Wer Infantino stoppen will, wird auf eine harte Probe gestellt
Nun herrscht Klarheit. Die Fifa hat vollends ihre Maske fallen lassen, und jeder kann jetzt endlich die Fratze des Raubtierkapitalismus sehen. Alles, was bisher schon für Wut gesorgt hat – horrende Ticketpreise, halbseidene Absprachen, hedonistische Verstrickungen – nimmt sich dagegen nur noch wie schnödes Marktgeschrei aus.
Der Weltfußball-Verband hat den Plan, seine Turniere noch weiter zu vergolden. Die Fifa um Präsident Gianni Infantino will einen Teil der kommerziellen Rechte an Investoren verkaufen und damit Milliarden Dollar erlösen. Also mit einem guten Teil des Kuchens von der Männer- und Frauen-WM sowie der Klub-WM. Auch künftige WM-Turniere sollen dann unter dem Dach eines neuen Unternehmens organisiert werden.
Es fügt sich jetzt ins Bild der schamlosen WM-Kumpanei, dass eine zentrale Rolle dabei ausgerechnet Thrive Capital spielen soll – die Investmentgesellschaft von Joshua Kushner, dem Bruder von Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner.
Infantino buckelte und heischte nach Donald Trumps Gunst
Aufsehenerregend war ja schon, wie Trump und Infantino in seltener Einmütigkeit das Turnier nach ihrem Gusto zurechtschnitten und die Co-Gastgeber Mexiko und Kanada vor den Augen der Weltöffentlichkeit zu nahezu stimmlosen Laiendarstellern degradierten. Wie die beiden zusammengluckten, Infantino buckelte und nach Trumps Gunst heischte. Bei Laune halten – und seine Launen aushalten, das war sein Credo. Koste es, was es wolle.
Es hatte etwas Entwürdigendes, Momente des Fremdschämens. Ein Mann am Rande der Selbstaufgabe, während ihm am Tisch des Oval Office sein Gegenüber wohlfeil anlächelte. Aber in einer Welt von Trump und Infantino zahlt sich das aus. Primär natürlich für die beiden. Und, wie wir jetzt wissen, folgte es einem Plan.
Fifa-Präsident Infantino will einen Teil der kommerziellen Rechte an den Turnieren des Weltverbandes an Investoren verkaufen und damit mehr als vier Milliarden Dollar erlösen. Die Uefa reagierte mit scharfer Kritik an den Plänen.Infantino hat mit dieser WM finanzielle Maßstäbe gesetzt. Die XXL-Ausgabe mit nunmehr 48 Teams, Gruppen von A bis L und 104 Spielen hat so viel Geld in die Kassen gespült, wie kein anderes Event vor ihr. Der Abpfiff des Finales war noch nicht mal in der Ferne zu hören, da redete der Schweizer schon von 64 Teams für die nächste Ausgabe auf drei Kontinenten (Europa, Afrika und Südamerika) und sechs Ländern (Spanien, Portugal, Marokko, Uruguay, Argentinien und Paraguay).
Es konnte als der typische Größenwahn Infantinos abgetan werden. Doch nun entlarvt sich das als knallhartes Kalkül. Das Mehr an allem – Spiele, Umsatz, Gewinn – und die Aussicht auf noch mehr Partien, Einnahmen und Erlöse in der Zukunft, dürfen getrost als das angesehen werden, was sie nunmehr sind: ein Lockmittel für Investoren.
Willkür ist kein Problem
Die haben bereits demonstriert bekommen, was alles möglich gemacht werden kann, wenn Infantino das Zepter schwingt. Willkür ist kein Problem. Eine rote Karte passt nicht ins Konzept? Da muss ein Präsident wie Trump nur zum Hörer greifen – und schon wird sie annulliert. Taktung alle vier Jahre? Geht nicht auch alle zwei Jahre, im Sinne des Geschäfts? Steht auf der Agenda. Paradiesische Zustände für potenzielle Geldgeber. Frei nach dem Fifa-Motto: For the Game. For the World. For the Private Equity.
Nach der Rücknahme einer roten Karte gegen Balogun bei der Fußball-WM steht Fifa-Präsident Infantino wegen mutmaßlicher Einflussnahme durch Trump in der Kritik. „Zwischen denen geht nichts mit rechten Dingen zu“, sagt Sportredakteur Walter M. Straten.Und Infantino hat dazugelernt. Vor acht Jahren sollte schon mal ein Rechteverkauf an ein Konsortium mit Verbindungen nach Saudi-Arabien über die Bühne gehen. Das scheiterte letztlich. Dieses Mal aber würden alle 211 Mitgliedsverbände der Fifa profitieren, jeder mit Anteilen im Wert von 35 Millionen Euro bedacht werden, die gehalten oder eben verkauft werden können. Brot und Spiele für das Fußballvolk, so in etwa. Bloß zustimmen muss es noch.
Dass Infantinos karges Präsidentengehalt von rund 5,3 Millionen Euro in 2025 nach einer weiteren Periode als Präsident ab 2031, dann wohl als Firmenchef des neuen Tochterunternehmens, zigfach in die Höhe schnellen würde, muss allerdings auch eingepreist werden. Der Tribun fordert seinen Tribut.
Die Frage ist, wie weit die Uefa gehen würde
Naiv ist dagegen, was der neue britische Premierminister postulierte. Andy Burnham, selbst glühender Fußballfan (FC Everton), sagte: „Der Fußball gehört nicht den Investoren. Er gehört den Menschen, die die Tribünen füllen, die an den Seitenlinien stehen, Woche für Woche, bei Regen und bei Sonne.“ Die WM sei „kein Produkt, sie ist der großartigste Wettbewerb auf der Welt. Sie hat niemals jemandem gehört, damit man sie verkaufen kann. Der Fußball hat immer den Anhängern gehört, und er wird es auch immer“.
Das ist ein Hirngespinst. Die WM ist längst Eigentum der Fifa und damit von Infantino. Alles andere ist nostalgische Verblendung – und es gibt nur wenige, die ihn stoppen können.
Die sind zwar mächtig, die Uefa hat sich bereits als Gegenspieler positioniert. Doch die 55 Mitgliedsverbände würden, für den Fall der Fälle, auf eine harte Probe gestellt. Der Fifa die Stirn zu bieten, würde als Ultima Ratio bedeuten, gegebenenfalls aus der Fifa auszutreten und nicht mehr an Weltmeisterschaften teilzunehmen. Das muss man sich leisten können und leisten wollen. Für den WM-Titel hat Spanien 50 Millionen Dollar von der Fifa überwiesen bekommen.
Doch neben Südamerika schlägt durch Europa das Herz des Weltfußballs. Drei der vier Halbfinalisten bei der WM in diesem Jahr waren Uefa-Teams. Ohne Spanien, Frankreich, England, Portugal, die Niederlande – und ja, auch Deutschland – wäre die WM nicht mehr halb so viele Milliarden wert. Sind sie sich einig über einen Boykott, könnte Infantino das ausbremsen. Sonst aber kann ihn kaum noch etwas aufhalten. Das ist das Wesen von Raubtierkapitalismus.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke