Manchmal schenkt uns die Fantasie ungeahnt schöne Momente. Hier ist ein solcher. Sogar durchaus realistisch, wenn da nicht ein Tag, ja, ein schrecklicher Moment, das Schicksal der Familie Schumacher in eine andere Richtung gelenkt hätte …

Das fiktive Szenario. 370 000 Fans jubeln Mick Schumacher zu. Die drei Formel-1-Renntage in Monza 2026 sind ein einziges Ferrari-Festival. 20 Jahre nach Schumis Rücktritt bei Ferrari rast Sohn Mick hinter Mercedes-­WM-Leader Kimi Antonelli um den weltweit schnellsten Kurs. ­Ferrari-Teamkollege Charles Leclerc drängt sich in der vorletzten der 53 Runden an Schumi junior vorbei. Monza bebt. Antonelli, ihr italienischer Superstar, vor den beiden Ferraris. Was für ein Podium! „Bild“ titelt: „Monza – Mick Dritter, ferrarioso“

Verrückt? Ja, verrückt!

Wenn da nicht jener 29. Dezember 2013 gewesen wäre. Jener Stein. Jene Skipiste in den französischen Alpen. Jener Moment, der Michael Schumacher durch die Luft katapultierte, als er auf einem anderen Felsbrocken landete. Jener Mick, sein Sohn, musste diesen schrecklichen Unfall mit­ansehen.

Mick war damals 14. Und dieser Moment, diese Bilder, beendeten eine erfolgreiche Formel-1-Karriere. Denn gerade in den folgenden vier, fünf, sechs Jahren hätte Mick die Ratschläge, die Tricks, die Kraft, das Vertrauen, die Beziehungen seines Vaters für eine steile, Entschuldigung: geile Karriere gebraucht.

Schumi hatte mir, dem Autor dieses Textes, der Michael in seiner gesamten Formel-1-Zeit als Reporter hautnah begleiten durfte, mal gesagt: „Der fährt schon jetzt besser Kart als ich damals.“ Mick war zu jener Zeit fünf, sechs Jahre alt.

Traurige Gegenwart. Die Gehirnschäden des Steinaufpralls an jenem 29. Dezember 2013 blieben bis jetzt irreparabel. Auch wenn er nicht mehr ans Bett und Versorgungsschläuche gefesselt ist, kämpft Michael Schumacher, unser siebenmaliger Formel-1-WM-Held, mit einem angeblich bis zu 15-köpfigen Ärzte- und Betreuer-Team um Fortschritte seines Zustandes.

Immerhin kann er inzwischen auf das Mallorca-Anwesen der Schumachers mit einem Hubschrauber geflogen werden. Dort die warme Luft atmen, im Rollstuhl durch den Garten geschoben werden, für kurze Zeit die Natur, das Umfeld mit Bäumen und Pflanzen, wahrnehmen.

Das war aber schon vorher so, als ihn Erzbischof Georg Gänswein 2018 besuchte. Der damalige Papstsekretär plauderte kleine Details über den Gesundheitszustand aus, die aber längst vom Bundesgerichtshof wegen Verletzung des Persönlichkeitsrechts verboten sind.

Störenfriede aus der Luft

Die Familie, Corinna, die Kids und Managerin Sabine Kehm bitten nach wie vor, diese zutiefst private Situation zu respektieren. Auch im Sinne von Michael, dem sein Familienleben schon immer heilig war. Er würde auch die Störenfriede aus der Luft – immer mal wieder kreisen Drohnen über dem Anwesen im schweizerischen Gland und auf Mallorca – nicht mögen.

So schicksalhaft und bedrückend die Gegenwart sein mag – desto leuchtender, ja strahlender ist seine EINMALIGE Leistung: vom Kiesgruben-Bengel eines Kaminbauers, der seine Kartreifen aus der Mülltonne fischte, zum besten Rennfahrer der Welt.

Klick. Klick. Klick. Klick. Tausende Bilder flashen vor meinen Augen.

… wie japanische Fans bei den Suzuka-Rennen auf die Knie vor ihm fielen.

… wie sich seine Hände nach dem Crash mit Damon Hill in Adelaide 1994 in den Zaun krallten.

… wie wir 1996 nach seinem ersten Ferrari-Sieg im Regen von Barcelona auf einer Steintreppe saßen.

… wie er im April 2003 mit rot geweinten Augen in Imola den traurigsten seiner 91 Siege hinunterschluckte, nachdem seine Mutter Stunden vorher verstorben war.

… wie brutal er 2010 im Mercedes seinen Ex-Ferrari-Teamkollegen Rubens Barrichello im Williams in Ungarn bis auf ein paar Millimeter an die Mauer drückte.

… wie er bei Liebes- und Gefühlsfilmen nach Tempos greifen musste.

Welch viele, viele Gesichter er haben konnte.

Unvergessen der stechende Wut-Blick 1998 in Spa. Schumi knallt dem viel zu langsam fahrenden David Coulthard ins Heck. Sein rechtes Vorderrad fliegt an seinem Kopf vorbei. Er stellt das „schnellste Dreirad der Welt“ in der Box ab, stampft fuchsteufelswild in die McLaren-Box, schreit Coulthard an: „Willst du mich umbringen?!“

Als ich Schumi – auch in der Berichterstattung – für dieses aus meiner Reporter-Sicht in der Regengischt gänzlich unnötige Überrundungs-Manöver für wahnsinnig erklärte, suchte er beim nächsten Rennen das Gespräch mit mir. „Jetzt frage ich dich: Wie würdest du reagieren, wenn du bei strömendem Regen 150 fährst, und direkt vor deiner Nase schert einer mit 100 aus? So musst du dir das vorstellen, bevor du mich verurteilst.“

Der hat nen Reifen verloren: Das Meme wurde 1998 in Spa zur Realität

Was ich damit sagen will: Schumi versuchte immer, sich zu erklären. Auch bei seinen Schatten-Manövern, Benetton-Verdächtigungen mit biegsamem Unterboden, ausgebauten Tank-Filtern. Aus seiner Sichtweise war das immer okay. Aber ist das nicht auch bei uns ein normaler Reflex, dass wir erst mal, egal wobei, nie schuld sind?! Nur: Bei uns schaut eben nicht die ganze Welt zu.

Was ihn von den meisten ganz Großen trotzdem unterschieden hat: Schumi ist immer, mal früher, mal später, aus seiner Schmollecke rausgekommen.

Überhaupt, ganz, ganz viele, sehr, sehr unterschiedliche Dinge haben diesen Dr.-Jekyll-und-Mr.-Hyde-Kerl in einen einmaligen Welt-Status gehoben.

Sein Ehrgeiz

Schumi hat schon während der Sportwagen-WM 1990 seinen Physio nach einem besseren Müsli gefragt als das seiner Sauber-Mercedes-Teamkollegen Jochen Mass und Karl Wendlinger. Er wollte die neuesten Bridgestone-Reifen testen, von denen nicht einmal der Bridgestone-Formel-1-Manager wusste, dass es sie gibt.

Seine Einstellung

Er saß oft bis nach Mitternacht mit den Ingenieuren und Technikern an der Strecke. Er wollte nicht nur schnell fahren, er wollte immer alles wissen und verstehen, warum wie was funktionierte – oder nicht. Ein Vollprofi vom PR-Foto bis zur Getriebe-Einstellung.

Seine Fitness

Schumi war der erste Formel-1-Fahrer, der größten Wert auf Ernährung und körperliche Fitness legte. Ergebnis: acht Prozent Körperfett (normal 15 bis 20), Ruhepuls von 38 (normal 60 bis 80). Diese vorbildlichen Werte waren/sind wichtig für die physischen Anforderungen.

Das sind nur Mini-Beispiele für das mit außergewöhnlichen, schnell vergessenen Highlights gespickte Kunstwerk Schumacher.

1991: Jordan-Pilot Bertrand Gachot sprüht einem Taxifahrer Reizgas ins Gesicht. Festnahme. Schumi darf den Jordan in Silverstone testen. Team-Manager Foster funkt zum nicht anwesenden Chef Eddie Jordan: „Hier ist ein Irrer, wir müssen ihn bremsen, der zerlegt das Auto.“

Ein paar Tage später taucht Schumacher in der Jordan-Fabrik auf, schickt die Leute, die seinen Sitz anpassen, nach Hause: „Es ist spät geworden, ich mache den Sitz fertig.“ Ein paar Tage später sitzt Schumi in Spa in seinem selbst gefertigten Jordan-Sitz.

Start einer Weltkarriere: Schumacher bei seinem Formel-1-Debüt im Jordan

Das Team ist klamm. Die Kupplung billig und gebraucht. Nach einem sensationellen siebten Startplatz beim Formel-1-Debüt knallt die Kupplung beim zweiten Start durch.

Formel-1-Macher Bernie Ecclestone wusste, dass Jordan nächstes Jahr die schwächeren Yamaha-Motoren bekam und musste das Talent Schumacher zum besseren Benetton-Team mit Ford-Motoren hieven.

Wieder so ein Highlight. Nächtliche Marathon-Verhandlung in der Villa d’Este am Comer See. Ecclestone, Eddie Jordan, Flavio Briatore. Mitternacht. Ecclestone schickt Schumi ins Bett: „Mach dir keine Sorgen, schlafe gut, morgen wachst du als Benetton-Fahrer auf.“ So war’s.

Schumi sieht, dass es auch mit Slicks gehen müsste – Sieg!

Auch der erste Grand-Prix-Sieg, natürlich Spa, außergewöhnlich. Schumi rutscht raus, Benetton-Kollege Brundle rauscht vorbei. Schumi sieht an dessen Reifen, es müsste auch mit Slicks gehen. Er kommt rein, vor allen anderen. Sieg! Alle wissen: Der ist schnell und schlau. Schumachers zweiter Sieg – mit 0,9 Sekunden in Portugal vor Vierfach-Champion Alain Prost im besten Auto Williams-Renault.

Wieder Spa – die legendäre Rennstrecke ist auch der Ort von Schumachers (r.) erstem Rennsieg

Das Unglaubliche. Ayrton Senna rast in den Tod.

Das Chaos. Schwarze Flagge in Silverstone überfahren. Bodenplatte in Spa abgehobelt.

Das Skandal-Jahr. Zweimal disqualifiziert. Zwei-Rennen-Sperre obendrauf.

Das WM-Jahr. Vier Rennen weniger als Damon Hill (der alle vier gewann) und trotzdem Champion! Durch den Rempler mit Hill in Adelaide fliegen beide Kontrahenten raus. Michael Schumacher mit EINEM Punkt Vorsprung Weltmeister. Der Renault-Williams mit Hill und Coulthard das klar bessere Auto. Schumi gewinnt trotzdem neun Rennen. Auch dank Superhirn und Meisterstratege Ross Brawn verteidigt Schumi seine WM-Krone.

1996 beginnt die Mission Impossible. Heilsbringer Schumacher holt in der roten Gurke drei Siege! Was viele vergessen haben: Schon in den nächsten drei Jahren schnuppert Schumi jedes Mal am herbeigesehnten Titel in Rot.

1997 schubst er Villeneuve (und sich) raus.

1998 explodiert der Motor – und der Traum im Duell mit Häkkinen.

1999 endet der WM-Kampf mit Schienbeinbruch in Silverstone und dem internen Zwist hinter den (Garagen-)Türen zwischen Ferrari-CEO Montezemolo und seinem Ferrari-Teamchef. Jean Todt wollte den Fahrertitel für seinen Freund Michael Schumacher aufheben, Montezemolo wies Schumi an, für Irvine zu fahren. Ausgang bekannt: Häkkinen feierte mit zwei Pünktchen vor Irvine seinen zweiten WM-Titel.

Die fünf triumphalen Weltmeisterschaften (2000 bis 2004) bleiben allen im Kopf. Ein einziger roter PS-Rausch.

Siebenfacher Champion – nur Lewis Hamilton hat genauso viele Titel gesammelt

Tränenreicher Ferrari- und Formel-1-Abschied 2006. Teamchef und Schumi-Freund Jean Todt streckte schon 2006 die Fühler nach Kimi Räikkönen aus, nachdem intern bekannt war, dass der Rekordchampion Schluss macht. Der Finne saß 2007 in Schumachers Cockpit – und derselbe drei Jahre später beim Sensations-Comeback im Mercedes. Ein gelöster Schumi mit vielen ungelösten Auto-Problemen. Nichts lief so richtig. Kurioserweise ähnelt das Mercedes-Aus 2012 nach drei Jahren so ein wenig dem Ferrari-Abschieds-Szenario.

Schumi zögerte mit einer Verlängerung. Niki Lauda verhandelte heimlich mit Lewis Hamilton. Der siebenmalige Weltmeister war nach drei Jahren Entwicklungsarbeit raus. Der Triumphzug von Hamilton (sechs seiner sieben Fahrertitel zwischen 2014 und 2020, 2008 McLaren) mit dem neuen Teamchef Toto Wolff ab 2013 begann.

Am Ende desselben Jahres der Schicksalsschlag.

Schumacher war mehr als der Rennfahrer

Sollte das Leben des Michael Schumacher jemals auf die Hollywood-Leinwand kommen, benötigt der Regisseur zwei Schauspieler für diese Rolle. Einen für den Rennfahrer. Einen für den Menschen. Schumi war zwei Menschen. Wir haben meist nur den Rennfahrer gesehen. Aber es gab auch den Menschen, den er so gerne vor der Öffentlichkeit versteckte.

► Die spontane, einzigartige Zehn-Millionen-Dollar-Spende für die Tsunami-Flutwellen-Opfer 2004 in Südostasien. Er kümmerte sich persönlich um die Verwendung der Gelder.

► Eine Million Dollar gab er für die Hochwasserkatastrophe 2002 im Osten, spendete spontan Millionen, als er kranke Kinder in Sarajevo besuchte.

► Er sammelte weitere Millionen für die Kinderhilfsorganisation Unesco und organisierte Fußball-Benefizspiele mit Prominenten und Weltstars.

► Er half bei Weinernten in der Schweiz, lief mit einem Rückenkorb durch die Weinberge. Erlös? An hilfsbedürftige Kinder.

► Auch seine Frau Corinna, die er 1995 heiratete, kümmerte sich viele Jahre rührend um kranke Pferde. Auch heute noch.

Es waren aber letztlich nicht die Millionensummen, die seine andere, seine warme, seine mitfühlende Seite zeigten. Es waren die ganz normalen Dinge eines normalen Alltagslebens. Ein Bierchen, oder auch zwei, und eine Zigarre nach dem Rennen. Die Ausgelassenheit mit Freunden. Lachen. Herumblödeln. Bacardi-Cola-Nächte bis zum Morgengrauen.

Die leuchtenden Augen. Auf ihrer Pferderanch in Texas. Beim jährlichen Ferrari-Skifahren in Madonna di Campiglio. Beim Fußball. Vor allem beim Fußball.

Der damalige RTL- und heutige Doppelpass-Moderator Florian König: „Faszinierend, mit welcher unbändigen Freude Michael kickte. Oder welchen ungefilterten Spaß er in langen ­Karaoke-Nächten hatte. Einmal waren wir im Cricket-Stadion von Melbourne. Wir legten vier T-Shirts als Pfosten ins Gras und ballerten los. Er hat den Menschen nie das Gefühl vermittelt, dass er über den anderen steht oder mehr wert ist.“

Michael Schumacher hat das Kind in sich nie verloren. Er hat auch seinen 91. (und letzten) Sieg bejubelt wie den ersten.

Dieses Leuchten in seinen Augen wiederzusehen – die Sportwelt kann sich nichts Schöneres wünschen. Die Familie, die ihn wie ein Baby im Mutterschoß beschützt, erst recht.

Ein Blick in die Fantasie sollte erlaubt sein.

Der Artikel wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, SPORT BILD, BILD) verfasst und zuerst in SPORT BILD veröffentlicht.

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