Mut, Offenheit und Haltung – der beeindruckende Klopp-Auftritt
Als Jürgen Klopp am Donnerstagmorgen seinen ersten Kader für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft präsentierte, sorgte der neue Bundestrainer für ein Novum. Klopp präsentierte zwei Aufgebote für die anstehenden vier Länderspiele. Insgesamt nominierte er 44 Spieler, darunter 16 Neulinge – und lediglich drei Spieler, die älter als 30 Jahre sind.
Auf seiner ersten Pressekonferenz Ende Juli hatte Klopp wissen lassen, dass er eine Liste von 57 Feldspielern im Kopf habe. Auf seine Worte „es werden Spieler die Möglichkeit bekommen, die jetzt noch gar nicht damit rechnen“ lässt der Bundestrainer nun Taten folgen. Das ist nur konsequent und zugleich mutig. Der 59-Jährige schafft sich damit nicht nur viele Optionen. Er belohnt das, was über allem steht, wenn es darum geht, für Deutschland spielen zu dürfen: Leistung.
Klopps Auftritt am Donnerstag war erfrischend, pointiert und mitreißend. Klopp schafft, was vielen Menschen in Verantwortung misslingt: andere mit Worten zu berühren. Er war sehr ausführlich und positiv gestimmt. „Wir haben nicht geguckt, was wir nicht haben, sondern geguckt, was wir haben“, sagte Klopp über die Auswahl der Spieler und erinnerte an die Tage nach dem WM-Aus Anfang Juli. Da hatte man den Eindruck, sagte er, dass es in Deutschland kein Talent und keine Fußballspieler geben würde. Dies sei nicht der Fall: „Wir sehen etwas in den Jungs und wollen in ihrer Entwicklung dabei sein.“
Klopp weiß, dass ab sofort noch genauer auf seinen Verantwortungsbereich geschaut wird. Sein XXL-Kader überrascht zwar, ist aber sinnvoll: Binnen zehn Tagen stehen gleich vier Länderspiele an, und auf die meisten Profis warten in den kommenden Monaten im Verein viele Herausforderungen. Klopp trägt dieser Belastung damit Rechnung.
Bundestrainer vor Ort – Klopp war auf Tour
Überhaupt macht der Bundestrainer seit seinem Amtsantritt sehr viel richtig. Dortmund, München, Stuttgart, Augsburg, Frankfurt und Mainz: Klopp war auf Tour. Er besuchte innerhalb weniger Wochen gefühlt mehr Spiele als sein Vorgänger Julian Nagelsmann in einer Saison. Klopp war vor Ort, war präsent. Er tauschte sich mit Spielern, Trainern und Verantwortlichen aus. Damit signalisierte er Nähe – und gab jedem, mit dem er sprach, das Gefühl, Teil des großen Ganzen zu sein. Von 50 bis 60 Gesprächen, die er persönlich, telefonisch oder via Facetime geführt habe, berichtete er.
In Zeiten, in denen eine gute Kommunikation oft auf der Strecke bleibt und viele Leute viel eher über als miteinander reden, sticht ein wertschätzendes Verhalten wie das von Klopp hervor.
Was das bewirkt, zeigte sich beispielsweise vergangenen Samstag, als Frankfurt beim FSV Mainz gastierte. Eintracht-Stürmer Jonathan Burkardt machte ein überzeugendes Spiel. Er erzielte ein Tor und bereitete eins vor. Dass er gut spielt und auch Tore schießt, erwartet man bei seinem Arbeitgeber natürlich. Doch wer saß an diesem Nachmittag oben auf der Tribüne und schaute zu? Der Bundestrainer. So ein Besuch kann beflügeln und Kräfte freisetzen.
Ein Tor, eine Vorlage: Frankfurts Stürmer Jonathan Michael Burkardt (r.) spielt am vergangenen Samstag vor den Augen von Bundestrainer Jürgen Klopp groß aufJürgen Klopp weiß, dass er keine Wunder vollbringen kann. Es braucht Zeit und Geduld, die deutsche Mannschaft wieder auf Kurs zu bringen. Aber der neue Bundestrainer agiert visionär – und ist sich darüber im Klaren, dass er große Verantwortung trägt. Für die Mannschaft, aber in seiner Rolle als Bundestrainer auch ein wenig für das gesamte Land.
Er wolle sich künftig zwar nicht so oft politisch äußern, dennoch machte Jürgen Klopp am Donnerstag keinen Hehl daraus, dass er den Patriotismus und den Stolz auf die eigene Nation nicht den falschen Leuten überlassen möchte. „In Deutschland hat gerade eine Wahl stattgefunden, die einige Leute vielleicht okay fanden, wo aber viele gesagt haben: Um Himmels willen, was ist da denn passiert?“, sagte Klopp über den 43,8 Prozent-Sieg der AfD in Sachsen-Anhalt. „Aus meiner Sportler-Perspektive sage ich: Ich würde uns gern die Fahne zurückholen. Positiver Patriotismus – gern.“
Es ist das Gefühl der Sommermärchen-WM 2006, als Millionen in Deutschland voller Stolz die Fahne schwenkten, das ihn antreibt. Und auch deshalb tat er am Donnerstag seine Meinung kund.
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