Am Tag nach seinem ersten Bundesliga-Saisontor gab Jamal Musiala einen aus. Beim 7:0 des FC Bayern gegen den 1. FC Union Berlin hatte der Offensivstar am vergangenen Freitagabend zu den auffälligsten Spielern des deutschen Fußball-Rekordmeisters gezählt. Musiala hatte nicht nur selbst getroffen, sondern auch das zwischenzeitliche 3:0 durch Kumpel Michael Olise vorbereitet. Am darauffolgenden Morgen gönnte er sich vor dem Ausflug aufs Oktoberfest im Kreise seiner Liebsten ein gemütliches Familien-­Frühstück im „Juicy & Bowls“ im Münchner Vorort Grünwald.

Das Café ist bei zahlreichen Bayern-Profis angesagt, Musiala zählt zu den Stammgästen. Wer während der Oktoberfest-Zeit in Tracht kommt und in dem In-Laden einen der leckeren Smoothies oder eine gesunde Bowl bestellt, bekommt eine Flasche von Musialas Vitamin-Wasser „Baze“ dazu. An der Marke ist der Star als Business-­Partner beteiligt, war bei der Entwicklung eingebunden.

Musiala selbst ist aktuell so glücklich wie lange nicht. Nach den Sorgen um seinen Körper durch die zwei Zusammenbrüche in der Vorbereitung wegen Bewusstseinsstörungen durch neurologische Dysfunktionen befindet er sich auf dem Weg zurück zur Normalität. Die sogenannten Absence-Anfälle hat Musiala nach Informationen dieser Redaktion wieder im Griff, die Umstellung der Medikation Ende August hat wie erhofft gewirkt.

Gegen Union Berlin war Musiala in dieser Saison erstmals über die vollen 90 Minuten auf dem Rasen. Bei der Nationalelf gehört er mit Serge Gnabry, Nico Schlotterbeck und Finn Dahmen zu den vier Spielern, die in der XXL-Länderspielpause bei allen vier Nations-League-Partien mit dabei sein werden.

Ein Arzt ist Jamal Musialas engster Vertrauensmann

Mit dem neuen Bundestrainer Jürgen Klopp tauscht sich Musiala offen und regelmäßig aus. Vor der Länderspielpause trafen sich die beiden zum Gespräch in München an der Säbener Straße.

Beim FC Bayern ist Dr. Jochen Hahne aktuell Musialas engster Vertrauensmann. Der Klubarzt begleitet ihn nicht nur im Verein, sondern auch bei der Nationalmannschaft. Hahne spricht sich regelmäßig mit den Neurologen ab, die für die Dosierung der Medikation verantwortlich sind. In diesen Prozess ist bei den Bayern auch Dr. Peter Ueblacker eingebunden.

Die Teamkollegen beim FC Bayern wissen schon seit Monaten Bescheid. Wie diese Redaktion erfuhr, weihte Musiala seine Mitspieler bei der Nationalmannschaft kurz vor der Weltmeisterschaft im Sommer 2026 persönlich ein. Er erklärte ihnen, was im Falle eines Anfalls passiert und im Anschluss zu tun ist. Beim FC Bayern werden fortan auch alle Zugänge sofort mit der Thematik vertraut gemacht.

In den Übungseinheiten zieht Musiala voll mit, beansprucht keine Sonderbehandlung. Extra-Training gegen die Erkrankung gibt es nicht, für den Nationalspieler ist Normalität aktuell das Wichtigste. Kürzlich hat Musiala sogar mit einem neuen Sport begonnen: Er golft jetzt, um in der Freizeit den Kopf freizubekommen.

Einer, der sich aktuell gut in Musialas Lage hineinversetzen kann, ist Severin Freund. Der Skisprung-Weltmeister lebt seit seinem 16. Lebensjahr mit Epilepsie. Gegenüber dieser Redaktion berichtet er, dass es auch bei ihm einige Zeit benötigte, bis er die passende Medikation gefunden hatte. „Meine Medikamente wurden immer wieder angepasst, ich hatte zwischen den Anfällen auch mal bis zu 24 Monate Ruhe. Es dauert, bis man die richtige Zusammensetzung findet“, erzählt Freund.

Skisprung-Weltmeister Severin Freund hat Epilepsie

Er fügt an: „Bei mir half eine Zeit lang ein Wirkstoff gut, dann aber kamen Nebenwirkungen wie Schwindel, oder ich habe doppelt gesehen. Dann wurde ich wieder neu eingestellt. Aber auch Nebenwirkungen sind komplett individuell, jeder reagiert anders. Bei manchen kommt es bis zu Wesensveränderungen, andere merken gar nichts.“

Der ehemalige Skispringer betont zudem, wie wichtig es sei, die Medikation konstant einzunehmen. Freund sagt: „Aktuell nehme ich fünf Tabletten am Tag. Vergessen darf man niemals eine. Ich habe auch immer bis zu 14 Tage welche auf Reserve dabei. Die Regelmäßigkeit der Einnahme ist sehr wichtig, das muss man auch immer genau berechnen, wenn man zum Beispiel auf einem Langstreckenflug ist. Da ist dann oftmals eine Zwischendosis nötig. Die Tabletten gehören mittlerweile einfach zu meinem Leben dazu.“

Gut ist: Die meisten dieser Medikamente stehen nicht auf der Anti-Doping-Liste. Deshalb ist auch keine Beantragung einer Ausnahmeregelung bei der NADA, der Nationalen Anti-Doping-­Agentur, nötig. Freund erklärt: „Aktuell sind die meisten Medikamente noch reine Anfallsunterdrücker. Das Ziel aber ist, dass Medikamente die Ursache behandeln, dass es gar nicht mehr zum ‚Kurzschluss‘ im Gehirn, der ja dann zu den Anfällen führt, kommt.“

Wichtig sei es, einen behandelnden Arzt zu haben, der sich dem Patienten ganzheitlich annimmt. Einen solchen hat Freund mit Neurologe Dr. Bernhard Steinhoff, der seit 2002 Leiter des Epilepsiezentrums der Diakonie Kork (Baden-Württemberg) ist, ­gefunden.

Auch Musiala ist medizinisch in besten Händen. Und nach der Medikationsumstellung aktuell zurück auf dem Weg in die Normalität.

Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter ( WELT, „Bild“ , „Sport Bild“ ) erstellt und zuerst in „Sport Bild“ veröffentlicht.

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