Die besondere Situation der starken Deutschen
Die Situation stellt sich so beeindruckend und chancenreich wie verzwickt dar. Wenn es bei den Schwimm-Europameisterschaften in Paris nach dem Freiwasser nun ab Montag ins Becken geht, kommt es auf manchen Strecken zu einer ungewöhnlichen Ausgangslage. „Es kann tatsächlich passieren, dass man in den Vorläufen der drittschnellste Europäer ist, aber rausfliegt, weil zwei Deutsche schneller sind“, sagt Sven Schwarz. Hintergrund ist eine Luxussituation der deutschen Freistilspezialisten, die zu Ausscheidungsrennen in den Vorläufen führt. Das bringt einerseits mögliche Nachteile gegenüber der Konkurrenz mit sich, andererseits Spannung schon am Morgen.
Fest steht auf jeden Fall: Es können im Mittel- und Langstreckenbereich der Europameisterschaften in Paris deutsche Festspiele werden. Im Fokus stehen dabei ab Montag gleich vier deutsche Athleten: Olympiasieger Lukas Märtens, der zweimalige WM-Zweite Schwarz, Senkrechtstarter und Europarekordhalter Johannes Liebmann sowie der Olympia-Zweite im Freiwasser Oliver Klemet. Vier Schwimmer für ein Spektakel.
Es ist nicht kühn zu behaupten, dass auf den Freistilstrecken ab 200 Meter in jedem Finale ein Deutscher um den Sieg kämpfen wird; über 400, 800 und 1500 Meter können gar zwei von ihnen Edelmetall erschwimmen. Besonders beeindruckend sieht die Weltjahresbestenliste über die 1500 Meter aus: Liebmann führt vor Schwarz und Klemet.
Erfolg generiert Erfolg, oder, wie Märtens sagt: „Konkurrenz belebt das Geschäft.“ Er trainiert in Magdeburg bei Bernd Berkhahn zusammen mit Klemet, Liebmann und Florian Wellbrock, der nach seinen EM-Erfolgen in der Seine die Beckenwettbewerbe bei der EM auslässt und zu einem Freiwasserrennen nach Los Angeles fliegt. Der Hannoveraner Schwarz gesellt sich für das Trainingslager wie zuletzt in der Sierra Nevada zu den Magdeburgern. „Wenn ich im Training nicht mit 100 Prozent bei der Sache bin“, sagt Märtens, „habe ich gegen diese Jungs keine Chance. Wir pushen uns gegenseitig. Das macht uns alle besser.“
„Wir sollten uns nicht beschweren“
In Paris gestaltet sich die Sache wie folgt: Laut Reglement dürfen zwar mehrere Athleten einer Nation in den Vorläufen antreten, aber nur zwei im Finale. Das führt zu Ausscheidungsrennen in den Vorläufen – über die 400 gehen die Deutschen zu viert an den Start, über 800 und 1500 zu dritt. „Für uns ist es, zumindest basierend auf den Vorleistungen, schwieriger, sich für das Finale zu qualifizieren, als dann hoffentlich dort eine Medaille zu gewinnen“, sagt Klemet. „Jeder von uns, außer vielleicht Lukas über die 400 Meter, muss im Vorlauf maximal schwimmen, um einen Spot im Finale zu holen. Und selbst dann ist es nicht sicher.“
Damit wird die Belastung für die Deutschen höher sein als für die Konkurrenz, was wiederum in den Finals ein Nachteil sein kann, wenn es darum geht, die letzten Kraftreserven zu mobilisieren. „Aber wir sollten uns nicht beschweren“, sagt Märtens. „Wir hatten auf den Mittel- und Langstrecken viele Jahre nicht mal einen Finalkandidaten. Jetzt sind wir auf diesen Distanzen Weltklasse aufgestellt.“ An der teaminternen Stimmung, so beteuern alle, ändert das nichts.
Die vier deutschen Athleten im Fokus
Da ist also 400-Meter-Olympiasieger, Weltmeister und Weltrekordhalter Märtens, der längst nicht genug hat. „Ich habe immer noch Lust, mich an meine absoluten Grenzen zu bringen“, sagt er. „In Paris will ich erneut Europameister werden.“ Märtens wird auf die 800 Meter verzichten, um über die 200 Meter vorne anzugreifen – da wurde er Olympia-Fünfter.
Gemeinsam gejubelt hat er vor einem Jahr bei der WM bereits mit Schwarz: Märtens holte Bronze über 800 Meter, Schwarz Silber. Dazu gewann Schwarz auch noch Silber über 1500 Meter. Der 24-Jährige ist der einzige des Quartetts, der in Hannover trainiert. „Die Qualität der Trainingsgruppe kommt natürlich nicht an jene in Magdeburg heran“, sagt der Student. „Aber ich habe über die Jahre sehr gut gelernt, gegen die Uhr zu trainieren. Und ich glaube auch, dass wir in Hannover einen der besten Olympiastützpunkte in Deutschland haben.“
Schwarz durchlief dort seit der Kindheit alle Gruppen, hat sich Schritt für Schritt weiterentwickelt und trainiert seit 2019 bei Emil Guliyev, der 1996 und 2000 selbst bei den Olympischen Spielen antrat.
WM-Freude 2025: Bronze für Märtens, Silber für SchwarzDer Dritte im Bunde ist Klement, der wie Schwarz die 400, 800 und 1500 Meter in Angriff nimmt. Klemet, der zwar für die SG Frankfurt antritt, aber in Magdeburg trainiert, startete bei dieser EM bereits in allen drei Einzelrennen im Freiwasser, fischte dabei einmal Bronze aus der Seine, und zählt im Becken vor allem über die 400 Meter zu den Medaillenanwärtern.
„Ich glaube, das Komplizierteste wird sein, nach den Freiwasser-Wettbewerben ausreichend zu regenerieren“, sagt Klemet. Seit Jahren schon beweist er, dass er zur Weltspitze gehört, steht dabei aber oft im Schatten eines Wellbrock oder Märtens. Sein Meisterstück lieferte er 2024 in Paris mit Olympiasilber über zehn Kilometer ab. „Mit dieser Medaille habe ich ein großes Lebensziel erreicht – das vergisst man nicht so leicht“, sagt Klemet.
Lebenstraum erfüllt: Oliver Klemet 2024 in Paris. Hinter dem Ungarn Kristof Rasovszky (M.) und vor dessen Landsmann David Betlehem gewinnt er Olympiasilber über zehn KilometerUnd dann ist da Liebmann, 19 Jahre jung. Mitten im Stress der Abiturprüfungen avancierte er im Frühling zum Senkrechtstarter, als er Schwarz den Europarekord über 800 Meter abnahm und Jahrgangsrekorde von Wellbrock und Märtens knackte. „Er bringt alles mit, was ein zukünftiger Weltklasse-Schwimmer mitbringen muss“, sagt Märtens. „Seit er im letzten Sommer zu uns in die Gruppe gekommen ist, hat er sich fast unmenschlich gut weiterentwickelt. Er ist jetzt schon ausgebuffter, als ich es mit 19 war. Und ein wirklich super entspannter, liebenswerter Typ.“
Melanie Haack ist Sport-Redakteurin. Für WELT berichtet sie seit 2011 über olympischen Sport, extreme Ausdauer-Abenteuer sowie über Fitness & Gesundheit. Hier finden Sie alle ihre Artikel.
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