„Niederkunft des Halbgotts“ – Frankreichs emotionale Romanze mit Zidane
Wie es sich für einen Messias geziemt, hat Zinédine Zidane sein Werk vollbracht. Fürs Erste jedenfalls. Zwei Spiele mit Frankreich in der Nations League, zwei Siege. Beide knapp zwar, zuletzt in Belgien gar erst in der 88. Minute entschieden. Aber immerhin. Die „Niederkunft des Halbgotts“, wie sie das französische Sportblatt „L’Équipe“ bei seinem Amtsantritt nach der WM herbeigeschrieben hatte, konnte als gelungen verkündet werden. Nun noch ein Sieg am Freitag gegen Italien bei Zidanes Heimdebüt als Nationaltrainer und Frankreich schreit Hosianna.
Sein Land hat ihn herbeigesehnt. An sich seit Jahren, ach was, seit über einem Jahrzehnt schon. Doch es war Geduld gefragt. Bei den Franzosen wie bei ihm. Zidane hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass für ihn das Engagement als Nationaltrainer, des Sélectionneurs, die höchste Weihe wäre. Es war auch hinter den Kulissen zu hören, dass Vorgänger Didier Deschamps immer darunter gelitten habe, dass ihn Zidane seit Jahren im Amt beerben wollte. In aller Stille, wie es seine Art ist. Aber latent immer spürbar: Zidane war Deschamps Schattenmann, auch und nicht zuletzt in den Träumen der Franzosen.
Weil inzwischen nach 14 Jahren eine Ära endete, gekrönt von einem Weltmeister-Titel 2018 und dem WM-Finale 2022, wurden sie wahr: Deschamps dankte ab, Zidane – welch Wunder – stand bereit. „Le Parisien“ attestierte flugs „irres Charisma – er hat uns schon erobert.“ Da hatte er noch nicht einen Auftritt gehabt, geschweige denn ein Wort darüber gesagt. Später war dann von ihm zu hören, dass die „Équipe de France das Einzige ist, das ich nach meiner Karriere übernehmen wollte“.
Zidane hat das Momentum auf seiner Seite
Die Frage war da nur: Welche Karriere? Die als Spieler? Dreimal Weltfußballer, Europa- und Weltmeister, Champions-League-Sieger mit Real Madrid. Ein Ästhet am Ball, eine Erscheinung auf dem Platz. „Du spielst ihm einen Stein zu und bekommst eine Feder zurück“, hatte sein Real-Kollege Roberto Carlos mal gesagt. Oder als Trainer? 2021 hatte er seinen Job bei Real Madrid, seiner ersten und einzigen Station im Profibereich, beendet. Aber wie! Drei Champions-League-Triumphe in Serie (2016 bis 2018), das gelang bisher keinem anderen Coach in Europa. Dazu unter anderem noch zwei spanische Meistertitel (2017 und 2020). Also, welche Karriere?
Bei einem Gesamtkunstwerk wie ihm ganz egal. Für den 54 Jahre alten „Zizou“ ist das Rendezvous eine Rückkehr, für seine Mannschaft eine Zeitreise in die Vergangenheit. „Wir waren alle Fans von ihm, als wir Kinder waren“, sagte Bayern Münchens französischer Abwehrspieler Dayot Upamecano. Und Zidane, neben allem Genie auch stets vom Glück geküsst, hat das Momentum auf seiner Seite.
Gut fünf Jahre nach seinem Abschied von Real Madrid wird Zinédine Zidane wieder auf die Trainerbank zurückkehren: Der legendäre Ex-Fußballer wird das Amt des Cheftrainers der französischen Nationalmannschaft übernehmen.Er verfügt über eine Mannschaft, von der viele Trainer nur träumen können. Sie benötigt keinen Umbruch, wie ihn Jürgen Klopp in Deutschland mit seinem XXL-Kader durchzieht. Superstars en masse, dazu alle in einem Alter mit der Perspektive von zwei, drei großen Turnieren. Kylian Mbappé, 27 Jahre alt, Bayerns Michael Olise und Upamecano, 24 und 27 Jahre alt, Weltfußballer Ousmane Dembélé, 29 Jahre alt – und das ist nur eine Auswahl.
Dass das französische Portal „football.fr“ nach dem ersten Training dennoch fragte: „Ist Zinédine Zidane technisch besser als seine Spieler?“, sagt viel über den neuen Trainer aus. Der Sender „ESPN“ schwärmte parallel von Zidanes Pässen im Training: „Die Magie geht nie verloren.“ Die Geschichte dazu: Er hatte bei den Einheiten seine Spieler beim Torschusstraining mit Flanken versorgt, als sei die Zeit stehen geblieben. Zum Zungeschnalzen. Aufbauen kann er, so der Auserwählte will, zudem auf das, was Deschamps mit seiner auch kauzig-knorrigen Art in vielen Jahren aufgebaut und hinterlassen hat: Erfolge und Strategie – dank Disziplin und klaren Rollen.
Doch mit Zidane hat nun einer die Verantwortung, der schon als Spieler der Gegenentwurf zu Deschamps war. Zusammen wurden sie Welt- und Europameister. Zidane war der Superstar, der Elegante, der Kreative, der Außergewöhnliche. Deschamps, der Kapitän und Arbeiter im defensiven Mittelfeld. Als Trainer, so hat er es mal erzählt, orientiere er sich ohnehin eher an Roger Lemerre, der seinen Spielern extrem nahegestanden habe. Und an Aimé Jacquet, der Frankreich zum WM-Triumph vor 28 Jahren geführt hatte.
Aimé Jacquet posiert im Blitzlichtgewitter nach dem Triumph 1998 mit dem WM-PokalEs war der erste Weltmeistertitel der Franzosen, und Zidane sicherte damals das 3:0 im Stade de France mit seinen zwei Toren im Finale gegen Brasilien ab. Zwei Jahre später waren sie dann auch Europameister. Es gebe keinen Bruch mit der Zeit von Deschamps, sagte Zidane zwar. Er sagte aber auch: „Ich will eine Kontinuität mit neuen Ideen – meinen Ideen.“ Er berief deswegen für diesen Länderspielreigen fünf Neulinge und verjüngte den Kader. Von jenen Spielern, die Deschamps jeweils regelmäßig aufgeboten hatte, fielen gleich elf raus.
Der 57-Jährige erzeugte mit seinem eher vorsichtig vorgetragenen Fußball zuweilen Murren in der Heimat. Er stand für eine straffe Organisation, für Sicherheit vor Schönheit. Eine Mannschaft, aufgebaut auf Teamgeist und defensiver Solidität. Zidanes Ideal ist dagegen hohes Pressing, rasante Passfolgen, Offensive und schnelle Rückeroberungen des Balls nach Abspielfehlern. „Meine Leidenschaft ist das Spiel. Ich war ein Zehner, ich habe immer gespielt und spielen lassen“, sagte Zidane. Auch das kann als eine Abkehr vom Pragmatismus des Didier Deschamps gewertet werden.
Catwalk der Stars? Verboten. Friseurbesuche? Gestrichen!
Sie zeigt sich auch in der Kleiderwahl, gleich im doppelten Sinn. Zidane selbst wählte für seine Auftritte als Nationaltrainer wie zuletzt bei Real Madrid die für ihn typische Kombination aus Anzug, Hemd, Krawatte – alles einfarbig, was je nach Lichteinfall schwarz oder dunkelblau erscheint. Wenn man so will, ist es eine Hommage an ihn selbst. Seinen Spielern dagegen erlegt er Neues auf.
Trudelten die bei Deschamps im nationalen Leistungszentrum Clairefontaine vor den Toren von Paris ein, einer nach dem anderen, so wurde das zu einer exaltierten Selbstdarstellung. Viel Plüsch und Pomp, hohe Absätze manchmal inklusive. Gleichsam geliebt von Medien wie Profis. Ein Catwalk der Stars, eingefangen von Foto- und Fernsehkameras und stets genüsslich dem Publikum von Journalisten dargeboten. Die müssen nun draußen bleiben. Die Modenschau findet, wenn überhaupt, nicht mehr im gleißenden Licht der Öffentlichkeit statt. Nur noch der französische Verband darf filmen und wohlfeile Bilder liefern. Auch Friseurbesuche sind in dem schlossähnlichen Anwesen nicht mehr gestattet.
Es steht zu erwarten, dass es die Chemie zwischen Trainer und Spielern nicht groß verändern wird. „Zizou ist ein Alchemist. Alles, was er anfasst, verwandelt sich in Gold“, sagte der frühere Nationalspieler Emmanuel Petit: „Durch sein Charisma und seine Ausstrahlung hat er die Fähigkeit, in die Köpfe der Spieler vorzudringen. Sobald er die Umkleidekabine betritt, stehen alle stramm. Er ist die Ikone eines ganzen Landes. Er ist niemand, der besonders viel redet, aber wenn er spricht, dringt er in die Köpfe der Spieler ein. Er wird alle mitreißen.“
Ganz ohne die Vergangenheit wird es aber bei seiner dritten Aufgabe als Nationaltrainer nicht gehen. Sie holt ihn wieder ein, bei dem nächsten Gegner geht es nicht anders. Auch Italien hat einen neuen (alten) Trainer. Roberto Mancini ist nach seinem abrupten Abschied im Jahr 2023 und fürstlich entlohnten Stationen als Nationaltrainer von Saudi-Arabien und als Vereinscoach beim katarischen Al-Sadd Sports Club nach einer konfusen Suche im Sommer und trotz großer Widerstände doch wieder auserkoren worden. Ohne das Machtwort seines guten Freundes, des Fußballverbandspräsidenten Giovanni Malagò, wäre der 61-Jährige niemals Nationaltrainer geworden. Der Deal wurde per Handschlag zwischen den beiden ausverhandelt. Doch das ist nur eine Randnotiz. Denn bei Frankreich gegen Italien landet man in der jetzigen Konstellation zwangsläufig wieder bei Zidane.
Rückblick: Berlin, 9. Juli 2006. Frankreich, Weltmeister von 1998 und Europameister von 2000, steht im Finale der Fußball-WM in Deutschland. Der Gegner heißt eben auch Italien. Es sollte Zidanes letztes Spiel im Dress der Franzosen werden. Und es wird sein Tiefpunkt. In der Verlängerung lässt sich der so Hochbegabte, dessen Eleganz und Feingefühl jeden Ballkontakt wie einen leichtfüßigen Schwebetanz wirken ließen, zu einem Kopfstoß hinreißen.
Nach einem verbalen Austausch geht Zidane auf Marco Materazzi zu und rammt den Italiener regelrecht mit dem Kopf. Er trifft ihn mit voller Wucht auf der Brust. „Wie kann man sich so seinen Abschied zerstören?“, fragte Reinhold Beckmann, damals Kommentator in der ARD. Zidane sah wegen seines berühmt-berüchtigten Jähzorns die Rote Karte, Italien krönte sich im Elfmeterschießen zum Weltmeister. Darauf angesprochen, sagte Zidane vor ein paar Tagen, er sei nicht stolz darauf, „es ist keine Ruhmestat“, aber der Vorfall gehöre nun mal zu seiner Geschichte. Jetzt, als Trainer, kommt ein neues Kapitel dazu. In Frankreich verstehen sie es bisher als emotionale Romanze.
Patrick Krull ist Sportredakteur der WELT. Hätte er eine Schwester, hätte er wohl ähnlich wie Zidane 1998 im WM-Finale auch Rot gesehen. Auf die Frage Zidanes, ob Materazzi sein Trikot haben wolle, nachdem der Italiener zuvor beim Abschirmen des Superstars daran gezogen hatte, antwortete er: „Ich bevorzuge Deine Schwester, die Nutte.“
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