchungskommission am Sonntagabend mit dem 3:0-Sieg zwar ansprechend. Doch alle Darbietungen auf dem Platz sind nun jäh mit dem Unterton der systematischen Irreführung versehen.
Eine ganze Generation fühlt sich betrogen, weil das Ausmaß des Eklats immens ist und jeder andere Klub der Premier League als Leidtragender gilt. Wegen Verstößen gegen die Finanzregeln der englischen Eliteklasse zwischen den Spielzeiten 2009/10 und 2017/18 war der Topverein von einer unabhängigen Kommission in allen Anklagepunkten für schuldig befunden worden. Man City soll seine Einnahmen unter anderem mithilfe von Scheinverträgen mit Sponsoren künstlich erhöht und zugleich seine Kosten gedrückt haben. Dies verstößt gegen die Regeln der Spitzenliga.
Die Kommission bezifferte den Effekt des Modells im betroffenen Zeitraum auf mehr als 900 Millionen Pfund (umgerechnet rund 1,05 Milliarden Euro). Die Premier League wirft City zusätzlich einen Mangel an Kooperationsbereitschaft bei der Aufklärung vor.
Ausgelöst worden waren die Ermittlungen durch die Enthüllungen der „Football Leaks“ im „Spiegel“. Nach mehrjährigen Ermittlungen hatte die Premier League den Klub, der seit 2008 Scheich Mansour aus der Herrscherfamilie von Abu Dhabi gehört, im Februar 2023 angeklagt. Dreieinhalb Jahre später liegen nun die Ergebnisse vor, die dunkle Schatten werfen. Der Verein konnte sich offensichtlich nur durch Tricks Verpflichtungen wie den mit einem Marktwert von 220 Millionen Euro teuersten Fußballer der Welt, Ex‑BVB‑Star Erling Haaland, leisten.
Klub vor ungewisser Zukunft
Persönlich scheint Haaland der beispiellose Finanzskandal vor dem Duell der Champions-League-Giganten mit Paris Saint-Germain am Mittwoch (21.00 Uhr, DAZN und im WELT-Liveticker) nur wenig zu belasten. Der norwegische Weltklassestürmer tut das, wofür er sein üppiges Millionengehalt bekommt. Tore schießen – trotz der höhnischen Gesänge der gegnerischen Anhänger. „Man muss sich um das kümmern, was man beeinflussen kann“, sagte der 26-Jährige nach dem 3:0 beim FC Liverpool dem Sender Sky Sports. „Was wir machen können, ist, guten Fußball zu spielen“, betonte Haaland.
Weltklassestürmer Erling Haaland beim Sieg in LiverpoolZwar lassen sich die Profis des englischen Tabellenführers nichts anmerken, aber es geht für sie um viel. „Niemand weiß, ob die drei Punkte, die City in Anfield geholt hat, an Weihnachten noch City gehören“, schrieb Kolumnist Jonathan Wilson im „Guardian“. „Niemand weiß, in welcher Liga sie in der nächsten Saison spielen.“
Am Mittwoch in der Champions League gegen PSG soll Ex-Coach Pep Guardiola auf der Tribüne für moralische Unterstützung sorgen. Doch viele Fans dürften sich fragen, wie lange es überhaupt noch europäischen Fußball für Man City gibt. Berichten zufolge wäre es Guardiolas erster Besuch im Etihad-Stadion seit seinem Abschied im Sommer. Kurz nach dem Urteil hatte sich der 55-Jährige bei Instagram demonstrativ hinter seinen Ex-Klub gestellt: „Lasst mich eines klarstellen: Wir werden das gemeinsam durchstehen.“
Held in Manchester: Pep GuardiolaSportlich läuft es auch ohne ihn gut. Nachfolger Enzo Maresca hat einen Traumstart hingelegt: sechs Siege aus sechs Spielen, drei Punkte Vorsprung auf Meister Arsenal. Doch über dem Erfolg hängt ein dunkler Schatten – und die Frage: Was ist die Tabellenführung wert, wenn ein massiver Punktabzug oder womöglich der Zwangsabstieg droht?
„Verschwörungstheorie der Premier League“
Der Verein bestreitet alle Vorwürfe und hat Berufung eingelegt. Wann eine endgültige Entscheidung fällt, ist offen. Geschäftsführer Ferran Soriano sprach sogar von „einer Verschwörungstheorie der Premier League“. Unangenehmen Fragen weicht er aus. Ob City angesichts der Scheinverträge ein „Schein-Klub“ sei, wollte ein Reporter des Senders Sky News wissen. Soriano blieb eine Antwort schuldig.
Auf der Insel ist City derweil die Zielscheibe allen Spotts. An der Liverpooler Anfield Road gab es jedes Mal, wenn ein City-Profi den Ball berührte, Anfeindungen zu hören. Auch in den anderen Stadien dürfte sich der Spott der Fans über City ergießen. „All of your stars are fading away“ („Alle eure Sterne verblassen“) stand in Liverpool auf einem weiteren Banner der Heimfans – eine Zeile aus einem Song der weltbekannten Band Oasis. Die Gallagher-Brüder aus Manchester zählen zu den prominentesten City-Fans. Noel Gallagher bejubelte den Sieg in Anfield ausgelassen.
City-Fans geben sich trotzig
„Wir müssen lernen, mit diesem Lärm umzugehen“, sagte Maresca nach dem Spiel. „Wir müssen unseren eigenen Lärm machen. Und unser Lärm ist, Spiele zu gewinnen – so wie heute.“
Auch international droht erneut Ärger. Schon 2020 hatte die Uefa City wegen Verstößen gegen das „Financial Fairplay“ von den europäischen Wettbewerben ausgeschlossen. Der Internationale Sportgerichtshof Cas hob die Sperre auf, am Ende blieb eine Geldstrafe von zehn Millionen Euro. Ob City ein zweites Mal so glimpflich davonkommt, ist offen.
Ein Zwangsabstieg wäre das vorläufige Aus für die Königsklasse. Ob im Etihad auch in Zukunft noch Klubs aus Paris, Madrid und Neapel zu Gast sind, entscheidet sich nicht auf dem Platz.
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