Influencer unerwünscht – Der neue Streit in Deutschlands Stadien
Ein junger Mann im Trikot nimmt seine Freunde mit ins Stadion. Zumindest virtuell. Auf der Anreise im Auto oder Flugzeug, im Hotel und schließlich im Block – überall hat er sie dabei. Er filmt, er kommentiert, er emotionalisiert. Und polarisiert. Vlogger im Fußballstadion. Es ist ein Reizthema.
Es herrscht eine Art Kampf der Kulturen. Hier die Internet-Stars, die persönliche Videotagebücher verbreiten und nicht selten viel Geld damit verdienen. Dort die Fanszene, die nicht möchte, dass ihre Kurve als Kulisse verwertet wird. In der Mitte Ligen und Verbände, die verschiedenste Interessen vereinen müssen. Und dann noch klassische Sportjournalisten, die Konkurrenz heranwachsen sehen.
Einer der bekanntesten deutschen Influencer, die regelmäßig Erlebnisfilmchen über ihre Stadionbesuche produzieren, ist „ViscaBarca“. Auch beim Debüt von Jürgen Klopp als Bundestrainer beim Nations-League-Spiel gegen die Niederlande in Amsterdam war er kürzlich dabei. Bei YouTube hat er fast zwei Millionen Follower, seine Videos werden hunderttausendfach geklickt.
Und er ist kein Einzelfall. Viele Influencer arbeiten mit Werbepartnern und Agenturen zusammen. Sie würden ihre Fußballbegeisterung zeigen, den Fans zu Hause verschiedene Städte und Kulturen näherbringen und versuchen, die Stadionatmosphäre möglichst authentisch einzufangen, argumentieren sie. Ihre Clips bekommen viele Likes und werden im Internet fleißig kommentiert.
Aus den Klubs ist jedoch auch zu hören, dass sich die Beschwerden häufen würden. Viele Stadionbesucher würden sich dadurch gestört fühlen, dass neben ihnen permanent gefilmt und geredet würde. Besonders groß ist die Ablehnung dort, wo die aktive Fanszene zusammenkommt. Wo die Liebe zum Verein ausgeprägt und der Aufwand für Choreographien mitunter enorm ist.
„Das Stadion ist kein TV-Studio“
Der Content Creator Conan Furlong veröffentlichte einst ein Video, das ihn bei Diskussionen im Stadionumlauf mit Anhängern von Borussia Dortmund zeigt.
„Wir lehnen die kommerzielle Verwertung von Fankultur durch Influencer und Stadionvlogger ab“, sagt Armin Popp vom Fanbündnis „Unsere Kurve“: „Das Stadion ist für Fans ein emotionaler Ort und kein TV-Studio oder Event-Raum.“ Vlogger seien dort keine klassischen Fans, sondern würden Content für die eigene Monetarisierung produzieren.
Banner im Fanblock des FC Bayern„Vlogger haben im Fangeschehen nichts verloren“, meint Popp. Die Vereine müssten über ihr Hausrecht klare Grenzen ziehen. So wie es etwa Dynamo Dresden getan hat. Der Zweitligist verbietet kommerzielle Stadion-Vlogs bei seinen Heimspielen. Drittligist Hansa Rostock verwies in einem Statement noch mal auf seine Stadionordnung, die Fotos und Videos für den privaten Gebrauch wie üblich gestattet, Aufnahmen für kommerzielle Zwecke allerdings untersagt.
Auch in Karlsruhe regte sich Widerstand. „Fankultur ist kein Lifestyle-Produkt, kein Fotomotiv und kein Werkzeug für eure Selbstdarstellung“, schrieb der Fan-Dachverband „Supporters“ an die Stadionvlogger gewandt. „Wir vermitteln aktiv zwischen unseren Fanvertretern und den uns bekannten Influencern und Vloggern aus dem Stadionbereich und streben einen lösungsorientierten Austausch an“, teilte der Zweitligaklub Karlsruher SC daraufhin mit.
Bei der WM gab es offizielle Content Creators
Rücksichtnahme auf die weiteren Stadionbesucher ist das eine, die Rechtslage das andere. Fernsehsender, die Übertragungsrechte erworben haben, zahlen dafür teures Geld. Rechteinhaber und Klubs können daher eine begrenzte Anzahl von Content Creators zu den Spielen schicken. Und Ligen und Verbände sprechen über Social-Media-Kanäle wie TikTok oder Instagram ein junges Publikum an, das klassische Medien womöglich gar nicht mehr erreichen.
Bei der WM im Sommer stattete der Fußball-Weltverband Fifa eine Gruppe von rund 30 globalen Content Creators mit Zugängen zu Pressekonferenzen, Innenräumen oder Trainingsplätzen aus. Als Korrespondenten sollten sie keine klassischen Spielberichte erstellen, sondern möglichst Fan-nahe Inhalte transportieren – etwa erste Eindrücke von der Ankunft der Mannschaftsbusse. Sensible Bereiche, in die vorgedrungen wird. Und das in mehrerlei Hinsicht.
„Es lagern sich immer mehr periphere Akteure an den Journalismus an“, sagt Sportwissenschaftler Thomas Horky von der Hamburger Macromedia University: „Da gehören auch die Stadionvlogger dazu. Heißt: Sie machen handwerklich viel von dem, was auch ein traditioneller Journalist macht. Allerdings ohne die entsprechende Ausbildung und aus anderen Interessen, überwiegend zur Eigenvermarktung.“
Die Nutzungsgewohnheiten würden sich mit den Generationen verändern, meint Horky. Der klassische Sportjournalismus werde sich anpassen müssen, sagt er mit Blick auf den Influencer-Journalismus. Und: „Die Bundesliga wird abwägen müssen, wie sehr sie das zulässt, um all die positiven Effekte mitzunehmen, und ab wann sie die Rechteinhaber womöglich verprellt.“ Vlogger, Fans, Medien. Es ist ein Spannungsfeld. Mitten im Stadion.
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