„Bei Bayern München kam ich an, und man hat sich gefragt: Bekommt er das hin?“
Der FC Bayern startet in die nächste Titeljagd. Am Donnerstag steht mit dem Heimspiel gegen den norwegischen Vizemeister Bodø/Glimt das erste Spiel in der Champions League an (21 Uhr, im Sport-Ticker der WELT und bei DAZN). Vor der Partie bezog Bayern Münchens Sportvorstand Stellung.
Frage: Herr Eberl, Stichwort Champions-League-Saison: Ist das Endspiel in Madrid das klar definierte Ziel?
Max Eberl: Wir wollen ins Finale und es im besten Fall auch gewinnen. Dafür werden wir alles tun. Bayern München hat den Anspruch, alle möglichen Titel zu gewinnen. Aber bei der Stärke der Konkurrenz ist es schon so, dass nicht mehr allein die Qualität ausschlaggebend ist. Sondern auch das Quäntchen Glück, das du in der entscheidenden Sekunde oder Situation benötigst. Die Qualitätsunterschiede zwischen Mannschaften wie Real Madrid, Barcelona, Paris St. Germain, Manchester City, Liverpool, Arsenal oder Bayern München sind sehr gering. In diesen Spielen kommt es auf Kleinigkeiten an.
Frage: Ist es Ihnen aus Ihrer Sicht gelungen, den Bayern-Kader im Sommer zu verstärken?
Eberl: Das haben wir versucht. In den vergangenen zwei Jahren haben wir es geschafft, den Kader zu verändern, neue Impulse zu setzen und ihn sukzessive stärker zu machen. Wir haben jetzt Nicolas Jackson, Leon Goretzka und Raphaël Guerreiro verloren, dafür mit Nathaniel Brown, Ismael Saibari und Bara Sapoko Ndiaye drei Spieler dazugeholt. Wir sind jünger und flexibler geworden, haben auch von der Schnelligkeit, Kreativität und Flexibilität her zugelegt.
Frage: Vor allem an Ismael Saibari sollen Sie gemeinsam mit Vincent Kompany schon seit knapp einem Jahr dran gewesen sein …
Eberl: Seine Entwicklung in Eindhoven haben wir schon länger beobachtet. Es ist kein Geheimnis, dass wir uns auf der linken Außenbahn auch mit Anthony Gordon beschäftigt haben. Da haben wir dann bewusst gesagt: Das machen wir nicht, weil er schlicht und einfach zu teuer war. Wir hatten zu dem Zeitpunkt zwei Strategien im Kopf: entweder Gordon oder Saibari. Nach unserem Champions-League-Spiel in Eindhoven hat sich Vinnie (Kompany, die Redaktion) mit Ismael unterhalten. Danach kam er zu mir und hat mich gefragt: ‚Kennen wir den schon?‘ Meine Antwort war: ‚Ja, tun wir.‘ Im Anschluss haben wir ihn weiter intensiv beobachtet und letztlich im Sommer verpflichtet.
Frage: Enzo Fernández ist in diesem Sommer für 145 Millionen Euro vom FC Chelsea zu Manchester City gewechselt, Bradley Barcola für 125 Millionen Euro von PSG zum FC Liverpool. Sind das Summen, die der FC Bayern auch investieren könnte?
Eberl: Bayern München ist stark, das hat der Verein beim Kauf von Harry Kane gezeigt. Wenn wir wollen und davon überzeugt sind, ist der FC Bayern in der Lage, auch große Transfers zu tätigen. Wir wollen so etwas aber mit Weitblick machen. Unsere Strategie war in den vergangenen Jahren, dass wir Spieler haben wollen, die uns die Möglichkeit geben, die Champions League, die deutsche Meisterschaft und den DFB-Pokal zu gewinnen. Gleichzeitig wollen wir junge Spieler aus unserer Akademie dazunehmen, die mit uns wachsen können.
Frage: Speziell an Barcola war der FC Bayern in den vergangenen Jahren immer wieder interessiert …
Eberl: Ehrlicherweise kenne ich Bradley schon aus meiner Zeit in Leipzig. Ich wollte ihn zu RB holen. Wir waren damals zusammengesessen und haben darüber diskutiert. Damit habe ich eine engere Beziehung zu Bradley gehabt. Es war also schon immer Interesse da. Natürlich haben wir uns auch bei Bayern mit Bradley beschäftigt. Aber wenn man solche Summen hört, dann ist das für uns zu viel gewesen. Mit Luis Díaz haben wir eine Entscheidung gefällt, die auch kostspielig war, aber in einer anderen Dimension als Bradley. Zudem ist Díaz ein Spieler, für den die Menschen ins Stadion kommen. Wir sind extrem glücklich mit ihm.
Frage: Um Michael Olise und Real Madrid gab es diesen Sommer zahlreiche Gerüchte. Gab es einen Moment, in dem Olise oder sein Management Sie bezüglich eines Wechsels kontaktiert hat?
Eberl: Überhaupt nicht, kein einziges Mal. Michael hat mir während der WM eine WhatsApp geschrieben. Da habe ich kurz gezögert, bevor ich sie geöffnet habe. (lacht) Ich wusste ja nicht, ob er jetzt vielleicht tatsächlich mit diesem Thema kommt. Aber es war ein Foto mit Manu Koné, den ich damals nach Gladbach geholt hatte, mit einem Herz drunter. Die beiden haben mir liebe Grüße aus Amerika gesendet. Danach habe ich Michael gefragt, ob er kommende Saison die Rückennummer 11 haben möchte. Er wollte aber die 17 behalten. Das war mein Kontakt mit Michael, von daher war immer alles in Ordnung.
Frage: Wie würden Sie den Charakter Michael Olise beschreiben?
Eberl: Michael ist jemand, der einfach nur Fußball spielen möchte. Ein Video ist in diesem Sommer viral gegangen, das ihn sehr gut beschreibt: Da spielt er in New York mit Strumpfsocken Fußball. Ich liebe ihn, ich liebe seine Art. Auch wenn die für Journalisten manchmal schwierig ist. (lacht) Aber ich komme mit ihm super klar. Er ist ein wunderbarer Fußballer und ein Charakter, der sagt: „Fußball ist mein Leben.“ Und das ist doch das, was wir haben wollen.
Frage: Ab welcher Summe würden Sie darüber nachdenken, ihn zu verkaufen?
Eberl: Wenn man die Champions League gewinnen will, stellt sich diese Frage nicht. Das ist das Schöne bei Bayern München: Man muss bei keiner Summe schwach werden.
Frage: Sein Vertrag läuft noch bis 2029. Wann sollen Gespräche über eine Verlängerung stattfinden?
Eberl: Michael hat bei uns eine außergewöhnliche Entwicklung genommen. Man wird sich auf jeden Fall zu gegebener Zeit hinsetzen und darüber reden, wie es weitergeht. Er hat noch einen Dreijahresvertrag – ich betone: ohne Ausstiegsklausel. Ich sage es mal so: Wir sollten bis zum nächsten Sommer wissen, ob es eine Tendenz zur Verlängerung von seiner Seite aus gibt oder nicht.
Frage: Anders als bei Olise laufen die Gespräche mit Harry Kane über eine Vertragsverlängerung schon seit Wochen. Wie zuversichtlich sind Sie, dass sie zu einem erfolgreichen Abschluss führen?
Eberl: Harry hatte schon vor seiner Zeit beim FC Bayern eine beeindruckende Karriere. Aber die Titel hat er erst in München geholt. Ich glaube, dass Harry hier noch einmal Schritte gegangen ist, was seine Persönlichkeit und Führungsqualität betrifft. Dass Harry sich in München, im Verein und in der Mannschaft wohlfühlt, spürt und sieht man. Ich wüsste nicht, was gegen eine Vertragsverlängerung sprechen würde.
Frage: Gibt es hier ein Zeitfenster, das Sie sich gesetzt haben?
Eberl: Wir wollen es keine endlose Geschichte werden lassen, das wird es auch nicht.
Frage: Wie sehen Sie Kanes Chancen auf den Ballon d’Or?
Eberl: Ich habe hautnah miterlebt, wie Harry die vergangenen zwei Jahre agiert und performt hat. Er hat Rekorde gebrochen und ist eine Top-Persönlichkeit. Für mich gibt es keinen anderen Kandidaten außer Harry.
Frage: Ihr eigener Vertrag wurde vor rund zwei Wochen um zwei weitere Jahre verlängert. Zuvor gab es öffentlich auch aus dem Aufsichtsrat viele Äußerungen zu Ihrer Arbeit beim FC Bayern. Wie haben Sie sich dabei gefühlt?
Eberl: Als ich in Gladbach anfing, hat jemand gesagt, ich hätte den Job nur bekommen, weil ich gerade zufällig mit dem Fahrrad vorbeigefahren bin. Bei meinem Wechsel nach Leipzig hat man mir vorgeworfen, ich gehe von der Tradition in den Kommerz. Bei Bayern München kam ich an, und man hat sich gefragt: Bekommt er das hin? Ich musste mir alles hart erarbeiten und fokussiere mich dabei nur auf meine Arbeit. Bayern München musst du erfahren, darauf kannst du dich nicht vorbereiten. Du lernst es erst, wenn du im Verein bist. Mein Credo war immer, zu versuchen, einen guten Job zu machen. Das ist das schlagende Argument für einen Sportvorstand. Ich habe versucht, die öffentliche Debatte ein Stück weit zur Seite zu schieben.
Frage: Nach dem DFB-Pokalsieg im Mai haben Sie zur Feier des Tages Zigarre geraucht. Gab es die nach Ihrer Vertragsverlängerung wieder?
Eberl: Jan-Christian Dreesen, dessen Vertrag auch verlängert wurde, und ich haben mit dem Aufsichtsrat angestoßen. Ich habe keine Zigarre geraucht, aber die Tage danach auch noch privat mit den mir wichtigsten Menschen, die um mich herum sind, angestoßen. Es gab keine Riesenfeier.
Eberl ist in zweiter Ehe mit der TV-Moderatorin Natascha Fruscella verheiratetFrage: Bundestrainer Jürgen Klopp war kürzlich zu Gast an der Säbener Straße. Hatten Sie Zeit für ein Gespräch?
Eberl: Ich habe mich mit ihm im Stadion unterhalten, als er bei unserem Spiel gegen den VfB Stuttgart da war. Ich hatte zu Kloppo immer ein sehr angenehmes, kein intensives Verhältnis. Aber wenn wir uns sehen, freuen wir uns. Ich schätze ihn. Es macht Spaß, sich mit ihm auszutauschen. Für den deutschen Fußball ist er eine sehr gute Lösung. Er ist eine Figur, die vorneweggehen kann. Aber er allein wird auch nicht alles glattbügeln können.
Frage: Spielt seine Vergangenheit bei Bayern-Rivale Borussia Dortmund noch eine Rolle?
Eberl: Der Bayern-Block, auf den sich Jürgen in Zukunft stützen kann, ist sehr groß, aber natürlich: Jürgen Klopp hat für den BVB einen sehr guten Job gemacht. Das muss man als Bayern München leider anerkennen. Aber ihm geht es um den deutschen Fußball. Und deswegen schaut er schon sehr genau, was beim FC Bayern passiert.
Frage: Sehen Sie Jonas Urbig künftig als Stammtorwart in der deutschen Nationalmannschaft?
Eberl: Diese Entscheidung steht mir nicht zu. Unsere Einschätzung ist, dass Jonas extrem großes Potenzial hat. Wir können uns gut vorstellen, dass er bei Bayern der Nachfolger von Manuel Neuer wird. Jonas wird weiter von Manu lernen. Ich sehe ihn schon als potenziellen Torhüter für den DFB. Wann und wie, das vermag ich nicht zu sagen.
Frage: Immer wieder ist von einem zerrütteten Verhältnis zwischen Ihnen und Sportdirektor Christoph Freund zu lesen. Was denken Sie darüber?
Eberl: Das ist Bullshit! Das ist eine an den Haaren herbeigezogene Geschichte, die ich nicht nachvollziehen kann. Ich weiß nicht, woher sie kommt. Christoph und ich arbeiten beim FC Bayern seit zweieinhalb Jahren zusammen, und wir machen es, meiner Wahrnehmung nach, sehr gut miteinander. Jeder hat klare Aufgaben, es macht Spaß und Freude. Wir versuchen Tag und Nacht, das Beste für den FC Bayern zu tun.
Frage: Freunds Vertrag läuft kommenden Sommer aus. Sie entscheiden als Sportvorstand unmittelbar mit über seine Zukunft.
Eberl: Seine Verlängerung ist eine Sache, die schnell und lautlos über die Bühne gehen sollte. Für mich ist es keine Frage, ob sein Vertrag verlängert wird oder nicht.
Frage: Auch über Chefscout Nils Schmadtke gab es viele Gerüchte. Er soll kurz vor dem Aus bei Bayern stehen. Wie ist die Situation um ihn?
Eberl: Fakt ist: Nils hat noch ein Jahr Vertrag und gehört für mich zu den besten Scouts und Kaderplanern in Deutschland. Deswegen haben wir ihn auch verpflichtet. Was nach Ablauf seines Vertrages passiert, werden wir besprechen. Aber was in der öffentlichen Berichterstattung zu seiner Person zu lesen war, fand ich nicht in Ordnung. Das kann man so nicht stehen lassen.
Frage: Bei Jamal Musiala sind in der Saisonvorbereitung Absencen aufgetreten, die zu Zusammenbrüchen auf dem Fußballplatz führten. Wie unterstützt ihn der FC Bayern?
Eberl: Anders als für die Öffentlichkeit ist diese Situation für uns schon seit einiger Zeit Alltag. Ich habe aktuell einen guten Eindruck. Die Medikation wurde wieder gesteigert, und es geht in die richtige Richtung. Jetzt ist es wichtig, ihm die Ruhe zu geben, die er braucht. Ich wünsche mir für ihn, dass, wenn er auf dem Platz steht, es wieder um den Sport geht, dass man ihn einfach lässt und ihm Unterstützung gibt.
Frage: Angenommen, wir treffen Sie in zwei Jahren wieder zum nächsten Interview-Termin: Was müsste bis dahin passiert sein, damit Sie sagen, der FC Bayern wurde auf das nächsthöhere Level gehoben?
Eberl: Wenn ich Zukunft gestalten will, muss ich die Vergangenheit des Klubs kennen. Um die Zukunft zu gestalten mit den Erkenntnissen der Vergangenheit, muss ich heute dafür arbeiten. Das haben wir jetzt zwei Jahre getan. Und das wollen wir genauso wieder tun. Ich kann keinen Champions-League-Sieg versprechen, das bedarf Nuancen. Aber natürlich würden wir in den nächsten zwei Jahren einmal gerne die Champions League gewonnen haben. Wir wollen den FC Bayern weiterhin als Kraft gegen diesen großen Fußballmarkt Premier League etablieren, konkurrenzfähig bleiben, mit einer Kaderentwicklung, die uns wirtschaftlich möglich ist und die für die Menschen logisch erscheint.
Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.
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