Das Klopp-Protokoll
Ein Sieg, zwei Unentschieden, eine Niederlage und Platz drei in der Nations-League-Gruppe. Sportlich fällt die erste vorläufige Bilanz der Ära Jürgen Klopp durchwachsen aus. Was hinter den Kulissen passierte, dokumentiert das Protokoll der ersten Länderspielperiode des 59-jährigen Bundestrainers.
18. September: Jürgen Klopp reist mit seinem Stab zwei Tage vor der Mannschaft ins Basecamp nach Herzogenaurach. Erste Maßnahme: Im Homeground schaut sich das Trainerteam zusammen die Bundesliga-Spiele an. Das Analyse-Team hat zudem Video- und Statistik-Material mitgebracht. Mit Klopp werden Stärken und Schwächen der Profis des 44-Mann-Kaders aufgearbeitet.
20. September: Am Sonntagabend treffen die ersten Spieler am Homeground ein. Der Bundestrainer begrüßt jeden einzelnen Spieler persönlich, führt einen kurzen Smalltalk. Kevin Schade (24) zieht er grinsend wegen seiner neuen Frisur auf: „Neuer Hut? Ich habe dich kaum erkannt.“ Brentford-Spieler Schade ist eine der Kader-Überraschungen.
Neuer Hut? Jürgen Klopp und Kevin Schade21. September: Am Montagmorgen kommt der zweite Teil des ersten Klopp-Kaders an. Die beiden Freiburger Philipp Treu (25) und Yannik Engelhardt (25) sind erstmals dabei. Klopp begrüßt sie mit einem herzlichen „Glückwunsch!“ Am Abend hält Klopp seine Auftaktrede an die Mannschaft. Der neue Bundestrainer fordert einen starken Teamgeist und stellt den Gemeinschaftsgedanken in den Vordergrund.
22. September: Klopp legt Wert auf Gemeinschaftsaktivitäten. Die Spieler sollen sich miteinander beschäftigen, nicht allein auf den Zimmern abhängen. Lieblingsaktivität ist im Homeground das Kartenspiel „Uno“. Im Nachmittagstraining lernen die Profis Klopps Lieblings-Kommando kennen: Press! Ob beim Sprinten oder bei Richtungswechseln, immer brüllt Klopp. Abwehrchef Jonathan Tah (30) bekommt eine Kostprobe der Klopp-Energie. Bei einem Zweikampf heizt ihn Klopp an: „Lass ihn da nicht raus! Lass ihn da nicht raus!“
23. September: Klopp führt viele Einzelgespräche. Innerhalb der Mannschaft kommt seine Art super an. Den Stars imponiert Klopps Energie. Am Nachmittag reist der DFB-Tross nach Amsterdam. Klopp lobt seine Spieler: „Alle wollen sich auf den Weg einlassen.“
24. September: Klopps erste Aufstellung im Spiel gegen Holland wird gleich über den Haufen geworfen. Jamal Musiala (23) fällt unmittelbar vor Anpfiff aus (Muskelfaserriss im Oberschenkel), Kai Havertz (27) nach knapp 30 Minuten (Muskelzerrung). Beide müssen verletzungsbedingt abreisen. Deutschland spielt durch ein Gegentor in der Nachspielzeit 1:1. Klopp baut seine Spieler in der Kabine auf, lobt ihr Pressing. Klopp: „Wir waren in den richtigen Räumen!“
Debütanten erhalten Medaillen
25. September: Nach der Rückkehr ins Basecamp und einer Regenerationseinheit gibt Klopp seinen Spielern frei. Weiterhin gilt: Team-Maßnahmen! Die Clique um Felix Nmecha (25), Karim Adeyemi (24), Nadiem Amiri (29) und Josha Vagnoman (25) spielt „Cornhole“. Ziel ist es, ein Säckchen aus mehreren Metern Entfernung ins Loch eines schrägen Holzbrettes zu werfen. Für den Abend hat Klopp ein Ritual angesetzt: Die Debütanten aus dem Holland-Spiel werden mit Medaillen ausgezeichnet. Dazu hält jeweils ein Mitspieler eine Laudatio.
Nathaniel Brown (23) adelt Younes Ebnoutalib (23): „Ich bin extrem stolz auf dich. Du hast es gegen van Dijk überragend gemacht, das ist nicht einfach.“
Joshua Kimmich (31) lobt Treu: „Du hast ein Topspiel gemacht und uns sehr geholfen. Bei meinem Debüt habe ich die Kicker-Note 5,5 bekommen. Ich freue mich, dass du gestern besser warst.“
Nico Schlotterbeck (26) über Engelhardt: „Du bist deinen Weg gegangen, hast dir dein Debüt verdient. Ich hoffe auf mehr Spiele für dich, das ist erst der Anfang.“
Auch Klopp hat noch ein paar Worte für ein paar Profis, diese aber unter vier Augen. Der Bundestrainer sagt zu Alexander Nübel (30): „Du stehst gegen Griechenland im Tor!“
26. September: Um 11 Uhr versammelt Klopp seine Mannschaft auf dem Trainingsplatz für eine kleine Ansprache. Klopp: „Ihr seht erholt aus. Das wird sich ändern!“ Für die Einheit hat er festgelegt: Spielformen, Schuss- und Pressing-Übungen. Danach teilt er die Teams in „Alt“ und „Jung“ auf. Gespielt wird Lattenschießen. Team „Alt“ gewinnt. Auch die Spieler haben sich etwas für ihren neuen Coach ausgedacht. Die Mannschaft gibt ihrem Trainer den Auftrag für die Pressekonferenz mit, das Wort „Geheimratsecken“ einzubauen. Klopp vermasselt es zunächst.
27. September: Die Nationalelf verpatzt Klopps Heimdebüt, verliert 0:1 gegen Griechenland. Die Stimmung in der Kabine ist nach dem Spiel am Boden. Der Bundestrainer spürt das, baut seine Spieler direkt auf. Klopp: „Lasst nicht die Köpfe hängen! Glaubt weiter an den neu eingeschlagenen Weg!“ Danach reist Kader eins ab. Auch Kapitän Kimmich. Seine Bitte, beim Team bleiben zu dürfen, hatte Klopp mehrmals abgelehnt. Mit Finn Dahmen (28), Engelhardt, Schlotterbeck, Treu, Serge Gnabry (31) und Bambasé Conté (23) dürfen dagegen sechs andere Spieler bleiben.
Kimmich wird zum großen Thema
28. September: Kader zwei reist an. Einige Spieler haben die Partie am Vortag gegen Griechenland bereits in Augsburg auf der Tribüne verfolgt. Zur Kimmich-Abreise sagt Klopp: „Er hat einen überragenden Eindruck gemacht, aber auch ein Jo Kimmich kann theoretisch verletzt sein. Wir müssen gucken, wie die Gruppe funktioniert, wenn die großen Köpfe nicht da sind. Dass er unbedingt dabeibleiben wollte, zeichnet ihn aber auch aus.“
30. September: Im Training gibt es einen Schock-Moment: Schlotterbeck, der bereits bei der WM ausfiel, verletzt sich erneut. Nach Musiala und Havertz muss mit dem BVB-Star die dritte Stammkraft abreisen. Klopp führt ein langes Einzelgespräch mit Florian Wirtz (23), baut den in Liverpool viel kritisierten Mittelfeldstar auf. Auch an Gnabry hat der Bundestrainer eine Botschaft: Klopp lässt den Bayern-Profi wissen, dass er gegen Serbien sein Kapitän ist.
1. Oktober: Deutschland feiert im dritten Klopp-Spiel seinen ersten Sieg, gewinnt in München gegen Serbien 2:0. Nach einer Stunde stutzt Klopp, blickt auf die Ränge, wo sich etwas tut. Dann lächelt der Bundestrainer, weil er registriert: Die deutschen Fans feiern seine Mannschaft mit einer La-Ola-Welle. Noch auf der Fahrt ins Teamquartier erinnert sich der Bundestrainer, der nach zwei sieglosen Spielen den Druck spürte, glücklich an diesen Moment. Kurz zuvor wurde Klopp auf der Pressekonferenz nach dem Spiel danach gefragt, warum Wirtz im Mittelfeld so gut mit den Kimmich-Herausforderern Aleksandar Pavlovic (22) und Tom Bischof (21) harmoniere. Seine Antwort: „Es ist so ein schöner Abend, und ihr wollt ein Thema aufmachen, das kein Thema ist. Am Ende wird es eine Kimmich-Geschichte, das kriegt ihr ja hin!“
2. Oktober: Geheimtraining in Herzogenaurach! Ab 16 Uhr lässt Klopp die Reservisten und Einwechselspieler aus der Partie gegen Serbien schwitzen. In den Einheiten ist viel Intensität und Tempo. Die Spieler wollen sich für einen Einsatz in Griechenland beweisen. Das gesamte Training über lässt Klopp eine Drohne steigen, um die Einheit hinterher aus der Vogelperspektive zu analysieren.
3. Oktober: Der DFB-Tross fliegt am Nachmittag von Nürnberg nach Thessaloniki, wo das Rückspiel gegen Griechenland steigen wird.
4. Oktober: Die Revanche gegen die Griechen klappt nur bedingt. Das DFB-Team ist überlegen, schafft es trotz Spielwitz, starkem Gegenpressing und guten Chancen aber nicht, über ein 0:0 hinauszukommen. Klopp sagt nach der Partie: „Was wir in der ersten Halbzeit gespielt haben, war außergewöhnlich. Wenn man mir vor einer Woche gesagt hätte, dass wir Donnerstag und Sonntag eine solch starke Leistung abrufen können, hätte ich das nicht geglaubt.“
5. Oktober: Die DFB-Stars reisen zurück zu ihren Klubs. Die nächsten Länderspiele: in Serbien (13. November) und gegen Holland (16. November) in Berlin. Für diese Partien wird Klopp keine 44 Spieler mehr berufen, das XXL-Casting ist beendet. Von nun an setzt der Bundestrainer auf einen Kader. Wer ihm angehören wird, entscheidet Klopp in den kommenden Wochen.
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