Wenn man ihr Fitnessstudio in Potsdam betritt, fallen die drei Büros zur Linken gleich ins Auge. Jedes hat einen Namen: „Sarajevo 1984“, „Calgary 1988“ und „Lillehammer 1994“. „Im Lillehammer arbeite ich. Da war ich Siebte. Da gibt’s noch viel zu tun“, lacht Katarina Witt (60).

Olympiasiegerin 1984 und 1988, das sticht heraus aus einer atemberaubenden Karriere, zu der auch vier WM- und sechs EM-Titel gehören. Katarina Witt, das ist eine eigene Marke – und der Mensch dahinter einer der Superstars des deutschen Sports. Im Osten seit dem Teenie-Alter, auch im Westen schon vor der Wende, im wiedervereinigten Deutschland schließlich mit Anlaufzeit.

Die sportlichste Kür ihres Lebens war keine bei Olympia. 1986 hatte ihr die Amerikanerin Debi Thomas den WM-Titel entrissen. 1987 sollte und wollte Witt ihn sich zurückholen, ausgerechnet in der Höhle des Löwen, dem Zentrum des Klassenfeindes, in Cincinnati, USA.

Das Duell, das über vier Jahre die Eiskunstlaufwelt prägen sollte, war weit mehr als nur Sport. Es war Ost gegen West, Sozialismus gegen Kapitalismus, die Weiße gegen die Schwarze, Anmut und Grazie gegen Athletik. Der Druck auf Witts Schultern lastete tonnenschwer. Gerade 21 war sie. Aber: „Je größer der Druck, desto besser war ich“, sagt sie. Wenn es eine „Kür des Lebens“ gab, dann war es diese als Maria aus dem Musical „West Side Story“.

Witt hielt stand, holte sich die Krone zurück und arbeitete auf das nächste Ziel hin, das (eigentlich) letzte große Unterfangen als Sportlerin: noch mal Olympia-Gold. 1988 in Calgary sollte es passieren, aber nicht ohne Gegenleistung. Denn nach dem WM-Auftritt mit der wohl perfekten Kür, der sportlich besten ihrer Karriere, wie viele Experten meinen, flatterte das Angebot der Revue „Holiday on Ice“ in Ost-Berlin auf den Tisch des Deutschen Turn- und Sportbundes.

Witt stand sehr früh unter Beobachtung

Das Vorzeigegesicht des Sozialismus plötzlich Profi? Das widersprach der Partei-Doktrin. Witt bekam von dem Ansinnen der Amerikaner natürlich Wind, denn die hielten mit ihrem Wunsch nicht hinter dem Berg. Und so kam es zu einem Deal mit dem Staat: Du holst das zweite Olympia-Gold, dann kannst du zur Show.

Zu diesem Zeitpunkt stand Witt längst unter Beobachtung. Die ersten Stasi-Berichte über sie gab es, da war sie sieben Jahre alt. Der „OV Flop“, ein sogenannter „Operativer Vorgang“, wurde angelegt. Fortan war nichts mehr geheim, selbst ihr späteres Liebesleben im Jugendalter wurde minutiös durchleuchtet: „Zwischen 6 Uhr und 6.18 Uhr kam es zum Geschlechtsverkehr …“

Früh war den Oberen klar, dass da ein Mega-Talent heranwächst. Engmaschig wurde es, als die junge Katarina langsam erwachsen und immer schöner wurde. Die Männer standen Schlange. Wer dem Staat nicht passte oder den sportlichen Erfolg zu gefährden schien, wurde schon mal zur Armee geschickt, an den entferntesten Zipfel. So wie ihr erster Freund, der Schlagzeuger und heutige Musikproduzent Ingo Politz.

1988: Witt und ihr Freund Ingo Politz2025: Witt und ihr Ex-Freund Politz (l.), daneben Moderator Jürgen Karney

Aber nicht nur privat, auch sportlich benötigte Witt immer Gesellschaft. Wie in Sarajevo 1984. Die Stunden vor der Kür verbrachte sie mit den DDR-Bobfahrern. „Sie schliffen ihre Kufen, ich polierte meine Schlittschuhe. Allein sein vor dem Wettkampf war nicht so meins“, sagte sie. Stunden später holte sie ihr erstes Olympia-Gold in der Stadt, die sie bis heute prägen sollte.

Erinnerungen an Jutta Müller

Damals längst für sie verantwortlich: Trainerin Jutta Müller († 94). „48 Jahre, fast mein ganzes Leben, war Frau Müller an meiner Seite. 20 Jahre als Trainerin, Mentorin und Lehrerin. Sie hat mich gefordert und gefördert. Unnachgiebig in der Sache, jedoch fair und stetig mit glühender Leidenschaft. Seit 28 Jahren ist sie ganz tief in meinem Herzen und wurde Teil meiner Familie“, so Witt vor einigen Jahren.

Sehr eng: Müller und Witt

Zu ihrem Tod 2023 schrieb sie: „Meine liebe Frau Müller, Sie waren eine würdevolle, außergewöhnliche Frau, eine einzigartige Trainerin und Grand Dame der internationalen Eislauf-Welt. Ab heute bringen Sie den Engeln das Schlittschuhlaufen bei.“ Duzen kam für sie auch weit nach dem Ende ihrer Karriere nicht infrage. „Diese Nähe stand mir nicht zu.“ Deutlicher kann man Respekt nicht zeigen.

Dass Müller natürlich auch die Trainerin war, die sie sich für ihr Wettkampf-Comeback Anfang der 90er-Jahre aussuchte, verwundert nicht. In der turbulenten Wendezeit mit vielerlei Anfeindungen in der Heimat ob ihrer Nähe zum SED-Staat ging Witt in die USA, manche sagen: Sie flüchtete.

1994 noch einmal zu Olympia

Dort galt sie, anders als zu Hause, als Symbol für den Mauerfall. Dann bot sich plötzlich die Chance, sich reamateurisieren zu lassen und wieder Wettkämpfe zu bestreiten. Das Ziel: Olympia 1994 in Lillehammer (Norwegen).

„Zum ersten Mal Olympische Spiele mit meinen Eltern, das wollte ich uns nicht entgehen lassen“, sagte sie. Und so spann sich der Bogen zurück nach Sarajevo. Damals, vor zehn Jahren, das Gold, nun tobte der Krieg auf dem Balkan. Das Schicksal dieser Stadt fesselte Witt. So suchte sie sich „Sag mir, wo die Blumen sind“, den Antikriegssong schlechthin, aus, der mit einem Summen der Melodie begann. Die da summt, ist Witt selbst. „Das war mein Tribut an 1984. Ich wollte sagen: Vergesst Sarajevo nicht“, erklärte sie.

In Hamar, wo die Eiskunstlauf-Wettbewerbe stattfanden, reichte es bei ihren dritten Spielen zu Platz sieben. „Bild“ titelte: „Von uns kriegst du Gold“. Witt bezeichnete diese Worte später als „Balsam für meine Seele. Jetzt war ich im vereinten Deutschland angekommen.“

Zurück nach Calgary 1988 und dem Duell gegen die Kalifornierin Debi Thomas, die, wie Witt, zur Musik der Oper „Carmen“ von Georges Bizet lief. Müller hatte die Idee für Carmen. Doch in der Verkörperung lagen Welten. Thomas stolperte, Witt brillierte und durfte für ihr zweites Gold zu „Holiday on Ice“. Doch aus reiner Nächstenliebe gab das DDR-Regime sie natürlich nicht frei. 80 Prozent der Gage, von fünf Millionen D-Mark war die Rede, flossen an den Staat.

„SED-Ziege“ hieß es nach der Wende

„Selbst Bizet wäre hingerissen gewesen“, schrieb das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ ungewohnt blumig und widmete nach dem Triumph dem Star, den es in der DDR nicht geben durfte, die halbe Titelseite und eine ganze im Sportteil. Dazu die Ehrenspange zum Vaterländischen Verdienstorden in Gold, den sie vier Jahre zuvor erhalten hatte. Sie bekam, einmalig für einen DDR-Bürger, den westdeutschen Bambi, im selben Jahr, 1988, vom IOC den Olympischen Orden.

Zu viel der Lobhudelei für einen Teil der Leute im Osten, die Witt mehr und mehr als Synonym für das Regime sahen, das ihnen keine Reisefreiheit gab und das sie gängelte, wo es nur ging. Als Witt, die als das schönste Gesicht des Sozialismus bezeichnet wurde, Monate später bei einem Rockfestival auf der damaligen Radrennbahn Weißensee in Ost-Berlin Bryan Adams anmoderierte, gab es ein gellendes Pfeifkonzert. „SED-Ziege“ musste sie nach der Wende in der Zeitung auf der Titelseite lesen. „Das macht schon was mit einem“, sagte sie rückblickend.

Ja, sie hat sich mit dem DDR-System arrangiert. Auf den Lada musste sie nicht zehn Jahre warten, die Welt hatte sie schon gesehen, bevor die Mauer fiel, und im Kapitalismus Geld verdienen, das durfte sie als einzige Sportlerin der DDR. „Ich war eine stolze DDR-Bürgerin“, betonte sie weiterhin. „Dass ich so weit gekommen bin, hat mir der Staat ermöglicht. Meine Eltern hätten mir meine Eiskunstlauf-Karriere niemals finanzieren können“, begründete sie ihre Haltung.

1990: Witt als Carmen on Ice

Nach dem politischen Umbruch rollte der Rubel weiter. Neben den eigenen Eis-Shows mit Olympiasieger Brian Boitano wurde sie TV-Expertin in den USA und sorgte im Dezember 1998 für den ersten weltweit ausverkauften „Playboy“ seit dem mit Marilyn Monroe 1953. Am Tag des Mauerfalls, dem 9. November 1989, drehte sie gerade in Sevilla den Kinofilm „Carmen“. Das Schauspiel faszinierte sie immer wieder, ob in kleinen Kinorollen oder auf der Theaterbühne, wo sie 2009 die Buhlschaft im „Jedermann“ im Berliner Dom gab.

Ihr Privatleben hält Katarina Witt geheim

Witt gründete 2005 ihre Stiftung, deren Kern die Förderung von Kindern und Jugendlichen mit körperlichen Beeinträchtigungen ist. Damit unterstützte sie weltweit bislang 1000 Projekte. Im November 2019 eröffnete sie das Fitnessstudio „Kurvenstar by Katarina Witt“ in Potsdam und ist sozial überaus engagiert.

Vergangenes Jahr war sie Botschafterin der Kulturhauptstadt 2025, Chemnitz. Dort, im damaligen Karl-Marx-Stadt, ist sie aufgewachsen. Zudem sitzt sie im Kuratorium von „Ein Herz für Kinder“.

Ihr Beruf? „Ich bin Katarina Witt“

So öffentlich sie lebt, so geheim hält der ehemalige Eiskunstlauf-Star jedoch sein Privatleben. Die bekannten Beziehungen mit „MacGyver“ Richard Dean Anderson und Nena-Schlagzeuger Rolf Brendel datieren aus den 90er-Jahren.

Wenn man Witt erlebt, gewinnt man schnell den Eindruck, dass diese Frau nichts umhauen kann. Nur einmal sah man sie öffentlich weinen, weil sie etwas nicht geschafft hatte, was sie aber unbedingt schaffen wollte. Es war kein Eiskunstlauf-Wettkampf, aber es ging auch um Bewertungen. Olympia 2018 in München war ihr großes Ziel. Sie stand an der Spitze der Bewerbung, Pyeongchang in Südkorea gewann.

Ruhig sitzen kann sie bis heute nicht. Da ist es logisch, dass sie auf die Frage, was sie denn von Beruf sei, sagt: „Ich bin Katarina Witt.“

Dieser Text wurde für das Sportkompetenzcenter (WELT, BILD, SPORTBILD) verfasst und erschien zuerst in SPORT BILD.

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