„Tennis wird immer brutaler“
Schon sein Auftritt im Mixed bei den US Open an der Seite von Serena Williams zeigte, dass Carlos Alcaraz längst nicht wieder der Alte ist. Eine große Bandage schützte seinen rechten Schlagarm. Und irgendwie schien der siebenmalige Grand-Slam-Turniersieger mit angezogener Handbremse zu spielen. Von der Dynamik und Explosivität vergangener Tage war noch nicht viel zu sehen. Immerhin: Sein Auftaktmatch im Einzel gegen den Russen Roman Safiullin gewann er in drei Sätzen.
Seit Mitte April hatte Alcaraz wegen einer Handgelenksverletzung nicht mehr gespielt. Der Spanier startete mit einer Bilanz von 22:3 Siegen in die Saison, gewann die Australian Open und das Turnier in Doha. Doch dann bremste den 23-Jährigen sein Körper aus. Lange war unklar, ob er überhaupt bei den US Open antreten kann.
Die Liste der Spieler, die in New York fehlen, ist lang und prominent besetzt. Mit Jannik Sinner fehlt der Weltranglistenerste wegen einer Verletzung am rechten Knie. Schon bei den French Open schied der 25 Jahre alte Italiener geschwächt in Runde 2 aus.
Entwicklung sei „besorgniserregend“, sagt Serena Williams’ Ex-Trainer
Auch der brasilianische Shootingstar João Fonseca ist bei den US Open wegen einer Bauchmuskelverletzung nicht dabei. Vorher war der 20-Jährige in Cincinnati vor der zweiten Runde ausgestiegen.
Die große englische Hoffnung Jack Draper, 2025 noch Nummer vier der Weltrangliste, plagt sich seit Monaten mit Schmerzen am linken Schlagarm und fehlt in New York. Beim Masters in Montreal brach der 24-Jährige bei einem Seitenwechsel auf dem Stuhl in Tränen aus, so frustriert war er. Zuvor hatte er alle drei Grand-Slam-Turniere des Jahres verpasst und fiel in der Weltrangliste auf Platz 141 zurück.
Der Spanier Alejandro Davidovich Fokina, in New York ursprünglich an Position 27 gesetzt, sagte wegen Rückenproblemen ab. Der Däne Holger Rune, 2023 die Nummer vier der Welt, pausiert nach seinem Achillessehnenriss im Oktober 2025 weiter.
Die Verletzungen im Tennis häufen sich. Auch andere Weltklassespieler erwischte es im Verlauf des Jahres: Novak Djokovic (rechte Schulter), Matteo Berrettini (linke Hüfte, Aufgabe im Viertelfinale der French Open), Lorenzo Musetti (Oberschenkelverletzung) und Taylor Fritz (Knieprobleme) sind weitere Beispiele.
Die Spielergewerkschaft PTPA hat die Verletzungen analysiert. Das Ergebnis: Im ersten Quartal dieser Saison ist ihre Anzahl im Vergleich zum Durchschnitt der vergangenen sieben Jahre deutlich angewachsen – bei Verletzungen am Oberkörper um 42 Prozent, bei Armverletzungen sogar um 112 Prozent. „Diese Zahlen sind für die Gesundheit der Spieler inakzeptabel“, bewertete Patrick Mouratoglou, langjähriger Trainer von Serena Williams, die Statistik und nannte die Entwicklung „besorgniserregend“.
Zverev und Djokovic monieren seit Langem die Bälle
„Tennis wird immer brutaler“, sagt der ehemalige Weltranglisten-Zweite Tommy Haas. „Das Spiel wird immer athletischer und intensiver. Die Bälle sind größer als früher, die Plätze langsamer, die Ballwechsel werden länger. Der Turnierkalender ist randvoll, die Regeneration kommt zu kurz. Das sind alles Faktoren.“
Eine interessante Statistik: Bei den US Open stieg die durchschnittliche Dauer eines Matches von 137 Minuten im Jahr 2001 auf 162 Minuten im Jahr 2025. Der Anteil der Fünf-Satz-Matches stieg im gleichen Zeitraum von 13 auf 17 Prozent. Hintergrund: Das Niveau der Spieler ist auch in der Breite gestiegen, die Matches sind härter umkämpft.
Viele Spieler spielen zudem mit einem extremen Topspin, wodurch das Handgelenk stark beansprucht wird. Trendsetter war Rafael Nadal, der mit seiner Vorhand dem Ball bis zu 80 Umdrehungen pro Sekunde mitgab – doppelt so viel wie beispielsweise Roger Federer. Die Folge war, dass der Spanier während seiner gesamten Karriere mit körperlichen Problemen zu kämpfen hatte.
French-Open-Sieger Alexander Zverev kritisierte schon häufiger die Qualität der Bälle. Vor einem Jahr in Rom schimpfte er: „Die Bälle hier sind ein Witz. Sie sind sehr groß. Es ist schwierig, hier Winner zu schlagen.“
Zverev hat sogar eine eigene Theorie für die schlechte Ball-Qualität: Die Hersteller würden aus Kostengründen billigeres Material verwenden, wodurch die Bälle regelrecht aufblähen und ausfransen.
Drapers Körper scheint nicht für Tennis gemacht, analysiert Haas
Die Bälle sind langsamer, was zur Folge hat: Die Profis schlagen mit noch mehr Kraftaufwand, um sie zu beschleunigen. Das wiederum erhöht das Verletzungsrisiko. „Die Bälle sind einfach ein bisschen toter geworden, so dass man halt mehr auf den Ball draufhacken muss, damit er irgendwo hingeht. Dadurch kommen diese ganzen Handgelenk- und Ellbogenverletzungen sowie die Armprobleme“, sagte Zverev.
Djokovic hält zudem den permanenten Wechsel der Ballhersteller je nach Turnier für problematisch: „Es muss mehr Konstanz bei den Bällen geben. Damit vermeiden wir Probleme mit Handgelenken, Ellenbogen und Schultern.“
Dass der Serbe mit 39 Jahren immer noch in der Weltspitze mitmischt, erstaunt Tommy Haas: „Novak ist seit über 20 Jahren dabei. Da wundert man sich sowieso, dass er nicht noch mehr körperliche Probleme hatte. Das spricht für seine Qualität und die Arbeit, die er jeden Tag reinsteckt. Andy Murray ist genauso alt wie er und hat ein künstliches Hüftgelenk.“
Allerdings ist der Superstar nun mit ganz großem Drama bei den US Open bereits in der ersten Runde gescheitert – so früh wie nie zuvor in New York in seiner ruhmreichen Karriere.
Dabei offenbarte er tiefergreifende körperliche Probleme. „Es ist etwas, das mich leider in fast jedem Spiel dieses Jahr begleitet“, berichtete der Serbe. „Erbrechen, Übelkeit, ein wirklich ernstes Problem. Dann fängt mein ganzer Körper an, zusammenzubrechen: Krämpfe und Schmerzen. Mein Rücken hat einfach aufgegeben, am Ende auch die Schulter, und ich konnte es nicht mehr zu Ende bringen.“ Schon beim Vorbereitungsturnier in Cincinnati hatte Djokovic in der ersten Runde mit diesen Beschwerden verloren.
Djokovic beim Erstrundendrama der US Open gegen den argentinischen Außenseiter Mariano Navone. „Ich habe jeden Moment auf dem Platz gehasst“, sagte der serbische SuperstarWer keinen robusten Körper habe, sei auf Dauer chancenlos. „Berrettini ist ein anfälliger Typ“, sagt Haas. „Und Jack Draper hatte schon als Kind Probleme. Sein Körper scheint nicht für Tennis gemacht.“
Der körperliche Verschleiß im Tennis hat für Haas aber auch einen positiven Nebeneffekt: „Das macht es auf der anderen Seite auch interessant und gibt neuen Spielern eine Chance. Mich würde nicht wundern, wenn dieses Jahr nach langer Zeit mal wieder ein Amerikaner die US Open gewinnt.“
Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.
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