Es war eine Mammutaufgabe: Magenta TV übertrug alle 104 Spiele der Fußball-WM aus den USA, Mexiko und Kanada. Mit einem All-Star-Aufgebot begeisterte die Telekom-Plattform die Zuschauer. In den Stadien analysierten Thomas Müller, Jürgen Klopp, Tabea Kemme und Mats Hummels – Thomas Wagner führte die Interviews. „Es waren unheimlich viele Spiele, und da braucht man natürlich auch eine ordentliche Mannschaft“, sagt MagentaTV-Chef Arnim Butzen. „Die WM war ein tolles Erlebnis. Für uns war wichtig, Entertainment und Sport zusammenzubringen.“

Moderatorin Laura Wontorra führte aus dem Rooftop-Studio im Herzen New Yorks durch die langen Sendestrecken. „Wir Mädels, Tabea und ich, waren so ein bisschen das Salz in der Suppe“, sagt Wontorra. „Mein Highlight-Moment war beim Finale, als sich Thomas Müller, Mats Hummels und Jürgen Klopp gegenseitig in Unterhose die Sachen aufgebügelt haben. Da waren die Jungs echt cool. Das war ein Bild für die Götter.“ Mannschaftskapitän war Moderator Johannes B. Kerner, für den es bereits das vierte große Turnier in Serie bei Magenta TV war.

Vor dem Anpfiff des WM-Finals hatte er noch auf dem Spielfeld performt, nach dem Spiel crashte Robbie Williams plötzlich die Spielanalyse bei Magenta TV. Thomas Müller schnappte sich kurzerhand die Sonnenbrille des Superstars.

Frage: Herr Kerner, MagentaTV und Sie wurden für die hervorragende Berichterstattung von der Fußball-WM mit dem TV-Award ausgezeichnet. Wie bleibt das Turnier bei Ihnen im Gedächtnis abgespeichert?

Johannes B. Kerner: Groß, lang, wild, anstrengend und wunderschön. Das Ganze war wie eine Klassenfahrt, und keiner kommt von einer Klassenfahrt ausgeruht zurück. Da hast du immer Schlafdefizit, aber am Ende ist es eine wunderschöne Erinnerung. Unsere Maskenbildnerin hat uns ein Buch mit Backstage-Fotos gemacht. Beim Blick darein habe ich ein Grinsen im Gesicht.

Frage: Bei der WM 2006 soll Jürgen Klopp damals als ZDF-Experte Ihnen und Urs Meier Ohrfeigen verteilt haben, als das Energielevel in der zweiten Woche runterging. Gab es diesmal auch welche?

Kerner: Genau genommen hat er damals nur mich geohrfeigt – und zwar live on air, als er über Motivation gesprochen hat und etwas veranschaulichen wollte. Die hat ganz schön gesessen. Diesmal gab es aber keine. Auch wenn es anstrengend war.

Frage: Wie ist das Team auf der „Klassenfahrt“ zusammengewachsen?

Kerner: Für mich gab es die Besonderheit, dass wir vier Experten und Expertinnen hatten. Davon kannte ich Jürgen Klopp und Tabea Kemme bereits vor dem Turnier sehr gut. Aber die anderen beiden, Thomas Müller und Mats Hummels, noch nicht so gut. So muss man erst einmal ein Gefühl füreinander entwickeln. Und das hat mehr als gut geklappt.

Kerner nahm den Fernsehpreis stellvertretend für das gesamte Team entgegen

Frage: Wie lief es?

Kerner: Hochprofessionell. Wir haben superschnell einen Draht zueinander gefunden. Mats und Thomas haben sich richtig in den Job reingekniet. Was sie extrem schnell gelernt haben, ist Timing. Also das Reden und Schweigen in einem vernünftigen Rhythmus. Auch die kleinen nonverbalen Zeichen, wenn man etwas sagen will: Blicke, Gesten. Vorher weißt du nie, wie es läuft. Es gibt Experten, denen wirfst du eine Frage hin und weißt: Der geht jetzt eine Minute im Alleingang, und ich kann mich kurz auf was anderes konzentrieren. Da höre ich zu, was mir der Redakteur im Ohr zum weiteren Ablauf sagt, oder der Kameramann gibt mir Handzeichen. Doch das ging bei Klopp, Müller, Hummels und Kemme nicht! Da gab es keine Sekunde Pause. Du musstest immer sehr aufmerksam bleiben.

Frage: Wieso?

Kerner: Die waren ununterbrochen on fire. Das ging witzigerweise bereits morgens im Bus los, wenn wir zum Stadion gefahren sind. Und es hörte auch nicht nach der Sendung auf. Es wurde immer weitergeredet, aber es war kein Kneipentalk oder Blabla, sondern immer mit Substanz. Du musstest einfach zuhören.

Frage: Also dauerhafte Habachtstellung?

Kerner: Hab-neun würde ich eher sagen. Du musst extrem aufmerksam sein. Etwas wie den „Noch“-Moment gab es von der Formulierungsstärke her einige. Der hatte nur die größte Wirkung.

Frage: Das bestimmte die erste WM-Woche, als Klopp sagte, Bundestrainer Julian Nagelsmann stelle die Startelf auf … „noch“. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie das hörten?

Kerner: Es waren zwei Dinge parallel. Ich habe ja gespürt, wie Jürgen es gemeint hat. Und zwar überhaupt nicht so, dass er Julian anzählen wollte, sondern er wollte betonen, dass hier immer noch der Bundestrainer die Aufstellung bestimmt und nicht wir. Das kann man eigentlich nicht missverstehen, es sei denn, man will.

Am Spielfeldrand gibt es prominente Fußballmomente: All wollen Jürgen Klopp umarmen und drücken. DieSpiel-Analyse über Kane, Bellingham und Kroatiens Altstar Luka Modrić mit Johanns B. Kerner gerät zur Nebensachen.

Frage: Klopps Grinsen dabei hat aber doch dazu geführt, dass viele es eben anders verstanden.

Kerner: Dass Thomas dann „Kloppo, es ist erst Juni. Du bist schon im September“ gesagt hat, hat es natürlich verstärkt. Da habe ich schnell gewusst: Davon haben wir länger etwas. Die Zahnpasta kriegen wir so schnell nicht zurück in die Tube.

Frage: Nach dem Ausscheiden führten Sie dann, als der DFB Interesse an Klopp zeigte, ein Interview mit ihm zu seinem möglichen Bundestrainer-Engagement. Wie umstritten war das?

Kerner: Wir haben tagelang intern intensiv darüber gesprochen, wie wir damit umgehen. Die einen haben gesagt, wir müssen das Thema weglassen. Die anderen: Wir haben den Mann da stehen, das ist unser Experte. Wie kann man das Thema weglassen? Irgendwann hat Jürgen diesen Knoten zum Platzen gebracht. Er hat einfach gesagt: „Ich habe eine Idee. Du fragst einfach, was du fragen willst. Und ich antworte, was ich antworten will.“ Das haben wir dann gemacht.

Frage: Spätestens ab dem „Noch-Moment“ wusste Fußball-Deutschland, dass man Magenta TV bei der WM einschalten sollte …

Kerner: Inzwischen haben wir uns das Vertrauen der Zuschauer erarbeitet. Es war jetzt unser viertes Turnier, angefangen mit der EM 2021. Am Anfang wussten viele noch nicht so richtig, was sie mit dem Telekom-Angebot anfangen sollten. Ist das ein Sender oder eine Streaming-Plattform? Was kostet das? Da gab es sicherlich noch Irritationen. Aber das ist völlig weg. Die Leute haben ganz klar akzeptiert, dass da eine ganz gute Berichterstattung gemacht wird. Dabei muss man aber auch sagen: ARD und ZDF sind ebenfalls auf sehr hohem Niveau unterwegs. Es war jedes Mal eine große Freude, Esther (Sedlaczek, d. Red.) oder dann beim Finale Jochen (Breyer, d. Red.) zu treffen. Wir haben in Deutschland wirklich das Glück, eine echt gute Sportberichterstattung zu haben. Das ist längst nicht in jedem Land so.

Frage: Die Magenta TV-Mannschaft stach mit der Besetzung heraus. Wie sehr mussten Sie Jürgen Klopp überzeugen, dass er dort mitmacht?

Kerner: Die historische Wahrheit ist, dass es da schon Diskussionen gegeben hat, aber am Ende waren alle der Meinung, dass das eine gute Idee ist. Ich trenne sehr akkurat meine persönliche Beziehung, die ich zu Jürgen habe, und das Berufliche. Ich bin aber froh, dass es so gekommen ist, weil ich das sichere Gefühl hatte, dass es uns was bringt. Die Spielfeldrand-Momente hatten besonders mit Jürgen zu tun. Zu mir wäre Messi wohl eher nicht gekommen. Und Mbappé wahrscheinlich auch nicht.

Frage: Sie moderierten bereits bei der WM 2006 mit Klopp und Urs Meier für das ZDF. Da war er Trainer bei Mainz 05. Welche Veränderungen sind Ihnen bei ihm aufgefallen?

Kerner: Jürgen war damals vielleicht noch ein bisschen ungestümer, noch mehr drauflos. Im Laufe der Jahrzehnte hat er auch gespürt, was Formulierungen bedeuten können, wie wer was auffassen kann. Was sich nicht geändert hat, ist, dass er bei Kritik nie persönlich oder verletzend wird, sondern immer zur Sache spricht. Er hat immer noch diese unbändige Lust, den Leuten Fußball zu erklären. Das passiert auch abseits des Jobs.

Frage: Wie sieht das aus?

Kerner: Wir telefonierten nach dem 5:4 zwischen PSG und Bayern im Champions-League-Halbfinale. Die Leute haben gesagt, es sei das schönste Fußballspiel, das man je gesehen hat. Das war Wahnsinn. Und Jürgen sagte mir: „Das war schlimm.“ Ich war verwirrt. Aber er erklärte es mir, wie er das gemeint hat: Jetzt werden Mannschaften, die nicht diese Qualität haben, versuchen, das auch zu spielen. Da überraschte mich Jürgen mit diesem völlig anderen Ansatz. Das ist auch etwas, was on air unser Team sehr gut hinbekam: alle unsere Expertinnen und Experten. Wolff Fuss und Christian Straßburger. Alle waren mit 100 Prozent Bock bei der Sache. Manche mit 110 Prozent. Dazu noch mit Tim Ahlfeld von Thinxpool einen tollen Redakteur.

Frage: Es stehen bei Magenta TV 2027 die WM der Frauen und 2028 die EM der Männer an. Wie geht es bei Ihnen weiter?

Kerner: Meine Zusammenarbeit mit Magenta wird fortgesetzt. Und die Fußball-Reise von Magenta geht auch weiter, was mich sehr freut. Ich mache außerdem regelmäßig meinen Fußball- und Sport-Podcast „Kerners 11“.

Frage: In Zukunft befragen Sie dann Klopp als Bundestrainer. Wie gehen Sie an diese Interviews heran?

Kerner: Er kennt ja meine Art zu fragen. Ich bin da der Moderator für die Zuschauer und nicht der Anwalt des Bundestrainers. Er braucht auch keinen. Ich stelle die Fragen, die die Zuschauer stellen würden.

Frage: Für Thomas Müller war es der erste Expertenjob. Er wird sich sicher nicht vor Angeboten von Sendern retten können, wenn er einmal komplett mit dem Fußball aufhört.

Kerner: Wenn ich mir was wünschen darf, dann wird er bei uns bleiben.

Der Artikel wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, SPORT BILD, BILD)verfasst und zuerst in SPORT BILD veröffentlicht.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke