Dieser Ex-Bundestrainer arbeitet jetzt als Lehrer
Seinen ersten Trainerjob übernahm er vor 23 Jahren. Von 2017 bis 2020 coachte Christian Prokop schließlich als Bundestrainer die deutschen Handballer. Seit seinem Aus beim Bundesligisten TSV Hannover-Burgdorf im Januar 2026 sieht seine Berufswelt allerdings ganz anders aus: Der 47-Jährige unterrichtet mittlerweile in Isernhagen Sport, Politik und Wirtschaft.
Frage: Herr Prokop, was steht denn heute auf dem Stundenplan?
Christian Prokop: Heute gebe ich Sport in einer 10. Klasse an der IGS Isernhagen. Aktuell ist das Stundenthema Tischtennis, das macht mir Freude. Zusätzlich habe ich eine Abordnung zum Gymnasium Isernhagen, an dem ich Sport und Politik/Wirtschaft unterrichte. So bekomme ich direkte Einblicke in beide Schulsysteme und darf ganz unterschiedliche Erfahrungen sammeln.
Frage: Ein wirklicher Quereinsteiger sind Sie ja nicht …
Prokop: Nein, auch wenn ich mich mit 47 Jahren im Moment manchmal ein bisschen wie ein Referendar fühle. Ich habe mein Lehramtsstudium in Hildesheim 2008 mit dem Master abgeschlossen und anschließend in Magdeburg an der Sportsekundarschule mein zweites Staatsexamen gemacht, sodass ich zwei Jahre praktische Erfahrung als angehender Lehrer im Schulsystem sammeln konnte. Danach bin ich meiner großen Leidenschaft gefolgt und Handball-Profitrainer geworden.
Christian Prokop als Bundestrainer bei der Handball-WM 2019Frage: Warum kam es jetzt zur Rückkehr?
Prokop: Nach der Freistellung in Hannover im Januar war natürlich zunächst Enttäuschung da. Ich habe etwas Zeit gebraucht, um das zu reflektieren und für mich zu sortieren. Gleichzeitig ist der Wunsch gewachsen, selbstbestimmt zu entscheiden, welchen Weg ich als Nächstes einschlagen möchte. Dabei spielt meine Familie natürlich eine große Rolle. Wir leben seit fünf Jahren hier in Hannover, haben einen tollen Freundeskreis und unsere Kinder mit Schule und Sport ganz stabile und gute Bedingungen. Deshalb wollte ich nicht um jeden Preis sofort das nächste Angebot annehmen, sondern in Ruhe zunächst für Sicherheit und Kontinuität hier sorgen. Die Schule ist für mich gleichzeitig ein spannendes neues Feld, in dem ich über den Tellerrand schauen und mich weiterentwickeln kann. Mit dieser Entscheidung bin ich aktuell glücklich.
Frage: Wie kam es konkret dazu?
Prokop: Ganz offiziell über das reguläre Bewerbungsverfahren zur Einstellung für den niedersächsischen Schuldienst. Im April begann die erste Verfahrensrunde für die neuen Stellen zum Schuljahresbeginn für August 2026, im Mai kamen die Rückmeldungen und Einladungen zu den Vorstellungsgesprächen. Ich habe mich an zwei Schulen in einem circa 45-minütigen Gespräch vorgestellt und musste dort meine fachliche und pädagogische Eignung darlegen.
Frage: Und man wusste, wer Sie sind?
Prokop: Ja (lacht). Deshalb kam auch häufiger die Frage auf, wie lange ich mir den Lehrerberuf wirklich vorstellen kann. Ich möchte gar nicht zu weit in die Zukunft schauen. Aktuell habe ich den Schuleinstieg gut gemeistert, und es macht mir Freude.
Frage: Als Lehrer muss man aber sicher früher aufstehen als ein Trainer, oder?
Prokop: Ja, das ist definitiv so. Ich stehe täglich um 6.15 Uhr auf und muss spätestens um 7 Uhr los, weil ich rund 45 Minuten Anfahrtsweg habe. Deshalb kann ich am Abend nicht mehr alle Handballspiele bis zur Schlussphase verfolgen. (lacht)
Frage: Sind Sie ein strenger Lehrer?
Prokop: Natürlich! Spaß, ich glaube, dass ich einen ganz guten Mix gefunden habe. Es gibt erstaunlich viele Parallelen zum Trainerberuf. Die Beziehungsebene ist mir sehr wichtig: Man möchte die Menschen erreichen und Vertrauen aufbauen. Wenn ich aber merke, dass Grenzen überschritten oder Dinge ausgenutzt werden, schreite ich konsequent ein. Das unterscheidet sich in einer Schulklasse nicht wesentlich von einer Mannschaft. Eine gute Beziehungsebene und klare Regeln zur Orientierung gehören zusammen.
Frage: Gab es auch schon Autogramm- oder Fotowünsche?
Prokop: Einige witzige Situationen gab es tatsächlich: Während des Unterrichts klopfte es plötzlich an der Tür. Eine Besuchergruppe aus Kiel hatte gelesen, dass ich an der Schule arbeite, und beim Fachbereichsleiter nach einem Foto gefragt. Das haben wir dann schnell gemacht. Ab und zu gibt es bei der Pausenaufsicht die eine oder andere Selfieanfrage. Ein paar Handballer sind natürlich auch an der Schule. Aber insgesamt hält sich das in Grenzen – und das ist auch gut so. In der Schule bin ich in erster Linie Lehrer und nicht Ex-Trainer.
In seinem Element: Christian Prokop als Hannover-Trainer am SpielfeldrandFrage: Hatten Sie sich zwischenzeitlich auch arbeitslos melden müssen?
Prokop: Mein Vertrag bei der TSV Hannover-Burgdorf lief bis zum 30. Juni 2026. Dadurch war ich im Juli für einen Monat arbeitslos. Das war natürlich kein besonders schönes Gefühl. Gleichzeitig wusste ich, dass ich nicht vor einer langen Phase dieser Arbeitslosigkeit stehen würde. Mir war wichtig, etwas Sinnstiftendes zu machen und eine Aufgabe zu haben, die mich neu herausfordert.
Frage: Was ist im Handball in Hannover schiefgelaufen?
Prokop: Von schiefgelaufen kann man aus meiner Sicht nicht reden. Wir haben es in Hannover gemeinsam geschafft, im Laufe von vier Jahren eine kontinuierliche Verbesserung zu erzielen: Die TSV Hannover-Burgdorf war keine Fahrstuhlmannschaft mehr, die Identifikation ist unglaublich gestiegen, unser saisonales Punktekonto hat sich stetig verbessert – und die Zuschauerzahlen sind ebenfalls kontinuierlich gewachsen. Das weckt natürlich neue Begehrlichkeiten und führte zu einer anderen Erwartungshaltung. Wenn dann Ergebnisse und Leistungen im darauffolgenden Saisonstart nicht hundertprozentig stimmen, entstehen schnell Kritik und Enttäuschung. Ein wichtiger Punkt war für mich die Kaderplanung vor der neuen Saison. Wir haben es damals nicht geschafft, Marko Grgic zu verpflichten, obwohl wir sehr intensiv und lange daran gearbeitet und eine Art Pole-Position innegehabt hatten. Das war für meine sportliche Idee ein großer Einschnitt, weil er unter anderem eine zentrale Rolle im Spielsystem und im weiteren Aufbau einer jungen deutschen Mannschaft gespielt hätte. Ich hatte in diese Gespräche, ähnlich wie bei der Verpflichtung von Leif Tissier, sehr viel investiert. Mit einer solchen Perspektive wäre es aus meiner Sicht auch attraktiv gewesen, Spieler wie Justus Fischer und Renars Uscins langfristig für den Standort Hannover zu begeistern.
Frage: Wie viele Angebote gab es denn nach dem Aus in Hannover?
Prokop: Es gab mehrere Anfragen, und drei davon waren schon sehr detailliert und konkret. Am Ende hat es aber nicht zusammengepasst.
Frage: Was würde Sie denn im Handball reizen?
Prokop: Ich habe in den vergangenen Jahren den Weg in den oberen Tabellenbereich angestrebt und mit Hannover auch zweimal den Sprung unter die ersten sechs geschafft. Wenn ich zurückkehre, sollte die sportliche Perspektive passen. Die Chance, deutlich mehr Spiele zu gewinnen als zu verlieren und ambitionierte Ziele zu verfolgen, hat natürlich ihren Reiz. Aber ich sitze jetzt sicher nicht da und drücke die Daumen, dass es bei einem Trainerkollegen schlecht läuft, damit bei mir eventuell das Telefon klingelt. So möchte ich nicht auf den Handball schauen.
Frage: Meister wird nur der SC Magdeburg?
Prokop: Sie haben die besten Chancen dazu. Die klare Art und Weise, wie Magdeburg Handball spielt, die Tiefe des Kaders und die Unterstützung der Fans sind schon außergewöhnlich. Trotzdem wird es kein Selbstläufer. Was die Bundesliga weiter attraktiv macht, ist, dass wieder absolute, internationale Topspieler in die Liga kommen. Es gab eine Phase, in der einige Stars der Bundesliga den Rücken gekehrt haben – unter anderem wegen der enormen Belastung. Jetzt hat sich diese Entwicklung ein Stück weit gedreht.
Frage: Zum Schluss: Wer wird Weltmeister in Deutschland?
Prokop: Wir. Wir haben sehr gute Spieler, das beste Torhütergespann und tolle Fans. Wir sind reif dafür.
Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.
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