Mit insgesamt 81 Athletinnen und Athleten ist Deutschland bei der Leichtathletik-Europameisterschaft, die vom 10. bis zum 16. August in Birmingham stattfindet, vertreten. Einer der aussichtsreichen Kandidaten ist Leo Neugebauer (26).

Frage: Früher waren Sie der unbekannte Herausforderer, jetzt sind Sie als Zehnkampf-Weltmeister bei der EM der Gejagte. Wie haben Sie sich mental verändert?

Leo Neugebauer: Ich habe viel dazugelernt. Als ich 2023 erstmals Weltjahresbester war und den deutschen Rekord gebrochen habe, war plötzlich auch viel Druck da. Damals kam ich aus dem Nichts, und alle haben auf mich geschaut. Da war der Druck wahrscheinlich zu hoch geworden, und ich konnte damit noch nicht umgehen. Aber wenn man dann ein paar Mal in so einer Situation war, dann gewöhnt man sich irgendwann daran. Jetzt konnte ich auch unter Druck gut abliefern. Nun stimmt das Selbstvertrauen, daher gehe ich mit sehr viel Zuversicht in die EM.

Frage: Sie haben Olympia-Silber und WM-Gold. Jetzt steht Ihre erste EM an. Was ist das Ziel?

Neugebauer: Auf jeden Fall eine EM-Medaille, die mir definitiv fehlt. Deswegen liegt darauf mein voller Fokus, diese Lücke zu füllen und auf dem Treppchen zu stehen. Die Voraussetzung ist da, um dann das Set vollzumachen.

Zehnkampf-Weltmeister Leo Neugebauer ist bei einer Gala in Baden-Baden als Sportler des Jahres ausgezeichnet worden, Biathlon-Weltmeisterin Franziska Preuß als Sportlerin des Jahres.

Frage: Wie groß ist die Konkurrenz bei der EM?

Neugebauer: Europa ist im Zehnkampf der stärkste Kontinent. Daher gibt es viele Top-Leute. Dazu gehört auch Niklas Kaul. Wenn wir beide zwei Medaillen für Deutschland holen könnten, wäre das krass. Es wird aber nie einfach.

Frage: Ihre Bestleistung liegt bei 8961 Punkten, also ganz nah an den magischen 9000. Wie zuversichtlich sind Sie, dass Ihnen diese Krönung noch gelingt?

Neugebauer: Die 9000 Punkte stehen auf meiner „Bucketlist“ und sind definitiv irgendwann fällig. Da bin ich sehr zuversichtlich. Wann ist natürlich die Frage. Ich habe ja noch ein paar Jahre vor mir. Man kann nicht wirklich im Voraus ankündigen, wann es klappt. Oft merkt man erst während eines Zehnkampfes, dass er gut werden könnte.

Frage: Als Zehnkampf-Weltmeister ist man der König der Athleten. Wer sind Ihre persönlichen Könige in der Sporthistorie?

Neugebauer: Ich finde Basketballer Dirk Nowitzki sehr cool. Zu seinen besten Zeiten war es einfach verrückt, wie gut er war. Er hat dominiert. Mir gefällt, wie er rüberkommt. Ich habe ihn noch nie kennengelernt, aber nach meinem Eindruck ist er ein auf dem Boden gebliebener Typ. Von anderen Sportstars hört man auch mal schlechte Storys und sagt: Ach schade, den habe ich eigentlich sehr gemocht. Aber von Dirk hört man einfach nur Gutes.

Niklas Kaul (vorn) und Leo Neugebauer bei der WM 2025

Frage: In Deutschland starten Sie für den VfB Stuttgart, in den USA sind Sie ein Athlet der Universität von Texas. Worüber freuen Sie sich mehr, wenn der VfB in die Champions League einzieht oder wenn Texas im Football gewinnt?

Neugebauer: Keine Frage, auf jeden Fall Stuttgart. Deutschland ist immer noch meine Heimat. Ich freue mich auch für die Longhorns, wenn die irgendwas Cooles machen, und noch mehr, wenn zum Beispiel meine Kumpels in der Leichtathletik erfolgreich sind. Das Erlebnis im Football-Stadion der Longhorns mit über 100.000 Zuschauern ist verrückt. Dort gehe ich hin, weil es einfach eine besondere Atmosphäre ist. Aber im Fernsehen schaue ich dann lieber den VfB.

Frage: Wer ist Ihr Lieblingsspieler beim VfB?

Neugebauer: Deniz Undav. Ein Supertyp. Bereits seit einiger Zeit, weil er immer richtig gut abgeliefert hat, wenn ich ihn im Stadion gesehen habe. Jetzt bei der WM hatte er dieses starke Spiel gegen die Elfenbeinküste. Als Geheimwaffe. Das war krass.

Frage: Ihr Vater stammt aus Kamerun. In Ihrer Rolle als Unicef-Pate besuchten Sie das Land. Wie verändert das die Perspektive aufs Leben?

Neugebauer: Es hat mich sehr bewegt. Wir haben dort einige Kinder-Hilfsprojekte besucht. Es war schön, mit eigenen Augen zu sehen, wie dort das Leben der Menschen durch Unicef verändert wird. Was ich ganz besonders fand, war, dass sie sich so sehr für mich über das gefreut haben, was ich im Sport erreicht habe. Sie waren so stolz auf mich und haben mich gefeiert. Da spürt man echt, dass das Ganze viel größer ist als man selbst. Dass es solche großen Wellen schlägt, motiviert mich noch einmal zusätzlich. Der Besuch zeigte mir auch, in was für privilegierten Verhältnissen wir leben dürfen.

Frage: Wie sind Ihre Verbindungen nach Kamerun?

Neugebauer: Ich habe dort eine Riesenfamilie. Nach dem Unicef-Trip waren wir dort noch zu Besuch. Wir haben unsere Farm besucht, auch die von meinem Onkel. Wir haben gefeiert, ich habe ein bisschen mitgeholfen. Ich war in meinem Leben noch gar nicht so oft dort: zweimal, als ich superjung war, mit eins und mit fünf. Dann besuchte ich das Land noch einmal Anfang 2025. Es gab Zeiten, als es dort Unruhen gab, und es gefährlich war, Kamerun zu besuchen.

Frage: Sie sind jetzt 26 Jahre alt. Wie sieht ihr Karriereplan?

Neugebauer: Bei mir heißt es immer: Go with the flow! Ich lasse es auf mich zukommen. Für die nächsten zwei Jahre steht die Roadmap: 2027 WM, dann 2028 Olympia. Da liegt der volle Fokus auf der Leichtathletik. Da lege ich alles rein, um später dann nichts zu bereuen.

Frage: Jeder Zehnkampf endet mit dem 1500-Meter-Lauf. Wie sehr hassen Sie diesen auf einer Skala von 1 bis 10?

Neugebauer: Niemand mag die 1500. Durch die muss man sich durchquälen. Zum Glück hatte ich bis auf die WM dort noch nicht den großen Druck. Daher konnte ich es mir gut einteilen und wusste ziemlich genau, was ich laufen musste. Das muss gemacht werden, aber man fühlt sich danach jedes Mal schlecht. Nach dem Speerwurf denkt man nur: Jetzt muss ich laufen, bis zum Umfallen, obwohl man keine Kraft mehr hat. Daher würde ich sagen: eine 9 von 10.

Frage: Während der EM läuft Leichtathletik zur Prime Time bei ARD und ZDF, wie bei Olympia-Silber 2024. Wie hat sich Ihre Bekanntheit auch als Sportler des Jahres entwickelt?

Neugebauer: Das Krasse ist, über die vergangenen Jahre werde ich immer mehr zu einem „household name“, wie man auf Englisch nennt. Also jemanden, den man kennt. Wenn man Menschen in Deutschland meinen Namen nennt, wissen immer mehr damit etwas anzufangen. Der ist doch Weltmeister oder war bei Olympia. Ich finde es echt krass, dass es solche Wellen schlägt und mich ganz viele Deutsche kennen. Selbst hier in Amerika werde ich mal erkannt. Ich fühle mich eigentlich immer noch wie der ganz normale Stettner Junge (aus Leinfelden-Echterdingen in Baden-Württemberg, Anm. d. Red.).

Dieser Text wurde für das Sportkompetenzcenter (WELT, BILD, SPORTBILD) verfasst und erschien zuerst in SPORT BILD.

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