„Das war sehr seltsam“ – BVB sorgt sich um Karetsas
Es war Halbzeit im Westfalenstadion, und die Spieler von Borussia Dortmund befanden sich auf dem Weg in die Kabine. Das, was sich zeitgleich nur wenige Meter entfernt in der Zufahrt unter der Osttribüne abspielte, sahen sie nicht.
Um 21.50 Uhr wurde Konstantinos Karetsas dort von Sanitätern in einen Krankenwagen getragen. Seine Mutter, die extra angereist war, um das Champions-League-Debüt ihres Sohnes live zu erleben, stieg ebenfalls ein. Karetsas, der sich in der 23. Spielminute plötzlich auf den Rasen sinken ließ und dann dort vier Minuten lang behandelt wurde, sollte im Krankenhaus genauer untersucht werden. Das Ergebnis steht noch aus.
Um 23.30 Uhr war das Spiel gegen den FC Villarreal, das der BVB nach mehreren dramatischen Wendungen 3:2 (0:0) gewonnen hat, längst vorbei. Dann stand Lars Ricken in der Zufahrt und stellte sich dort den Fragen der Journalisten. Business as usual? Nein. Denn die Erinnerungen an den Moment, als Karetsas plötzlich zu Boden ging und niemand wusste, warum – sie waren ihm noch präsent. Und die Sorgen waren keineswegs verflogen.
„Trage, Trage“, rief der BVB-Arzt
„Das war sehr seltsam. Ich bin erst davon ausgegangen, dass er irgendwelche muskulären Probleme hat. Er hat sich aber nicht an den Oberschenkel gefasst. Da ist man natürlich schon ein Stück weit geschockt“, sagte Ricken.
Der Sportgeschäftsführer, der das Spiel wie immer von der Haupttribüne aus verfolgte, sah, wie Sanitäter und Ärzte Karetsas behandelten – allerdings nicht an den Beinen, sondern am Oberkörper. Es wurde still im Stadion. Die Fernsehzuschauer der Live-Übertragung bei Prime Video konnten hören, wie BVB-Teamarzt Dr. Markus Braun rief: „Trage, Trage …“ Dann wurde Karetsas, die Hände hatte er vor das Gesicht geschlagen, vom Platz getragen.
Ricken nahm, nachdem er die verstörenden Szenen gesehen hatte, Kontakt mit Sportdirektor Ole Book auf. Der saß unten mit auf der Ersatzbank. Doch auch er wusste zunächst nicht, was los war. Book begleitete zwar die Sanitäter auf dem Weg in die Katakomben, als sie Karetsas dorthin trugen. Doch der griechische Nationalspieler sei „in dem Moment nicht direkt sprechfähig“ gewesen.
Nachdem Braun den 18-Jährigen dann zunächst in den Katakomben versorgt hatte, wurde entschieden, ihn ins Krankenhaus zu bringen. Das teilte der BVB kurz darauf mit. Karetsas habe Kreislaufprobleme gehabt und „ist auf dem Weg zu weiteren Untersuchungen“. Es gehe ihm „den Umständen entsprechend gut“.
Auch nach der Partie gab es keine Erkenntnisse, die über diesen Stand hinausgingen. „Wir hoffen, dass es ganz schnell besser wird und es nichts Ernsthaftes ist. Aber jetzt haben wir noch keine neuen Infos. Wir wissen nicht ganz viel mehr“, sagte Book. Die Kreislaufprobleme seien „sehr plötzlich“ gekommen. Einen Zusammenhang damit, dass Karetsas am Vortag das Abschlusstraining abgebrochen hatte, gebe es nicht. „Das hatte andere Gründe, da hat er andere Probleme gehabt“, so der Sportdirektor. Das bestätigte auch Ricken. Der Vorfall sei „aus dem Nichts heraus“ gekommen.
Die Betroffenheit war den beiden Dortmunder Verantwortlichen anzumerken. „Das macht uns allen gerade auch ein bisschen Sorge. Wir waren alle ziemlich erschrocken, haben Sorge um den Jungen und hoffen jetzt, dass es verhältnismäßig gut ist. Das ist das Allerwichtigste. Es war kein gutes Gefühl, wenn wieder ein Spieler, der sehr viel Qualität reinbringt, vom Platz muss. Das hat uns alle getroffen“, sagte Book.
Die Dortmunder hatten bereits am ersten Spieltag einen wichtigen Spieler wegen einer schweren Verletzung verloren. Giannis Konstantelias, der wie Karetsas vor Saisonbeginn verpflichtet worden war, hatte sich im Bundesliga-Heimspiel gegen den Hamburger SV (2:0) einen Kreuzbandriss zugezogen.
Konstantelias, für den der BVB 26 Millionen Euro an PAOK Saloniki gezahlt hat, wird monatelang fehlen. Nach seiner Verletzung wurde mit Ethan Nwaneri ein weiterer Offensivspieler vom FC Arsenal ausgeliehen. Natürlich schwingt seit Dienstag auch die Befürchtung mit, dass mit Karetsas, der für 30 Millionen Euro Ablöse aus dem belgischen Genk kam, ein weiterer Kreativspieler ausfallen könnte. „Ich hoffe, dass bei ihm alles okay ist und er schnell wieder bei uns ist“, sagte Torhüter Gregor Kobel.
Er brachte neuen Schwung ins BVB-Spiel: Fabio Solva (r.), hier im Zweikampf mit Villarreals Alexander FreemanNiko Kovac berichtete nach dem Spiel, dass er sich, als er die Behandlungen von Karetsas auf dem Platz gesehen habe, an einen Erste-Hilfe-Kurs erinnert gefühlt habe, den er vor zwei Jahren gemacht habe. „Das hatte schon Ähnlichkeit. Deswegen war ich schon ein wenig …“, erklärte der Trainer, atmete laut – und verzichtete darauf, den Satz zu beenden. Er sei für ihn aber, als Karetsas wieder stabil schien, „so weit wieder in Ordnung gewesen“. Dann habe er die Spieler darüber informiert, dass es ihrem Mitspieler so weit wieder gut gehe und er auf dem Weg ins Krankenhaus sei.
Wie schwer es für Dortmunder Profis danach war, wieder ins Spiel zu finden, ist eine andere Frage. Die kämpferisch und spielerisch starke Leistung, mit der die Mannschaft den ersten Sieg in der Champions League einfuhr, ist vor dem Hintergrund bemerkenswert. „Das war nicht leicht, aber dafür sind wir ein Team“, sagte Ricken. Doch das Wichtigste war es nicht.
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