Der Fall Woltemade – Ausdruck eines kranken Systems
Wer sich den Wikipedia-Eintrag zu Nick Woltemade durchliest, dem fällt etwas auf. Dort steht viel über den 24‑jährigen Nationalspieler: dass er zunächst auch Handball gespielt hat. Dass er, nachdem er in die Nachwuchsabteilung von Werder Bremen gewechselt war, als Elfjähriger den Spatzenberg-Cup in Löhne gewonnen hat. Wann er wie in welcher Jugendmannschaft Erfolge gehabt hat.
Und natürlich, welche Umwege er in Kauf nehmen musste, um Profifußballer zu werden: seine Ausleihe an die damals drittklassige SV Elversberg, die Rückkehr nach Bremen und schließlich die eine phänomenale Saison, die Woltemade 2024/25 beim VfB Stuttgart spielte – und die ihn bis in die Nationalmannschaft katapultierte. Natürlich wird auch sein Wechsel zu Newcastle United genau vor einem Jahr erwähnt.
Muss Borussia Dortmund jetzt Jadon Sancho zurückholen? Nach dem langfristigen Ausfall von BVB-Star Giannis Konstantelias rücken neue Namen in den Fokus, sagt der stellvertretende „Bild“-Sportchef Walter M. Straten bei WELT TV.Was aber bei Wikipedia nicht zu finden ist, ist das, was allen als Erstes in den Sinn kommt, wenn sie an Woltemade denken: Die verdammt hohe Ablöse, die die Engländer für ihn gezahlt haben – und der Poker, der diesem Wechsel vorausgegangen war.
Wir erinnern uns: Die Bayern wollten den 1,98 Meter großen Offensivspieler haben. Die Stuttgarter, die ihn ein Jahr zuvor ablösefrei bekommen hatten, riefen wahnwitzige 100 Millionen Euro auf. Die Bayern reagierten, wie sie es in den seltenen Fällen, in denen sie einen Spieler mal nicht bekommen, gern tun: Sie prangerten einen Sittenverfall an. Wo kommen wir denn da hin?
75 Millionen Euro plus Boni für Woltemade
Das Ende ist bekannt. Die Stuttgarter fanden tatsächlich einen Klub, der für einen Spieler, der gerade mal eine gute Bundesligaspielzeit hinter sich hat, das zahlte, was sich in Deutschland niemand vorstellen konnte: 75 Millionen Euro plus Boni. Manche sprechen sogar von bis zu 90 Millionen. Genau weiß das niemand.
Klar ist: Die Debatte, ob Woltemade so viel Geld wert ist, hat ihm geschadet. Als er bei der WM nicht zum Einsatz kam, war von einem Absturz die Rede. Dabei ist es für einen Spieler, dessen Durchbruch noch keine zwei Jahre zurückliegt, doch gar nicht so ungewöhnlich, wenn er kein Stammspieler in der Nationalelf ist. Doch das Geld, das für ihn gezahlt wurde, bestimmt seine Wahrnehmung. Möglicherweise findet sich in seinem Wikipedia-Eintrag auch deshalb nichts dazu. Man weiß ja, wie das läuft: Diese Einträge können bearbeitet werden. Unangenehmes kann gelöscht werden – von wem auch immer.
Newcastle United hat keine Verwendung mehr
Bald wird Woltemades Eintrag wohl ergänzt. Denn nach nur einem Jahr in England wechselt er erneut den Verein. Am Deadline-Day, dem letzten Tag der Transferperiode, soll er an Juventus Turin verliehen werden. Newcastle ließ ihn ziehen: Sie haben für den Spieler, für den sie vor zwölf Monaten den deutschen Rekordmeister ausgestochen haben, keine Verwendung mehr.
Auf die Idee, dass es sich lohnen könnte, Woltemade, der in der abgelaufenen Saison in 51 Pflichtspielen elf Tore erzielt und fünf vorbereitet hat, ein wenig mehr Zeit zu geben, kam bei dem Klub, der im Besitz des saudischen Staatsfonds Public Investment Fund ist, niemand. Warum auch? Geld spielt keine Rolle – um Menschen, und dabei handelt es sich auch bei Profifußballern nach wie vor, noch weniger.
Das sind die Mechanismen, nach denen das Business funktioniert: kaufen, verkaufen oder, wenn das nicht geht, ausleihen. Die gigantischen Summen, die investiert worden sind, lassen sich dank langfristiger Spielerverträge gut abschreiben. Es gibt Spieler, die sind vor sechs Jahren zu einem englischen Spitzenverein gewechselt, haben aber nie für diesen Klub gespielt. Sie wurden immer wieder verliehen – Jahr für Jahr.
Wer glaubt, dass das Transfersystem dazu diene, Spieler zu verpflichten, sie zu entwickeln und mit ihnen eine Mannschaft zu bauen, ist reichlich naiv: Dies mag im Hinblick auf die Bundesliga, die sich im Gegensatz zu der Premier League internationalen Investoren (noch) nicht geöffnet hat, partiell noch gelten. Doch international wird nach ganz anderen Regeln agiert, verschoben, geschachert. Spieler sind oft nur Spielball. Es ist ein krankes System.
Für Woltemade könnte dies bedeuten: Er überzeugt in Turin – muss aber am Ende der Saison trotzdem wieder seine Koffer packen. Weil Juventus die Ablöse, die auch dann nicht seinem Marktwert entsprechen dürfte, nicht stemmen will. Und Newcastle wird ihn möglicherweise wieder verleihen – irgendwohin, wo irgendwer auf den letzten Drücker auf die Idee kommt, er könnte noch irgendeinen Stürmer gebrauchen.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke