Seine erste Dienstreise endete zwischen gegrilltem Fleisch und schreienden Menschen. In der Nacht zu Montag kam Jürgen Klopp nach dem 0:0 gegen Griechenland aus dem Toumba-Stadion in Thessaloniki und erfüllte zwei vor dem Mannschaftsbus wartenden Männern einen Selfie-Wunsch. Dann ging es vorbei an den Imbiss-Ständen und laut rufenden Fußballfans auf dem Vorplatz in Richtung Teamhotel.

14 Tage mit seiner neuen Mannschaft, vier Spiele – es war eine intensive Länderspiel-Periode zum Einstand des neuen Nationaltrainers. Die Bilanz ist in Bezug auf die Ergebnisse durchwachsen: lediglich ein Sieg, zwei Unentschieden, eine Niederlage, Platz drei in der Gruppe der Nations League. Gegen Griechenland schossen die Deutschen in zwei Partien kein Tor. Klopp hat auf der Reise wichtige Erkenntnisse gesammelt – der 59-Jährige hatte 44 Spieler in zwei Kadern nominiert, um möglichst viele Profis kennenzulernen und zu testen.

Das nächste Mal hat er seine Mannschaft im November um sich, dann tritt die Auswahl in Belgrad gegen Serbien und in Berlin gegen die Niederlande an. „Wir werden die zwei Wochen in aller Ruhe analysieren. Natürlich werden wir da nicht mit 44 Spielern hinfahren“, sagte Klopp in Thessaloniki. Er sprach von 23, 24 Akteuren.

Klopp dürfte im November weniger experimentieren, Ergebnisse werden dann noch wichtiger. WELT zeigt, welche der zuletzt nominierten Spieler beste Chancen haben, bei den kommenden Länderspielen wieder dabei zu sein. Und welche nicht.

Diese Spieler kommen wieder

In der zweiten Länderspiel-Woche schonte Klopp unter anderem die Leistungsträger Joshua Kimmich und Jonathan Tah sowie Torwart Marc-André ter Stegen. Sie werden im November natürlich wieder dabei sein. Jamal Musiala, Kai Havertz und Nico Schlotterbeck sind verletzt. Sie könnten bis dahin wieder spielbereit sein. Auch Serge Gnabry und Lennart Karl haben gute Chancen. Karl fehlt nach einer Verletzung noch der Rhythmus. Aleksandar Pavlović und Tom Bischof überzeugten vor allem beim 2:0 gegen Serbien mit Florian Wirtz als spielfreudiges Trio.

Zehn Spieler seines XXL-Kaders hat Klopp in seinem ersten Vierer-Block zu Nationalspielern gemacht. Drei von ihnen konnten sich auch bei allem Ärger über den verpassten Sieg in Griechenland als Gewinner fühlen: Torwart Jonas Urbig, der rechte Außenverteidiger Philipp Treu vom SC Freiburg sowie sein Vereinskollege und Außenstürmer Derry Scherhant.

Urbig war der einzige Torhüter der zwei Kader, den Klopp zwei Spiele absolvieren ließ. Der 23-Jährige vom FC Bayern blieb ohne Gegentor und strahlte Sicherheit aus. Nach dem 0:0 gab er in fließendem Englisch auch im griechischen Fernsehen Interviews. Das wirkte alles sehr reif.

Bei den Bayern ist Urbig noch Azubi von Torwart-Legende Manuel Neuer. In der Nationalelf hat er sich aber schnell einen Status erspielt. Aus dem Trainingstorwart bei der WM ist ein echter Kandidat für die Nummer eins im Nationaltrikot geworden. Im Rückspiel gegen Griechenland bewahrte er seine Mannschaft nach zwei Minuten mit einer Glanztat vor dem Rückstand. „Ich habe mich einfach gefreut, der Mannschaft zu helfen und dass wir dann alle wach sind“, sagte Urbig.

Zufrieden: Nationaltrainer Jürgen Klopp (l.) mit seinem Torwart Jonas Urbig

In München rückt er wieder hinter Neuer. Bei der Nationalelf dürfte der Zweikampf mit Routinier Marc-André ter Stegen sehr schnell an Brisanz gewinnen.

Auch der Freiburger Treu ist ein Gewinner dieser Reise. Das 0:0 in Griechenland war das dritte gelungene Länderspiel des 25-Jährigen innerhalb von zehn Tagen. „Ich habe mir vorgenommen zu zeigen, wer der Philipp Treu ist. Und ich glaube, das habe ich ganz gut geschafft“, sagte er.

Das Vertrauen, das Klopp in ihn setzte, hat Treu mehr als gerechtfertigt. Jahrelang war Deutschland auf der Suche nach einem rechten Außenverteidiger von internationalem Format. Bis zur WM hatte Klopps Vorgänger Julian Nagelsmann aus der Not Kimmich auf diese Position verfrachtet. Für Klopp ein No-Go. Sein Motto: Es gibt doch Treu!

Der bewies seine Qualitäten gegen den niederländischen Offensivstar Cody Gakpo, gegen Serbiens Filip Kostić und auch gegen den Griechen Alexandros Kyziridis. „Das waren jetzt echt zwei lehrreiche Wochen“, sagte der Jungprofi, der auf 270 Einsatzminuten kommt. Kein Spieler bekam beim ersten Klopp-Block mehr Einsatzzeit.

Geht es nach Lothar Matthäus, ist auch Scherhant schon bald wieder bei der Nationalmannschaft dabei. „Er ist ganz sicher für mich ein Kandidat auch für den kleineren Kader im November“, sagte der Rekordnationalspieler als RTL-Experte in Thessaloniki.

Scherhant gehörte zu den größten Überraschungen im großen Klopp-Kader. In der Bundesliga ist er in Freiburg erst in dieser Saison so richtig durchgestartet. Sein Weg in den Profifußball war nicht einfach. „Ich bin dankbar, dass ich dabei sein durfte. Es ist mehr als ein Traum für mich, wenn ich realisiere, wo ich herkomme“, sagte der 23-Jährige.

Bundestrainer Jürgen Klopp nahm mehrere Anläufe, die Frage nach der Diskussion über Joshua Kimmich möglichst unverfänglich zu beantworten - und entschied sich letztlich dafür, sich zu den Fragen der Journalisten zum DFB-Kapitän und dessen Stammplatz gar nicht weiter zu äußern.

Er war in der Jugend bei Viktoria Berlin und Tennis Borussia Berlin oft nur Ersatzspieler. Der Wechsel zu Hertha BSC klappte nur, weil wegen der Corona-Pandemie das Transferfenster verlängert wurde. Jetzt ist er Nationalspieler. „Die Trikots werden eingerahmt“, sagte Scherhant.

Zudem dürften Alexander Nübel, Waldemar Anton, Felix Nmecha, Nathaniel Brown und Karim Adeyemi zum Kader im November gehören. Malick Thiaw überzeugte als Alternative in der Innenverteidigung. Auch Routinier David Raum, Kevin Schade, Yann Bisseck und Finn Jeltsch dürfen hoffen. Im Sturm wollen sich Nick Woltemade, Jonathan Burkhardt und Younes Ebnoutalib als Alternative zum aktuell verletzten Havertz beweisen, auch der unter Klopp nicht nominierte Niclas Füllkrug wurde zuletzt wieder als Kandidat für die Nationalelf gehandelt.

„Wir haben jetzt viele Alternativen auf verschiedenen Positionen“, sagte Klopp am Ende seiner ersten Reise als Nationaltrainer.

Die Spieler kommen vorerst nicht wieder

Die beiden Torhüter Finn Dahmen und Noah Atubolu kamen in den ersten Wochen unter Klopp auf keinen Einsatz. Maximilian Mittelstädt, Vitaly Janelt, Bambase Conté, Felix Keidel, Mika Baur, Ridle Baku, Yannik Engelhardt, Josha Vagnoman, Kevin Behrens, Max Rosenfelder, Anton Stach und Chris Führich müssen wohl besonders gute Leistungen in den Klubs zeigen, um im November wieder dabei zu sein.

Said El Mala fehlte in der Nationalelf die Bindung zum Spiel. Nadiem Amiri kann mit seiner Erfahrung und Spielintelligenz wertvoll sein, muss sich aber wohl noch mehr als andere empfehlen, wie auch Brajan Gruda.

„Den ersten Schritt haben wir gemacht“, sagte Klopp nach dem 0:0 in Thessaloniki. „Als Fazit kann ich sagen: Damit bin ich super-happy. Ich hätte gern gewonnen, aber das ist, wenn man so will, der einzige Wermutstropfen.“ Er hätte nicht gedacht, „dass nach einer Woche mit dieser Gruppe so ein Fußball möglich ist“, sagte er.

„Wir haben vor ein paar Wochen gesagt, der deutsche Fußball ist im Keller. Wir haben kein Talent. Uns fehlt es hier, uns fehlt es da. Ich habe in zwei Wochen mit 44 deutschen Fußballspielern zusammengearbeitet, denen fehlt ganz sicher kein Talent. Alle wollen hart arbeiten“, so der Bundestrainer. „Wenn die Spieler beim nächsten Mal ankommen, wird die DFB-Nationalmannschafts-Fußball-Festplatte nicht leer sein. Wir müssen nicht bei null anfangen.“

Julien Wolff ist Redakteur im Sportkompetenzcenter. Er berichtet für WELT seit vielen Jahren über den FC Bayern, die Nationalmannschaft sowie über Fitness-Themen. Klopp ist der vierte Bundestrainer, den er als Nationalelf-Reporter erlebt. In Griechenland saß Wolff am Sonntag auf der Medientribüne.

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