Die Klopp-Hysterie bei RTL erinnert zusehends an die Schumania
Viereinhalb Stunden Live-Sendung. Zwölf Werbebreaks. Klopp-Exzess. Wenn es mit den Länderspielen bei RTL so weitergeht, erreichen sie noch vor Ostern Übertragungslängen auf Monumentalfilm-Niveau.
„Die zehn Gebote“ (232 Minuten/1956) hat der kölsche Kanal bei Deutschlands Nullnummer in Griechenland easy pulverisiert. Das Bibel-Epos „Jesus von Nazareth“ (380 Minuten/1977) könnte als Nächstes fallen. Lang, länger, RTL! Die Klopp-Hysterie erinnert zusehends an die Schumania, die RTL mit seinem Dauerprogramm ab 1994 losgetreten hat. Unterschied: Michael Schumacher hat damals schon WM-Titel gesammelt, der DFB-Rennwagen stottert nach vier Turnier-Blamagen aktuell weiter nur durch die Formel 2.
▶ RT(X)L – neuester Clou am langen Live-Sonntag: ein knapp einstündiges Talkformat vor dem Anpfiff. Produziert bei der neuen Sendertochter Sky, die die RTL Group im Sommer für 150 Millionen Euro (bis zu 377 Millionen Euro können noch dazukommen) geschluckt hat. Die Experten-Dreierkette am eisblauen Glastisch: Torwart-Titan Oliver Kahn, Ex-DFB-Kapitän Michael Ballack sowie Klopp-Insider und 2014er-Weltmeister Roman Weidenfeller. Moderator: Riccardo Basile. Den kennen Sie noch nicht? Dann schauen Sie kein Pay-TV und lesen keine Bunte …
Basile ist bei Sky so etwas wie der Alfred Biolek 3.0 († 87/ARD‑Entertainer). Spezialgebiet: Deep-Talk mit gefühligen Fragen. Markenzeichen: Zopf und Thomas-Magnum-Dekolleté. Für sein Format „Meine Geschichte“ etwa besucht er Stars daheim als eine Art Sport-Seelsorger und versucht, ihnen intime Geheimnisse und Sünden zu entlocken. Beichtstuhl on Tour. Dass er privat mit RTL-Moderatorin Laura Wontorra liiert und damit neben ihrem Kult-Vater Jörg inzwischen so etwas wie der dritte Wontorra ist, „beichtete“ er übrigens während der WM.
Laura Wontorra (r.) und Riccardo Basile bei der Verleihung des Deutschen FernsehpreisesBei seinem Premieren-Talk aus dem Studio in München kombinieren Basiles Star-Gäste (er nennt sie kumpelig „Männer“) sofort stark zusammen. Zum Einstieg gönnt sich die Runde das brisanteste Thema: Welche Zukunft hat Kimmich im Klopp-Mittelfeld? Weidenfeller formuliert mutig: „Kimmich verlangsamt das deutsche Spiel. Er spielt eher quer als nach vorn.“ Kahn sieht Kimmich „nicht mehr hundertprozentig“ als Stammspieler. Weidenfeller verrät auch, dass Klopp beim BVB früher gerne noch mal ’ne Stress-Zigarette vor der Kabine gedampft hat. Note 2 – für den Warm-up-Talk!
▶ So richtig los mit Fußball aus dem ikonischen Toumba-Stadion von Thessaloniki geht’s dann um 19.57 Uhr direkt mit einem Bundestrainer-Interview. Top: Host Florian König wahrt im Gegensatz zu anderen Kollegen wie Laura Wontorra oder Johannes B. Kerner in den Gesprächen die Distanz und bleibt beim Klopp-Sie. Unaufgeregt, kritisch, versiert. Als Gentleman-Moderator lässt sich König weder vom Klopp-schwangeren Sendeplan noch von einem freidrehenden Wassersprenger irritieren. Seit den hochtourigen Schumi-Jahren in der Formel 1 ist er der Ruhepol vor der RTL‑Kamera.
Sein Experte Lothar Matthäus („Klopp hat einen klaren Plan!“) kämpft im Live-Kommentar an der Seite von Wolff Fuss („Das war die kleine Schwester eines korrekten Einwurfes“) ungewohnt oft mit den Namen einiger neuer deutscher Spieler: Scherhant, Wirtz, Burkardt – beim aberkannten 1:0 (32. Minute) geht es besonders wild durcheinander. Ansonsten bleiben Fuss und Matthäus für den Fußball, was Matthias Stach und Boris Becker bei Eurosport im Tennis sind – das kompetenteste Duo.
Mit einem 0:0 in Griechenland ist die erste Länderspielphase unter Bundestrainer Jürgen Klopp zu Ende gegangen. Unterm Strich stehen nach vier Partien in der UEFA Nations League fünf Punkte zu Buche. Thomas Helmer, Europameister von 1996, zieht bei WELT TV Bilanz.Klopp-Wahnsinn im TV – bis zum nächsten DFB-Doppelschlag ist es nicht weit: Beim Rückspiel in Serbien (13. November/20.45 Uhr) überträgt wieder RTL, ehe die ARD am 16. November (20.45 Uhr) aus Berlin mit dem Klassiker gegen die Niederlande das Länderspiel-Jahr beschließt. Sollten die Programmchefs des Ersten noch keine Idee für eine RTL‑artige Sendungsverlängerung haben: Ein „Inas Nacht“-Spezial mit dem Jürgen der Nation als Stargast wäre sicher reizvoll. Erst Pressbetankung mit Pils, dann Schlüpfrig-Fragen vom Bierdeckel. Und der Shanty-Chor am Fenster des Hamburger Schellfischpostens singt dazu das Kloppolujah …
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