„Um es noch mal klar zu sagen: Ich bin noch Fußballer“
Die vergangene Saison war für Mario Götze eine zum Vergessen. Doch jetzt will der Weltmeister noch mal angreifen, nicht umsonst hat der 34 Jahre alte Offensivspieler seinen Vertrag bei Eintracht Frankfurt um zwei Jahre verlängert.
Frage: Sie haben im April Ihren Vertrag bis 2028 verlängert. Was können die Fans von Ihnen erwarten?
Mario Götze: Es war von mir und meiner Familie eine bewusste Entscheidung für die Eintracht. Ich genieße es hier. Ich bin 34 und weiß, dass ich mehr Regeneration brauche als früher. Mein klares Ziel ist es aber weiterhin, dem Klub und der Mannschaft zu helfen – auf und neben dem Platz. Mit meiner Erfahrung und mit nach wie vor großer Lust.
Frage: Viele hatten mit nur einem Jahr gegerechnet …
Götze: Ich bin ein Fan davon, Dinge langfristig zu betrachten. Wir wissen, was wir aneinander haben, und haben in den Gesprächen klar benannt, was ich der Mannschaft und umgekehrt der Verein mir geben kann.
Frage: Ihr neuer Trainer Adi Hütter hat Sie direkt nach seiner Verpflichtung angerufen. War das für Sie ein wichtiges Signal?
Götze: Ja, auf jeden Fall. Es war ein gutes Gespräch. Man merkt an der Art, wie er trainieren lässt, wie er spricht und wie er mit Menschen umgeht – nicht nur mit der Mannschaft –, dass das eine große Qualität ist.
Götze und Adi Hütter bei einer Trainingseinheit. Der Österreicher war von 2018 bis 2021 schon mal Trainer in Frankfurt. Dann ging er zu Borussia MönchengladbachFrage: Was hat Sie am meisten beeindruckt?
Götze: Die Klarheit, die er hat. Die Dinge, die er anspricht. Mit wenig Worten viel zu bewirken. Das ist schon beeindruckend. Das ist eine sehr große Qualität, muss man sagen.
Frage: Kommunikation war nicht unbedingt die Stärke von Albert Riera, seinem Vorgänger. Waren diese vier Monate die verrücktesten Ihrer Karriere?
Götze: Das kommt dem schon sehr nahe, es war eine sehr spezielle Zeit. Diese vier Monate waren extrem intensiv. Viele Dinge sind nicht so gelaufen und aufgegangen, wie wir uns das vorgestellt hatten – für mich persönlich, für den Verein und für die Mannschaft. Aber das ist inzwischen Vergangenheit. Ich möchte gar nicht mehr so viel darüber sprechen. Am Ende ist Fußball Ergebnissport. Es hat nicht funktioniert. Dementsprechend hat der Verein auch schnell und konsequent reagiert. Ich glaube, es ist trotzdem nicht der richtige Weg, die Schuld auf eine Person allein abzuwälzen. Jeder sollte seine Leistung reflektieren. Nur so kann es besser werden.
Frage: Nach seinem Aus hat er nachgetreten und sinngemäß gesagt, nur weil jemand Weltmeister ist, könne er nicht machen, was er will. Ärgert Sie das?
Götze: Ich glaube, dass ich bisher mit jedem Trainer in meiner Karriere ein sehr gutes Verhältnis hatte. Wenn er meint, dass er das so sagen muss, dann soll er es tun. Es ist aber – nennen wir es – interessant, dass er das so formuliert hat. Das würde ja voraussetzen, dass wir häufiger miteinander gesprochen hätten oder uns gut kennen würden. Das war de facto aber nicht der Fall. Wenn er meint, dass er das in seiner eigenen Wahrnehmung so interpretieren muss, dann soll er es gerne tun. (lacht)
Frage: War die vergangene Saison ein Ausrutscher?
Götze: Dass es besser geht, weiß ich selbst. Wir haben die Saison aufgearbeitet und abgehakt, nun geht es darum, nach vorn zu schauen und die Dinge deutlich besser zu machen. Wenn ich auf meine vier Jahre insgesamt schaue, war das logischerweise das schwächste Jahr – sowohl für mich persönlich als auch für die Mannschaft.
Frage: Sie haben fast alles gewonnen, sind Familienvater und inzwischen auch erfolgreicher Investor. Was treibt Sie heute noch an?
Götze: Ich hatte schon immer einen inneren Drive, es vor allem mir selbst zu beweisen. Seit ich klein bin, habe ich Spaß daran, mich Herausforderungen zu stellen und mich selbst zu challengen. Natürlich weiß ich, dass ich keine zehn Jahre mehr Fußball spiele. Das macht es spezieller. Trotzdem gibt es auch in dieser Phase meiner Karriere noch Dinge, die ich aus mir herauskitzeln möchte, um besser zu werden.
Frage: Sind Sie jemand, der das Erreichte genießen kann, oder suchen Sie sich direkt das nächste Ziel?
Götze: Ich glaube, das hat sich im Laufe der Jahre verändert. Früher waren es die großen Ziele, denen ich nachgejagt bin: Deutscher Meister zu werden, Titel zu gewinnen. Heute kann ich mich auch über kleinere Dinge freuen, zum Beispiel über ein richtig gutes Training oder gelungene Aktionen im Spiel. Sich auf genau diese Dinge zu fokussieren und nicht ständig zu denken: Was will ich in zwölf Monaten erreicht haben? Das hat sich in den vergangenen 15 Jahren deutlich verändert. Heute genieße ich diese kleinen persönlichen Erfolge viel mehr als noch vor zehn Jahren.
Frage: Viele Profis fallen nach ihrer Karriere in ein Loch. Kann man sich auf diesen Moment vorbereiten?
Götze: Davor kann sich wahrscheinlich niemand komplett schützen. Das ist bei Musikern, Schauspielern oder anderen Berufsgruppen ähnlich. Fußball ist seit über 20 Jahren mein Leben. Wenn das plötzlich wegfällt, verändert sich natürlich vieles. Aber erstens spiele ich noch. Zweitens habe ich mir bereits jetzt ein sehr stabiles Fundament aufgebaut, auf das ich vertrauen kann – allen voran meine Familie, aber auch in Bezug auf meine Firma, meine Start-ups und Investments.
Frage: Haben Sie Angst vor der Zeit nach Ihrer Karriere?
Götze: Angst würde ich es nicht nennen. Eher Respekt. Es gab und gibt bisher immer eine klare Struktur: Saison, Training, Spiele. Der Alltag wird irgendwann selbstbestimmter. Ich weiß einfach, dass ich mir dann Zeit geben muss, mich daran zu gewöhnen. Es wird auf jeden Fall anders. Aber mir wird mit Sicherheit nicht langweilig. Und um es noch mal klar zu sagen: Ich bin noch Fußballer und bleibe es auch noch ein bisschen.
Frage: Ihre Weltmeister-Kollegen Mats Hummels und Thomas Müller waren zuletzt als TV-Experten sehr erfolgreich. Wäre das auch etwas für Sie?
Götze: Ich sehe mich in dieser Rolle eher nicht. Vielleicht mal ganz selektiv oder bei einem besonderen Turnier wie einer WM. Aber grundsätzlich ist das nichts, was ich dauerhaft machen möchte. Mich interessieren eher die Themen rund um Fußball, Finanzen und die wirtschaftlichen Zusammenhänge im Sport.
Frage: Wie bewerten Sie das deutsche Abschneiden bei der WM?
Götze: Dieses Gefühl, in den entscheidenden Momenten da zu sein – das ist teilweise verloren gegangen. Wenn ich an 2014 zurückdenke: Auch damals haben wir längst nicht jedes Spiel souverän gewonnen. Aber: Wir waren in den entscheidenden Momenten da. Am Ende zählt nur, dass du weiterkommst. Genau das haben wir damals geschafft.
Frage: Jetzt übernimmt mit Jürgen Klopp ein alter Bekannter von Ihnen und viele haben sofort das Gefühl: Jetzt wird alles besser!
Götze: Ja, Kommunikation kann er richtig gut. Es geht darum, die Menschen innen wie außen mitzunehmen und zu begeistern. Das hilft einer Mannschaft enorm. Ob das am Ende automatisch zum Erfolg führt, ist wieder etwas Anderes. Aber genau diese kleinen Dinge – gutes Training, die Mannschaft anzünden, Spiele gewinnen und eine funktionierende Mannschaft formen – das kann er schon außergewöhnlich gut.
Einen Monat nach dem frühen WM-Aus hat der DFB Jürgen Klopp zum neuen Bundestrainer ernannt. „Ich hoffe sehr, dass das für den deutschen Fußball wieder der erste Schritt nach oben war“, sagt Sportjournalistin Valentina Maceri.Frage: Er hat Sie in Dortmund 2009 zum Profi gemacht. Was hat er Ihnen als jungem Spieler gegeben, was Ihnen kein anderer Trainer geben konnte?
Götze: Wenn ich mich für eine Sache entscheiden müsste, dann wäre es sein Gespür dafür, wie er mit mir umgehen musste. Ich war damals 18, gerade Profi geworden. Er hatte einfach das Verständnis und die Intelligenz, genau zu wissen, was ich in dieser Phase gebraucht habe. Er hat mich einerseits extrem gefordert, mich andererseits aber auch immer wieder beiseitegenommen, mich auf die Tribüne gesetzt und geerdet. Dieser Mix war für mich damals perfekt. Er hatte einfach dieses Gespür: Ja, das ist ein guter Spieler, aber bloß nicht zu früh hypen. Das hat er richtig gut gemacht. Davon habe ich profitiert, davon hat er profitiert und langfristig auch die Mannschaft. Diese Menschenführung war außergewöhnlich. Das konnte er wirklich perfekt.
Frage: Gibt es ein Moment, der Ihnen bis heute im Kopf geblieben ist?
Götze: Was mir immer in Erinnerung bleiben wird, ist seine Intensität. Er hat unglaublich viel eingefordert – körperlich wie mental. Ich erinnere mich an Trainingslager mit drei Einheiten am Tag. Gleichzeitig hat er dir danach auch mal zwei oder drei Tage freigegeben und danach wieder Höchstleistung erwartet. Diese Balance war einfach gut. Wenn wir samstags 4:0 gewonnen hatten und dienstags im Training jemand nicht gelaufen ist, war er sofort wieder da.
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