Der Saisonverlauf mit Verstappens aktueller Form? „Wäre beängstigend“, sagt Antonelli
Das Feuerwerk über dem Marina Bay Street Circuit genoss Max Verstappen wie zu früheren Zeiten, als seine Dominanz nahezu erdrückend war. In Kimi Antonelli stellte sich in Singapur aber längst der kommende Weltmeister der Formel 1 ins Rampenlicht. Trotz Flüssigkeit im Chassis und Bremsproblemen raste der Mercedes-Pilot beim eher unspektakulären Nachtrennen noch auf Position drei.
Vor der Glitzerkulisse des Stadtstaats musste sich der Shootingstar nicht groß mit Verstappen als möglichem Problemfall beschäftigen. Es blieb an sich nur die Frage: Was hätte es bloß für den WM-Kampf bedeutet, wenn der viermalige Champion im Red Bull in dieser Saison noch früher in die Erfolgsspur gefunden hätte? „Das wäre wirklich beängstigend“, meinte Antonelli nach Verstappens Triumphshow.
Es war ja ein seltsamer Makel, dass dessen historische Erfolgsbilanz bis zu seinem 250. Rennen keinen einzigen Sieg auf den Straßen von Singapur aufwies. Doch diese Lücke ist jetzt geschlossen. Zusammen mit der Leistungssteigerung von Red Bull ist er der klare Lichtblick dieses Saisonfinals. Es war der 73. Sieg seiner erstaunlichen Karriere. Niemand hatte ihm vor Saisonbeginn auch nur den Hauch einer Titelchance zugetraut – und dann im weiteren Saisonverlauf auch nicht diese bemerkenswerte Aufholjagd.
In den USA kann Antonelli Formel-1-Geschichte schreiben
Nun aber gehört der Niederländer sechs Grand Prix vor dem Saisonfinale zu einem Sextett, das zumindest noch rechnerische Chancen auf den Titel hat. „Ein tröstlicher Sieg für Verstappen in Singapur“, kommentierte die spanische Sporttageszeitung „As“, „so wohltuend wie ein Teller Linsen. In einem Jahr voller Elektromotoren, Superclipping, Softwareproblemen und einer Überpräsenz von Mercedes hat auch der durchschnittliche Fan einen erdrutschartigen Sieg von ,Mad Max’ wie in alten Zeiten genießen können.“
Der Favorit auf den Titel ist indes Antonelli, der schon beim nächsten Rennen in zwei Wochen in den USA zum jüngsten Weltmeister der Formel-1-Geschichte aufsteigen kann. Der Mercedes-Pilot würde mit erst 20 Jahren Sebastian Vettel ablösen, der 2010 bei seinem ersten Triumph mit Red Bull 23 Jahre alt war.
„Wenn man sich die Zahlen ansieht und die Wahrscheinlichkeit seines Erfolgs berechnet, liegt diese wahrscheinlich bei fast hundert Prozent. Aber es ist Motorsport, man kann eine Panne haben, man kann Unfälle bauen, und dann könnte es noch spannend werden“, meinte Mercedes-Teamchef Toto Wolff über den greifbaren WM-Triumph für seinen Jungstar.
Die WM-Wertung ergibt folgendes Bild: Antonelli (340 Punkte), Russell (238), Hamilton (229), Verstappen (221) sowie Charles Leclerc (215) und Lando Norris (201). 150 Punkte kann ein Fahrer im Idealfall noch holen, da ein Sieg 25 Zähler einbringt. Nach dem Grand Prix in den USA in Austin braucht Antonelli mindestens 125 Punkte Vorsprung für den vorzeitigen Titel.
Sollte am Saisonende zwischen Fahrern Punktgleichheit herrschen, entscheidet zunächst die Anzahl der Siege über den Titel. Antonelli hat bereits acht Rennen gewonnen. Nur Russell als ärgster Verfolger könnte ihn mit drei Erfolgen noch überholen.
Und: Sollte die Formel 1 bis zum USA-Rennen entscheiden, dass die letzten beiden Grand Prix in Katar und Abu Dhabi wegen des Irankriegs nicht ausgetragen werden können und durch Imola als Finale ersetzt werden, bräuchte Antonelli nach dem Event in Austin nur 100 Punkte Vorsprung für den vorzeitigen Titel.
In diesem Fall wären Leclerc und Norris als WM-Widersacher schon draußen. Und Antonelli wiederum könnte es sich in den USA erlauben, höchstens zwei Punkte auf Russell, elf auf Hamilton und 19 auf Verstappen einzubüßen.
In Verbindung mit Verstappen ist Red Bull wieder eine Rakete
Da darf man auf dem Heimflug schon mal ein bisschen vom Gipfelsturm träumen, oder? „Auf jeden Fall. Ich weiß, dass es ganz nah ist. Ich weiß, dass es in Reichweite ist, aber ich muss sicherstellen, dass ich weiterhin mein Bestes gebe“, beteuerte Antonelli, der sich mit einer exzellenten Leistung in Singapur samt starkem Überholmanöver gegen Hamilton kurz vor Schluss Rang drei sicherte. „Die Einstellung ist immer dieselbe: rausgehen, gewinnen und die beste Leistung zeigen.“
Diese Mentalität eint ihn mit Verstappen. Der 29-Jährige wurde schon viermal Weltmeister. Genauso zeichnet ihn aus, wie er mit Red Bull die Entwicklung des Autos immer wieder in die richtige Richtung drehen kann. Nach einer miserablen ersten Saisonhälfte erkämpfte sich Verstappen nach der Sommerpause 112 Punkte. Nur Antonelli holte in diesem Zeitraum in sechs Rennen mehr (121).
Job getan, Feier kann beginnen: Das Team von Red Bull genoss den Triumph in vollen ZügenDas neue Aerodynamik-Paket seit Baku Ende September hat den RB22 in Verbindung mit Verstappen wieder zu einer Rakete werden lassen. Bei Mercedes auf der anderen Seite verstehen sie die Eigenheiten ihrer Weiterentwicklung noch nicht ganz.
„Unser Auto hat wirklich einen schönen Schritt nach vorn gemacht“, sagte Verstappen, auf dessen Siegeslandkarte in der aktuellen Formel 1 nach dem Erfolg in Singapur nur noch Madrid fehlt. „Es lässt sich einfach besser fahren und ist berechenbarer. Genau das wollte und brauchte ich von dem Auto, um diesen letzten Schritt zu machen und ganz vorn mitzukämpfen.“ Wie in alten Zeiten. Verstappen tue „genau das, wozu Max Verstappen neigt: Er gewinnt von der Pole-Position aus“, kommentierte das englische Blatt „Daily Mail“. Eine Woche nach seinem ersten Saisonsieg in Malaysia lieferte der wieder erstarkte Verstappen nun mit dem Erfolg im Sprint und der Pole Position ein perfektes Wochenende ab. Ohne große Mühe hielt er im Rennen Verfolger Charles Leclerc im Ferrari souverän in Schach.
Wie hat Red Bull die Wende geschafft? Seit dem Knall-Abgang des langjährigen Teamchefs Christian Horner im Sommer 2025 herrscht wieder Ruhe im Rennstall. Es sei nun „weniger stressig“, meinte Verstappen. Keine Nebenkriegsschauplätze mehr. Dafür ein geerdeter Teamchef in Laurent Mekies mit reichem Ingenieurshintergrund.
Verstappens neue Blüte muss eine Warnung an die Konkurrenz sein. Upgrades wird es bei Red Bull in diesem Jahr nicht mehr geben. Der Fokus liegt auf der Entwicklung des Autos für 2027. Bis dahin sollten auch die Probleme mit Verstappens Funk ausgeräumt sein. Sie begleiten ihn schon die ganze Saison, doch in Singapur war es extrem.
Während des Rennens klang Verstappens Stimme über Funk teilweise wie ein stotternder Roboter. Die Kommunikation war gestört. Sein Renningenieur Gianpiero Lambiase, der mit dem Star zur Zeremonie auf das Podium durfte, griff auf einen Code zurück: Verstappen sollte irgendwann einfach gar nichts mehr erwidern, sondern stattdessen die Schalter am Lenkrad benutzen, um Antworten zu geben. Auch das gelang. Weltklasse ohne Worte.
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