Es hatte den Hauch einer Machtdemonstration an diesem drückenden, schwülen Abend in Tokio. In der Innenstadt der japanischen Metropole ließ die Borussia einen kurzen Film über sich selbst auf die riesige Fassade des Metropolitan Government Building projizieren. Viel Gelb, viel Bellingham. Ein beeindruckendes Schauspiel, das auch als ein Gruß nach Deutschland zu verstehen sein könnte. Seht her, was wir hier machen. Wie groß wir sind!

Und ja, dies trifft die Denkweise der Dortmunder Bosse schon ganz gut: Den zweiten Rang hinter dem Rekordmeister zu halten, hat oberste Priorität. Bloß nicht überholen lassen von Leipzig, Leverkusen oder wem auch immer. Und wenn noch mehr möglich ist – gern. Die Transfer-Aktivitäten in diesem Sommer lassen jedenfalls darauf schließen, dass der BVB sich Großes vorgenommen hat. Für die Attacke auf den Titel könnten am Ende mehr als 100 Millionen Euro investiert werden.

Mit Joane Gadou (19) kam für knapp 20 Millionen Euro Ablöse ein neuer Innenverteidiger aus Salzburg. Mit Konstantinos Karetsas (18) ein neuer Offensiv-Spieler fürs Zentrum. In Griechenland, seiner Heimat, wird er gern „Mini-Messi“ genannt. Beim BVB verbittet man sich das. Stichwort: zu schwerer Rucksack. Jedenfalls sind die Bosse sich sicher, dass in Karetsas enormes Potenzial schlummert.

Als Stammspieler in der Abwehr eingeplant: Joane Gadou

Und damit nicht genug: Seit Wochen buhlt der Revier-Klub um Kölns Saïd El Mala (19). Die Bundesligisten können sich bei der Ablöse jedoch nicht einigen. Köln will mindestens 50 Millionen Euro haben, die der BVB nicht zahlen wird. Das Angebot in Höhe von 34 Millionen Euro plus zehn Millionen an Boni wurde bereits abgelehnt.

Sollten die Verhandlungen scheitern, soll ein anderer Spieler kommen. Und am liebsten auch noch einer fürs defensivere Mittelfeld. Womit sich die Frage stellt, woher der BVB nach dem frühzeitigen Ausscheiden in der vergangenen Champions-League-Saison plötzlich das ganze Geld hat.

„Wir wollen in allen Bereichen besser werden“

Durch die Verkäufe von Karim Adeyemi (Barcelona), Cole Campbell (Elversberg), Julien Duranville (Lyon) sowie Kjell Wätjen (Midtjylland) kamen immerhin rund 35 Millionen Euro in die Kassen. Der aber wohl wichtigste Hebel für die Zukunft: Die Bosse verfolgen nach WELT-Informationen den klaren Plan, die Kaderkosten (Gehälter und Abschreibungen) um jährlich 20 Millionen Euro zu senken.

Durch die Abgänge von Niklas Süle (Karriereende), Julian Brandt (Amsterdam), Salih Özcan (Besiktas), Yan Couto (Como) sowie Adeyemi war nun der richtige Augenblick, die Idee in die Tat umzusetzen. Allein diese vier Spieler kamen auf ein Jahresgehalt von zusammen rund 35 Millionen Euro. Karetsas startet mit einem Salär von rund 3,5 Millionen Euro.

Der ehemalige Nationalspieler Niklas Süle hat das Ende seiner aktiven Laufbahn angekündigt. "Ich möchte bekanntgeben, dass ich meine Karriere im Sommer beenden werde", sagte der 30 Jahre alte Innenverteidiger von Borussia Dortmund im Podcast "Spielmacher".

Die Marschroute ist klar: Künftig wird noch stärker auf jeden Euro geschaut. Genk forderte für Karetsas wochenlang eine Ablöse von 35 Millionen Euro. Aus Sicht der Dortmunder zu viel. Die Maßnahme der Bosse: Sie luden den Spieler ins heimische Stadion ein, und zeigten ihm dort die beeindruckende Atmosphäre. Das Juwel biss an. Und bat seinen Ex-Klub, das Angebot aus Dortmund (30 Millionen plus zwei Millionen Boni) doch bitte anzunehmen.

Ähnlich war es bei Gadou: Ihn besuchten Sport-Boss Lars Ricken und Sportdirektor Ole Book in Salzburg, um ihm den Wechsel schmackhaft zu machen. Es gibt nicht wenige Stimmen im Klub, die sagen: Der BVB hat in der Vergangenheit zu viel mit potenziellen Zugängen telefoniert – anstatt ihnen in die Augen zu schauen.

Es sind jedoch nicht nur die Gehälter und Ablösesummen, die auf dem Prüfstand stehen. Sondern alles. „Wir wollen in allen Bereichen besser werden, daran arbeiten wir. Dabei geht es auch um kleine Dinge, mit denen wir entscheidende Prozentpunkte herauskitzeln können. Die Konkurrenz in der Bundesliga wird stärker, da ist es unser klarer Anspruch, uns nicht überholen zu lassen“, sagt Geschäftsführer Carsten Cramer.

Dazu gehört: Mit Roderick van der Ham kommt nach Informationen der „Sport Bild“ ein neuer Chef-Analytiker zum BVB. Er arbeitete zuletzt rund zwei Jahre für Liverpool, war dort als Videoanalyst tätig. Auch ein neuer Greenkeeper aus England kommt (Scott Tingley). Er stellte in seinem Vorstellungsgespräch den aus seiner Sicht perfekten Grashalm vor. Der BVB war begeistert.

Und es wird gespart. In allen Bereichen. Einige Beispiele.

  • In den vergangenen Jahren wurden mehrere Dolmetscher damit beauftragt, die Texte von der deutschen Internetseite in andere Sprachen zu übersetzen. Mittlerweile sind die digitalen Übersetzungsdienste dermaßen exakt, dass der BVB auf externe Unterstützung nahezu verzichten will.
  • Ist der BVB auf Reisen – etwa bei einem Champions-League-Spiel –, werden in der Regel mehrere Autos samt Fahrer bestellt, die in Rufbereitschaft vor dem Teamhotel warten. Zu teuer. Ab jetzt wird weitestgehend Uber gefahren.
  • Im VIP-Bereich des Stadions wurde zu viel Essen nach den Spielen weggeschmissen. Neue Marschroute: Ist ein Gericht während des Spiels nicht mehr verfügbar, wird es nicht mehr nachgekocht.

Es sind kleine Beträge, die sich am Ende summieren. Hinzu kommt: Die Asien-Reise, aus wirtschaftlicher Sicht ein großer Erfolg, war nicht im Budget eingeplant – fünf Millionen Euro extra. Zudem konnten die Bosse vor Ort diverse Sponsoring-Deals verhandeln. Auch diese werden in den kommenden Jahren rund drei bis vier Millionen Euro mehr pro Jahr einbringen.

Mehr als zehn Millionen Euro an geschasste BVB-Mitarbeiter

Und: Es soll endlich bei den Abfindungen gespart werden. In den vergangenen zwei Jahren zahlte der Klub deutlich mehr als zehn Millionen Euro an geschasste Mitarbeiter. Trainer Nuri Sahin und dessen Trainerstab. Kaderplaner Sven Mislintat. Sportdirektor Sebastian Kehl und dessen Assistenten. Mehrere Scouts. Geld, das in Zukunft in die Mannschaft fließen soll.

Weil die Bosse um Ricken und Cramer überzeugt sind, dass der BVB in der aktuellen Konstellation perfekt für die Zukunft aufgestellt ist – und Entlassungen so schnell nicht nötig sein werden. Cramer, Sprecher der Geschäftsführung, sagt: „Wir haben es geschafft, eine enorme Geschlossenheit zu bilden. Alle ziehen an einem Strang, sprechen die gleiche Sprache und marschieren in die gleiche Richtung. Wir wollen uns von Nebenkriegsschauplätzen nicht ablenken lassen. Diese Einheit und dieses Vertrauen sind die Basis für Erfolg.“

Dazu gehört auch Trainer Niko Kovac, der spätestens im Herbst einen neuen Vertrag erhalten soll. Während der Asien-Reise stand der Kroate ständig mit Ricken und Cramer zusammen. Da der 54 Jahre alte Kovac mit mehreren Scouts beim BVB befreundet ist, sind auch die Wege in die Abteilung sehr kurz. Hat Dortmund einen Spieler im Blick, schaut Kovac umgehend im Büro der Scouts vorbei.

Spieler-Belohnungen durch ein Punktesystem

Mit der Mannschaft hat Kovac bereits zwei Dinge beschlossen. Zum einen möchte er mit den Profis klare Saisonziele abstecken: Wie viele Punkte will der BVB holen? Wie viele Tore erzielen? Die Zahlen sollen festgezurrt werden, wenn auch die letzten WM-Fahrer zurück an Bord sind. Und daran sollen sich die Spieler während der Saison orientieren und motivieren.

Zum anderen will er das Belohnungssystem auch in der kommenden Saison durchsetzen, das besagt: Spieler können im Training Punkte sammeln. Durch gewonnene Übungen, Trainingsspiele. Der Profi, der am Ende des Monats die meisten Punkte gesammelt hat, erhält einen zusätzlichen freien Tag.

Der Beste dabei in der vergangenen Saison: Marcel Sabitzer. Er wird in der kommenden Saison jedoch hart um seinen Platz in der Kovac-Elf kämpfen müssen. Denn im Mittelfeld überzeugen vor allem zwei Spieler durch ihre Präsenz in der Vorbereitung: Felix Nmecha und Jobe Bellingham, der im Sommer ordentlich Muskelmasse drauflegte.

Mit Nmecha führte Sport-Boss Ricken zuletzt ein Gespräch. Nmechas Signal war dabei klar: Er möchte anpacken, vorangehen. Ein Abgang in diesem Sommer sei momentan kein Thema. Stattdessen will er mit dem BVB angreifen. Ricken sagt: „Wir haben den großen Vorteil, dass wir den Kern unserer Mannschaft zusammengehalten haben. Wir haben Felix Nmecha, Nico Schlotterbeck und Serhou Guirassy gehalten. Und dass wir viele Spieler haben, die den nächsten Schritt gehen wollen und das auch ausstrahlen. Bei Jobe Bellingham spürt man, wie er zunehmend mehr Verantwortung übernimmt. Und dass Felix davon spricht, Spiele killen zu wollen, klingt zwar martialisch, aber jeder weiß, was er meint. Diese Haltung gefällt mir sehr, denn sie zeigt, dass unsere Mannschaft aus einer guten zu einer erfolgreichen werden will.“

Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.

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