Es war ein Interview, das sie nicht gegeben hatte. Aber sie war involviert – und es sorgte für Aufsehen bei der Leichtathletik-EM. Unmittelbar nach dem Rennen über 3.000 Meter Hindernis hatte sich Lea Meyer, die am letzten Wassergraben gestürzt war und nur auf Platz vier landete, zu Siegerin Krause geäußert.

„Also das ist einem ja bewusst: Gesa will einfach keinen Meter was machen. Die sitzt es aus und rennt da hinten raus“, sagte Meyer. Krause, die im Schlussspurt an Meyer vorbeizog, hatte sich fast den ganzen Lauf über im Windschatten aufgehalten. Meyer hatte sich im Nachgang entschuldigt. Und auch ein Gespräch mit Gesa Krause hat es inzwischen gegeben. Davon berichtet die Europameisterin im folgenden Interview.

Frage: Frau Krause, in Birmingham wurden Sie zum dritten Mal Europameisterin über 3000 Meter Hindernis nach 2016 und 2018. Welchen Traum wollen Sie sich in Ihrer Karriere noch erfüllen?

Gesa Krause: Der EM-Titel war schon ein großer Traum! Generell will ich noch einmal schneller werden und meine Bestzeit (9:03,30 Minuten; d. Red.) pulverisieren. Ich weiß, dass ich das in mir habe. Das ist die Aufgabe für die nächsten zwei Jahre. Denn nur, wenn ich um die neun Minuten laufen kann – und das auch noch ein bisschen konstanter –, dann bin ich auch in der Lage, vielleicht im perfekten Rennen auch die Medaille bei WM oder Olympia angreifen zu können. Das fünfte Mal Olympia in Folge und jedes Mal im Finale zu sein, ist auch ein Riesentraum, den ich für 2028 habe.

Frage: Was ist die größte Veränderung zur Gesa Krause von 2016?

Krause: Ich bin mit jedem Jahr ein bisschen weiser geworden, habe dazugelernt. Ich glaube, dass ich gerade in den vergangenen vier, fünf Jahren mehr zu mir selbst gefunden habe.

Frage: Wie sah das aus?

Krause: Das begann mit der Corona-Zeit, als 2020 Olympia auf 2021 verschoben wurde. Das hat mir damals den Boden unter den Füßen weggerissen. Nach zwei intensiven Jahren dort dann Fünfte zu werden, war für mich ein toller Erfolg. Aber danach war mein Körper einfach an einem Limit, was sich 2022 zeigte. Dann folgte meine Schwangerschaft und 2023 die Geburt von Lola. Diese Zeit hat mir wirklich geholfen.

Lea Meyer (r.), die hier noch in Führung lag, beim Finale über 3000 Meter Hindernis – Gesa Krause läuft links neben ihr

Frage: Wie genau?

Krause: Da musste ich in allen Bereichen ein bisschen kürzer treten. So habe ich mich selbst auch wieder neu gefunden, habe überlegt: Was will ich, und wie will ich es? Es war schwer, weil ich erst mal wieder eine richtige Balance finden und mit der neuen Situation irgendwie klarkommen musste. Aber seitdem wir das als Familie gut im Griff haben, habe ich das Gefühl, dass ich einfach viel, viel mehr Freude und auch mehr Leichtigkeit habe, den Sport ausüben zu können. Ich kann viel befreiter rennen.

Frage: Welche körperlichen Veränderungen haben Sie nach der Geburt von Lola bemerkt?

Krause: Ich habe zum Glück keine größeren Beschwerden, auch das Comeback verlief reibungslos. Ich könnte mir aber schon vorstellen, dass sich an der Statik des Körpers hier und da einfach etwas ändert. Aber ob das auf die Schwangerschaft zurückzuschieben ist oder auf die Trainingsbelastung oder das Alter, das ist schwierig zu sagen. Aber muskuläre Probleme, die ich nach der EM hatte, sind schon etwas, das immer mal wieder auftaucht. Doch insgesamt muss ich sagen: Ich fühle mich körperlich so gut wie vielleicht noch nie und auch nicht so alt, wie ich bin. Es ist eigentlich unglaublich, wie lange ich schon dabei bin. Aber es kommt mir gar nicht so lange vor.

Frage: Wie sieht Ihr Alltag mit Lola aus?

Krause: Die ersten zwei Jahre waren schon ein bisschen tougher. Seitdem sie zwei ist, ist es alles ein bisschen einfacher. Da hilft die Kommunikation, man kann ihr Dinge erklären. Sie arbeitet auch bei vielen Sachen mit und wird ein bisschen selbstständiger. Momentan ist es so, dass sie um spätestens neun im Kindergarten ist. Meistens bringe ich sie, weil sie mittlerweile auch ein bisschen länger schläft, was ich sehr genieße. Mein Mann muss arbeiten und fängt etwas früher an. Ich trainiere in der Regel nie vor zehn. Also frühstücke ich mit ihr, bringe sie in den Kindergarten und konzentriere mich danach auf mein Training, für das ich nach Frankfurt fahre.

Frage: Wie umfangreich ist Ihr Training?

Krause: Meist zwei Haupteinheiten plus zwei-, dreimal die Woche Physiotherapie. Das nimmt viel Zeit in Anspruch. An den anderen Tagen widme ich mich dann in der Zeit, wo Lola im Kindergarten ist, auch anderen Aufgaben. Heutzutage ist Laufen nicht mehr nur Laufen, sondern da stecken mittlerweile auch viel Bürokratie und andere Dinge dahinter, die halt irgendwie erledigt werden müssen. Wir haben ein Ganztagsmodul bis 16 Uhr, aber sie bleibt nicht jeden Tag bis 16 Uhr. Das ist immer davon abhängig, wie beschäftigt wir eben auch sind. Je nachdem, was als zweite Einheit, die meist kürzer ist, ansteht, mache ich die entweder, bevor ich sie abhole, oder dann auch in den Nachmittags- oder Abendstunden.

Gesa Krause am Mittwoch, den 8. September, zu Gast bei BILD100

Frage: Gab es nach der Geburt von Lola eigentlich Momente, wo Sie ans Aufhören gedacht haben?

Krause: Nein. Eigentlich habe ich mit dem Moment, wo ich schwanger war, gesagt: Ich will aber 2024 zu Olympia nach Paris. Es war ein guter Zeitpunkt für die Babypause, weil man ja jedes Jahr versucht, irgendwie über sich hinauszuwachsen. 2022 lief es bei mir wirklich sehr, sehr holprig, ich konnte nicht bei der EM in München starten. Da war ich schon elf, zwölf Jahre im Leistungssport bei den Erwachsenen, wo der Körper natürlich auch mal an ein Limit stößt und wo man mal durchatmen muss. Natürlich bin ich auch jetzt hier und da am Limit, aber inzwischen habe ich das Gefühl, dass ich einfach mehr Ventile habe, um auch mal vom Sport abzuschalten. Das fiel mir vorher sehr viel schwerer.

Frage: Jahr für Jahr wurde Leistung von Ihnen verlangt.

Krause: Ich musste mir zu Beginn erst mal dieses Standing erarbeiten. 2015 gewann ich mit WM-Bronze meine erste internationale Medaille. Danach sagt man: Jetzt muss ich aber beweisen, dass das nicht nur eine Eintagsfliege war. Dann folgte 2016 der erste EM-Titel, und das war besonders. Aber im gleichen Jahr war noch Olympia. Das heißt, man hat die EM gemacht und hat sich eigentlich gar nicht so richtig darüber gefreut, weil dann ist ja noch Olympia, wo ich mit deutschem Rekord Sechste wurde. Im nächsten Jahr erwarteten die Leute dann wieder, dass ich da bin. So geht das immer weiter. Das war die Challenge, die ich in jungen Jahren hatte. Klar denke ich jetzt auch schon an die WM 2027. Aber ich denke in erster Linie, dass ich ein tolles Jahr mit EM-Gold hatte – und ich freue mich darüber.

Frage: War früher der Druck zu groß?

Krause: Ich würde sagen, dass ich mich früher mehr über die Resultate definiert habe. Jetzt spielt das Ergebnis natürlich immer noch eine Rolle. Aber in meinem privaten Leben bin ich sehr glücklich. Mit der Geburt meiner Tochter habe ich das Gefühl, ich habe eine andere Aufgabe, die einfach das Schönste überhaupt ist. Parallel kann ich trotzdem mein Hobby weiter ausüben. Sonst war da bei mir immer nur der Sport, was auch schön war, aber auch ein tägliches Aufraffen und Arbeiten. Jetzt muss ich nichts mehr beweisen, sondern ich sehe es als Privileg, dass ich den Sport machen kann und dass mein Körper noch fit ist. Ich gehe jetzt mit einem Glücksgefühl zum Training, aber das Training definiert nicht mein Glücksgefühl.

Zieleinlauf am 13. August: Gesa Krause ist Europameisterin

Frage: Jetzt steht eine Pause an, bevor es in wenigen Wochen wieder mit dem Training losgeht. Wie belohnen Sie sich?

Krause: Als Familie reisen wir in einigen Wochen in den Urlaub. Ich habe endlich Zeit für Freunde oder auch einfach mal ein bisschen zu Hause zu sein. Da kann ich alles ohne Stress erledigen. Erst einmal atme ich durch, und dann geht es weiter. So habe ich früher nicht gedacht. Ich konnte nie, auch in der Pause nicht, abschalten, weil ich immer das Gefühl hatte, ich muss jemandem oder mir selbst beweisen, wie gut ich bin. Da habe ich selbst dann nichts abseits des Sports für mich gemacht. Mittlerweile trainiere ich so, dass ich spüre, es tut mir gut. Jetzt habe ich einfach Bock aufs nächste Jahr. Im Herbst, nach der Pause, werde ich mich mit meinem Trainer Wolfgang Heinig zusammensetzen und den Weg bis zu den Olympischen Spielen 2028 planen. Ich vertraue seit 2008 auf seine Expertise, und mit ihm an meiner Seite bin ich mir sicher, dass ich auch die nächsten Höhepunkte bestmöglich meistern kann.

Frage: Ist 2028 Schluss?

Krause: Das würde ich mir offenhalten, weil ich in meinem Alter gucken muss, was der Körper mitmacht. Mir ist aber klar, dass die Mittelstrecke irgendwann mal endlich ist. Auf der Langstrecke habe ich mich ja auch schon ein bisschen versucht. Der Halbmarathon liegt mir ganz gut. Ich glaube, da steht mir die Welt noch offen, auch bis Ende 30 weitermachen zu können. Das könnte ich mir auch gut vorstellen. Aber jetzt zu sagen, 2028 wäre das Ende, das weiß ich jetzt noch nicht. Das hängt auch davon ab, ob die deutsche WM-Bewerbung mit München für 2029 fruchtet. Denn ein Jahr vor einer WM im eigenen Land hört man natürlich nicht auf.

Frage: Bei der EM gab es im Endspurt das Duell mit Lea Meyer, die am Wassergraben stürzte, Vierte wurde und danach im frustrierten Interview Kritik an Ihnen übte. Sie hätten keine Führungsarbeit gemacht. Später entschuldigte Meyer sich über Social Media. Wie ist das Verhältnis?

Krause: Wir haben uns ausgesprochen, würde ich sagen. Das reicht dann, glaube ich, auch. Man muss das nicht fünfmal wieder hochkochen lassen. Wir waren nach der EM in Lausanne und in Zürich auf einem Wettkampf. Es ist nicht so, dass wir uns ein Zimmer teilen und alles zusammen machen, aber wir reden normal miteinander, auch mal über was anderes als Sport. Ich würde sagen, das ist jetzt unverändert zu vorher.

Frage: Wie empfanden Sie das Interview?

Krause: Ohne das jetzt noch mal aufarbeiten zu wollen: Es ist vielleicht unglücklich gelaufen, aber so ist es eben manchmal. Ich bin einfach nicht der Typ, der daraus eine Riesensache machen möchte, und auch nicht, dass uns das jetzt bei jedem Rennen, das wir gegeneinander bestreiten, verfolgt. Es ändert nichts an der Tatsache, dass ich vor ihr sein möchte oder auch am besten vor allen anderen. Das ist die Herangehensweise. Ich denke, das geht ihr genauso.

Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter ( WELT, „Bild“ , „Sport Bild“ ) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.

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