„An die Titelverteidigung habe ich eh nie geglaubt“
In den vergangenen Wochen gab es mal wieder Grund zum Jubeln. Lange vermisst. Lando Norris gewann den Großen Preis von Ungarn und gleich danach auch das Rennen in Zandvoort in den Niederlanden. Danach aber wieder das alte Bild: Mercedes-Senkrechtstarter Kimi Antonelli übernahm das Zepter, und der 26 Jahre alte McLaren-Pilot Norris liegt auf Platz vier, 106 Punkte hinter dem Italiener.
Frage: Herr Norris, als amtierender Formel-1-Weltmeister sind Sie dieses Jahr nur Zuschauer im Titelrennen. Wie frustrierend ist das?
Lando Norris: Gar nicht. Ich bin sogar sehr glücklich.
Frage: Das überrascht. Sie sind mit 186 Punkten nur Vierter in der WM. Eine Titelverteidigung gilt als ausgeschlossen.
Norris: Das stimmt. Aber an die Titelverteidigung habe ich eigentlich eh nie geglaubt.
Frage: Warum nicht?
Norris: Weil ich uns noch viel schlechter erwartet hatte, als wir es jetzt letzten Endes sind. Wir sind vergangenes Jahr um beide Meisterschaften gefahren, wollten unbedingt erstmals seit 1998 wieder beide Titel in einer Saison gewinnen. Weil die der Fahrer erst im letzten Rennen entschieden wurde, haben wir auch bis zum Schluss den Fokus auf die Entwicklung des damaligen Autos gelegt. Dafür zahlen wir jetzt den Preis. Seit dieser Saison geht durch das komplett überarbeitete Reglement eine neue Autogeneration an den Start. Teams wie Mercedes, die sich frühzeitig darauf fokussiert haben, haben jetzt einen Vorsprung.
Frage: War es ein Fehler, sich bis zum Schluss auf den letztjährigen Titelkampf zu konzentrieren? Diese Generation von Autos fährt noch bis 2030.
Norris: Nein, auf keinen Fall. Das war es auf jeden Fall wert. Wir konnten beide Weltmeisterschaften gewinnen und ich mir meinen Lebenstraum erfüllen. Wir haben genau richtig gehandelt, weil ich am Ende mit nur zwei Punkten Vorsprung den Titel gewonnen habe. Die Upgrades waren nötig, um Max (Verstappen; d. Red.) zu schlagen.
Frage: Viele Fans sehen das anders. In den sozialen Medien werden Sie teilweise wüst beschimpft.
Norris: Das ist mir egal. Die Leute können sagen, was sie wollen. Es interessiert mich nicht, was in den Zeitungen oder auf Social Media geschrieben wird. Nur mein engster Vertrautenkreis und ich wissen, wie meine Leistungen einzuschätzen sind.
Frage: Wer zählt zu diesem Kreis?
Norris: Neben meiner Familie sind das Zak Brown (McLaren-CEO, die Redaktion), Andrea Stella (McLaren-Teamchef) und die Ingenieure auf meiner Seite der Garage. Sie sind die Einzigen, die den kompletten Einblick und alle Daten haben. Niemand anderes kann wirklich beurteilen, ob ich ein gutes oder schlechtes Rennwochenende hatte. Ein Sieg kann sich manchmal schlechter anfühlen als ein vierter Platz. So war es in Monza. Da war ich trotz des knapp verpassten Podiums mit Platz vier total happy, weil ich das absolute Maximum aus dem Auto rausgeholt habe. Das kann man aber auch im größeren Zusammenhang sehen.
Frage: Gern.
Norris: Vergangene Saison habe ich sieben Rennen gewonnen und wurde am Ende Weltmeister. Viele denken, dass das meine beste Saison war. Ich persönlich sehe das anders. Ich finde, dass ich dieses Jahr auf einem höheren Niveau fahre, weil ich fast immer das Maximum von dem erreiche, was möglich ist.
Frage: Sie wirken entspannter und mehr bei sich im Vergleich zum vergangenen Jahr. Ist das der Weltmeister-Effekt?
Norris: Ich bin von Natur aus ein lockerer Typ. Natürlich hat mich der Gewinn der Weltmeisterschaft auch gelassener werden lassen, aber das bringt auch die Erfahrung und das Alter mit sich. Ich bin jetzt 26 Jahre alt und fahre meine achte Saison in der Formel 1. Man lernt mit der Zeit, dass man sich nicht um alles einen Kopf machen muss. Ich unterscheide mittlerweile, was ich beeinflussen kann, was ich hinzunehmen habe und was sich von allein regelt.
Frage: Zum Beispiel?
Norris: Wenn etwas mit dem Motor ist, habe ich da keinen Einfluss drauf. Also beschäftige ich mich nicht damit und spare mir die Energie, mich darüber zu ärgern. Schneller werde ich dadurch nicht.
Frage: Aber in Ihnen muss ja der Wunsch ruhen, dass Sie gern schneller sein würden.
Norris: Natürlich würde ich mir wünschen, dass wir besser wären und ich jede Woche um den Sieg und am Ende um den Titel mitfahre, aber so ist es halt nicht. Ich bin also von sehr, sehr glücklich im vergangenen Jahr zu etwas weniger glücklich in dieser Saison gewechselt. Letzten Endes kenne ich dieses Gefühl aber viel besser. Ich habe in der Formel 1 eine viel längere Zeit keine Chance auf Siege gehabt, als dass ich der Favorit war. In manchen Jahren hat man die Chance und in anderen eben nicht. Das liegt in der Natur der Sache.
Frage: Wann haben Sie wieder eine Chance?
Norris: Das kann man nicht sagen, aber unsere Formkurve zeigt nach oben. Wie gesagt: Wir sind besser, als ich es erwartet hätte, und bei den vergangenen vier Rennen konnte ich zweimal siegen und war einmal Dritter. Der Trend stimmt also.
Frage: Ist das der Grund, warum Sie kürzlich Ihren Vertrag vorzeitig verlängert haben? Der vorherige lief noch bis Ende 2027.
Norris: Echt? Das wusste ich gar nicht.
Frage: Sie wussten nicht, wie lange Ihr Vertrag lief?
Norris: Nein. (lacht) Aber das spielt auch keine Rolle. McLaren ist meine Familie, und ich weiß, dass ich für dieses Team auch in den nächsten Jahren an den Start gehen möchte. Deswegen habe ich jetzt langfristig unterschrieben.
Frage: Bis Ende 2030, falls Sie das nicht wussten.
Norris: Danke, aber tatsächlich war mir das wiederum bewusst. (lacht)
Frage: Sind die Vertragsverhandlungen genauso leger, wie Ihr Umgang damit?
Norris: Ja, würde ich schon sagen. Wenn beide Seiten wissen, woran sie sind, und weitermachen wollen, findet man schnell eine Lösung.
Frage: Also reicht ein gemeinsames Kaffeetrinken?
Norris: Mehr oder weniger. Wir haben uns ausgetauscht, wenn wir gemeinsam gereist sind oder golfen waren. Aber ja, auch beim Kaffee ging es mal darum.
Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.
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