„Es ist traurig, dass Leistung hierzulande nicht eingefordert wird“
Er ist das bekannteste Gesicht des Ruderns, in Deutschland und auch weltweit. Keiner hat die Sportart in den vergangenen Jahren so geprägt wie Oliver Zeidler. Der blonde Hüne aus Bayern gewann im Einer olympisches Gold, ist mehrmaliger Welt- und Europameister und bei der prestigeträchtigen Henley Royal Regatta auf der Themse unbesiegt. Zudem schrieb er zwei Geschichten mit Alleinstellungsmerkmal: Noch nie wechselte ein derart talentierter Schwimmer, wie er es mit 20 Jahren war, so erfolgreich zum Rudern. Und in der olympischen Historie ist er der einzige Enkel, der seinem Großvater als Olympiasieger nachfolgte. Sein Opa, Hans-Johann Färber, hatte 1972 in München im Vierer mit Steuermann triumphiert.
In der laufenden Saison hat der 30 Jahre alte Star noch kein Rennen verloren. Das soll auch so bleiben, wenn er in dieser Woche auf der Bosbaan bei den Welttitelkämpfen in Amsterdam über die 2000-Meter-Distanz startet. Seine Zuversicht, die er beim Gespräch an der traditionsreichen Regattastrecke von Oberschleißheim nahe München verkörpert, könnte kaum größer sein. Trotz seines Optimismus äußert er aber auch Sorgen und übt Kritik.
WELT AM SONNTAG: Herr Zeidler, wann haben Sie sich das bislang letzte Mal übergeben?
Oliver Zeidler: Meinen Sie wegen Erschöpfung?
WAMS: Ja.
Zeidler: Ich versuche, das zu vermeiden, aber ganz ausschließen lässt es sich nicht. Höchstens dreimal im Jahr passiert es, und immer aus demselben Grund: Ich überbiete im Wettkampf die Leistungsfähigkeit, die ich mir im Training erarbeitet habe, wachse über mich hinaus, hole etwas aus mir heraus, womit ich selbst nicht gerechnet habe.
WAMS: Was heißt das konkret?
Zeidler: Wenn ich nach 1500 Metern komplett fertig bin, der gesamte Körper übersäuert ist, jede Bewegung extrem wehtut, ich aber trotz der Malaise noch Kräfte mobilisieren kann, um einen Endspurt zu fahren. Aufzugeben, nur weil es mir gerade nicht gut geht, kommt für mich nicht infrage.
WAMS: Woher haben Sie diese Fähigkeit, über vermeintliche körperliche Grenzen gehen zu können?
Zeidler: Das Gen liegt offenbar in unserer Familie. Mein Opa, …
WAMS: … der 1972 im sogenannten Bullenvierer olympisches Gold gewann …
Zeidler: … erzählt mir oft, wie er sich geschunden hat, wie er zusammen mit seiner Crew über Grenzen ging, um seine Ziele zu erreichen. Das bestätigen auch meine Tante, die 1988 im DDR-Achter Olympiasiegerin wurde und mich 2016 überhaupt erst zum Rudern brachte, und mein Vater.
WAMS: Der auch Ihr Trainer ist. Er war zweimal Vierter bei Weltmeisterschaften.
Zeidler: Diese Fähigkeit hat bei mir mit ernsthaft gelebter Opferbereitschaft zu tun, mit Ehrgeiz, Leidenschaft, Zielstrebigkeit. Wer nicht über die Schmerzgrenze gehen kann, wird im Rudersport nie etwas ganz Großes erreichen. Ich mag es, mich auszutesten.
Olympiasieg! Zeidler im Ziel des olympischen FinalsWAMS: Was glauben Sie, wie weit können Sie Ihre Schmerzgrenze ausreizen?
Zeidler: Darüber denke ich nicht nach. Ich definiere für mich keine Grenzen, denn das hieße ja, dass es dann doch ein Limit gibt, und das soll es zumindest mental nicht geben. Ich möchte immer wieder Bestleistungen aufstellen. Ich kann nur sagen: Wenn man diese Art Nahtoderfahrung durchsteht, also nach einem Rennen kaum noch Luft bekommt, im Boot liegt, weil man komplett am Ende ist, nicht aufstehen kann, weil einem schwindlig ist, sich wie ein Häufchen Elend fühlt, dann bin ich ganz sicher über meine Grenzen gegangen.
WAMS: Haben Sie keine Bedenken, über das Ziel hinauszuschießen?
Zeidler: Ich vertraue meinem Körper, dass er es durchsteht, was ich ihm abverlange. Allerdings sollte man nicht jede Woche übers Maximum gehen, was sicherlich sehr ungesund wäre. Deshalb belasse ich es, wenn überhaupt, bei zwei-, dreimal pro Jahr. Man muss klar sagen: Die Intensität und der Umfang meines Trainings gehen bewusst über das hinaus, was gesund ist. Das ist Leistungssport auf höchstem Niveau, kein Vorbild für den Alltag. Rudern geht auch ganz anders, und genau das ist mir wichtig, weiterzugeben. In der Natur und auf dem Wasser zu sein, und dieses Mannschaftsgefühl – das ist der Rudersport, den die allermeisten erleben, und der begeistert mich mindestens so sehr wie die Rekordjagd.
WAMS: Als Einerfahrer machen Sie alles mit sich selbst aus. Wünschten Sie sich nicht manchmal, in einem Mannschaftsboot zu sitzen, getreu dem Spruch: geteiltes Leid ist halbes Leid?
Zeidler: Ich habe die Mentalität, dass ich mir selbst genug bin. Ich kann mich selbst motivieren, möchte die volle Eigenverantwortung und Kontrolle haben, weil ich so auch mein Training und meine Rennen unabhängig und variabler gestalten kann.
WAMS: Warum gibt es im einst medaillenträchtigen deutschen Rudern nur einen Oliver Zeidler? Der bislang letzte WM-Titelgewinn, den nicht Sie erkämpft haben, liegt sieben Jahre zurück, der bislang letzte Olympiasieg sogar ein Jahrzehnt.
Zeidler: Es ist die Freiheit, die ich mir genommen habe, zusammen mit meinem Vater einen unabhängigen Weg zu gehen. Dadurch können wir eigenständig von Verbandsprogrammen agieren. Wir können Veränderungen und Innovationen schnell und ohne den Segen anderer ins Training integrieren. Wir haben sehr viel ausprobiert, was letztlich zum Erfolg führte. Bei den Europameisterschaften vor drei Wochen deutete sich allerdings an, dass sich unter Robert Sens als neuem Leistungssportchef etwas getan hat. Mit zwölf Medaillengewinnen waren wir zweitbeste Nation, das gab es lange nicht.
WAMS: Es ist also alles wieder im grünen Bereich?
Zeidler: Das will ich damit nicht sagen. Sportlich geht es in die richtige Richtung, aber daneben gibt es andere Baustellen. Das deutsche Sportsystem ist generell nicht effektiv genug. Es leidet unter zu viel Bürokratie. Es müssen zu viele Anträge gestellt werden, um etwas umsetzen zu können. Es gibt zu viele Regularien, die sich als Bremsklötze erweisen und uns im internationalen Wettbewerb nicht helfen, weder im Sport noch in der Wirtschaft. Man muss endlich die Gelder dort investieren, wo sie den Athleten zugutekommen, die Leistung bringen oder auf dem Weg dorthin sind, und nicht in die Selbstverwaltung stecken.
WAMS: Was würden Sie noch ändern?
Zeidler: Die Mittelverteilung inklusive der Diskussion über Trainervergütung. Statt Gelder nach dem Gießkannenprinzip zu verteilen, muss es eine erfolgsabhängige Bezahlung geben. Auch wir Athleten bekommen nur Förderung für Weltklasseleistungen und die jährliche Qualifikation für die Mannschaft. Wir haben viele Trainer, die etwas können, ihren Beruf leben und erfolgreich sind. Genau die sollten auch entsprechend honoriert werden. Es ist traurig, dass Leistung hierzulande nicht eingefordert wird und sich einfach zu wenig lohnt.
WAMS: Gilt das auch für Sie?
Zeidler: Durch den Olympiasieg und dass ich dann auch noch Sportler des Jahres 2024 wurde, verdiene ich gutes Geld, was aber in keinem Verhältnis zu den Verdiensten im Fußball, Basketball, Tennis oder Golf steht. Ich bin meinen treuen Sponsoren aber sehr dankbar, weil ich mich durch sie relativ professionell auf die Olympischen Spiele 2028 vorbereiten kann.
Sportler des Jahres 2024: Oliver ZeidlerWAMS: Fühlen Sie sich wertgeschätzt mit dem, was Sie geleistet haben?
Zeidler: Da ginge für andere Athleten und mich noch bedeutend mehr. Der Rudersport findet in der Medienwelt kaum statt, was sehr schmerzt. Fragen Sie mal jemanden auf der Straße, ob er weiß, dass gerade die WM stattfindet. Genau deshalb sehe ich es auch als meine Aufgabe, dem Sport mehr Sichtbarkeit zu geben, und daran arbeite ich.
WAMS: Sie erleben in Amsterdam Ihre siebten Weltmeisterschaften und streben Ihren vierten Titelgewinn an. Was treibt Sie darüber hinaus an?
Zeidler: Was mich antreibt und ausmacht, ist Konstanz. Seit Beginn meiner internationalen Wettkampfkarriere im Jahr 2018 habe ich über 80 Prozent meiner Rennen gewonnen, dieses Jahr 100 Prozent. Diese Zuverlässigkeit über eine ganze Saison auf die Bahn zu bringen, ist für mich das Schwierigste und Schönste zugleich. Das möchte ich fortführen. Der Rekord im Einer liegt bei fünf WM-Titeln, gehalten von Peter-Michael Kolbe, Ondrej Synek und Mahé Drysdale, drei Ausnahmeruderern und Vorbildern. In diese Reihe zu gehören, ist ein großes Ziel.
WAMS: Nehmen Sie sich nicht ein bisschen zu viel vor?
Zeidler: Ich bin guter Dinge. Nach den Spielen in Paris bin ich zurückgekommen, um auch Rekorde aufzustellen.
WAMS: Liebäugeln Sie auch mit der Weltbestzeit? Gehalten wird sie seit 2017 vom Neuseeländer Robbie Manson mit 6:30,74 Minuten. Ihre Bestzeit steht seit dem olympischen Halbfinale von Paris bei 6:35,77 Minuten.
Zeidler: Unsere Sportart ist stark von äußeren Bedingungen abhängig, sodass ich auch ein bisschen Glück brauche, um mir diesen Traum zu erfüllen. Dass ich es schaffen kann, zeigen meine aktuellen Trainingsresultate. Anfang des Jahres bin ich als Erster überhaupt über 2000 Meter auf dem Ergometer unter 5:35 Minuten geblieben, fuhr genau 5:34,7 Minuten. Das gibt mir die Hoffnung, dass ich auch als Erster auf dem Wasser die Schallmauer von 6:30 Minuten durchbrechen kann. Ich weiß, was ich kann, und dass ich von meinem Umfeld jede Unterstützung erhalte, die ich brauche, um noch besser zu werden.
Berührende Szene: Oliver Zeidler kurz nach seinem Olympiasieg mit seiner Freundin Sofia MeakinWAMS: Seit drei Jahren sind Sie mit Sofia Meakin liiert. Die Schweizerin ist 18 Monate jünger als Sie, gehört zu den Spitzenruderinnen ihres Landes. Haben Sie sich durch diese Beziehung als Mensch verändert?
Zeidler: Durch sie machte ich meinen ersten Schritt, ein bisschen lockerer zu werden und auch andere Dinge im Leben intensiver wahrzunehmen als nur den sportlichen Erfolg und diesen Ehrgeiz, der zu meinen prägendsten Charaktereigenschaften gehört und manchmal vielleicht zu dominant war.
WAMS: Sie zogen mit Ihrer Partnerin nach Luzern. Fühlen Sie sich dort heimisch?
Zeidler: Sehr sogar. Das Nationale Trainingszentrum der Schweiz in Sarnen liegt nur eine halbe Autostunde von uns und dem Rotsee entfernt, der mein Lieblingssee ist, dadurch haben wir optimale Bedingungen. Ich werde ihn künftig mehr zu Trainingszwecken nutzen, denn im nächsten Jahr finden dort die Weltmeisterschaften statt, die gleichzeitig als Olympia-Qualifikation gewertet werden.
WAMS: Beim Weltchampionat in Amsterdam wird Ihre Partnerin im Zweier starten. Haben Sie eine gegenseitige Erfolgswette abgeschlossen?
Zeidler: Nein. Wir unterstützen einander, üben aber keinen Druck aufeinander aus. Der Druck von außen ist schon immens genug, den brauchen wir nicht auch noch in unserer Beziehung.
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