„Als Deutsche muss man 1000-mal stärker sein als die Konkurrenz“
Diese Anmut, gepaart mit Akrobatik und Athletik, die Verschmelzung von Sport und Kunst, der Tanz im Wasser – all das zog Klara Bleyer in den Bann, als sie ein kleines Mädchen war und Synchronschwimmen im Fernsehen sah. Leicht aussehen zu lassen, was so hart erarbeitet ist, lächeln, wenn der Schmerz hereinzieht. Synchronschwimmen ist eine mystische Welt.
Und eine, die vielen Menschen verborgen bleibt, weil sie gar nicht erst eintauchen in eine Sportart, die hierzulande selbst unter den Randsportarten ein Schattendasein fristet. „Dass jemand die Sportart wirklich kennt, kommt selten vor“, sagt Bleyer. „Und ja, meine Sportart wird noch sehr, sehr oft belächelt. Denn die Kunst ist ja, es leicht aussehen zu lassen. Und wenn es leicht aussieht, so denken die meisten, dann ist es das auch.“
Doch es ist Schwerstarbeit. Und die 22-Jährige ist dabei, sie zu perfektionieren. Wenn Bleyer ab dem 31. Juli bei den Europameisterschaften in Paris antritt, springt sie in der Freien Kür des Solowettbewerbs als Titelverteidigerin ins Wasser. Als erste Deutsche überhaupt hatte sie 2025 EM-Gold im Solo gewonnen. Aus einer Nation kommend, in der Synchronschwimmen oft unterschätzt wird und keine Beachtung findet, bahnt sich Bleyer ihren Weg in die Spitze. Es ist ein harter Weg, auch finanziell. Doch auch in der Weltspitze mischt die zierliche 1,53 Meter große Athletin schon mit.
Es war Zufall, dass sie als kleines Mädchen überhaupt aufmerksam wurde auf diese Sportart. „Ich sah mit meinen Eltern im Morgenmagazin einen Beitrag über Synchronschwimmen – was ja selten genug ist“, erzählt Bleyer, die da bereits schwimmen gelernt hatte. „In dem TV-Beitrag ging es um Niklas Stoepel, einen der wenigen Männer in dieser Sportart. Dann haben wir geschaut, ob man das in unserer Umgebung machen kann.“ Da war sie vier oder fünf. Und tatsächlich: In ihrer Heimatstadt Eschweiler gab es einen Verein. Mit zehn wechselte Bleyer nach Bochum – die Faszination ließ sie bis heute nicht los.
Klara Bleyer beeindruckt beim Weltcupfinale im Juni in TorontoEs sei ein komplexer Sport, auch künstlerisch, sagt sie. „Mich begeistert, dass es sehr abwechslungsreich ist. Natürlich sind deshalb auch viele Trainingsstunden nötig, aber es ist immer etwas Neues, dazu kreativ, sodass man sich ein bisschen ausleben kann.“ Synchronschwimmen ist Höchstleistung unter erschwerten Bedingungen: bei Atemnot. Die längsten Unterwasserphasen können in einer Kür bis zu einer Minute dauern. „Man kann sich das so vorstellen“, sagt die frühere Synchronschwimmerin Edith Zeppenfeld, „als wenn man 2000 Meter läuft und zwischendurch immer mal wieder für 50 Meter die Luft anhalten muss, aber weiter maximales Tempo geht.“
Und all das, während verschiedene Elemente gezeigt werden und das Zusammenspiel mit der Musik gelingen sowie am besten durch die Choreografie eine Geschichte erzählt werden soll. Der englische Begriff „Artistic Swimming“ trifft es besser als „Synchronschwimmen“.
Mehr als 50 Meter tauchen? Kein Problem für Bleyer
Bleyer, die neben dem Sport an der FH Aachen Produktdesign studiert, trainiert dafür sechsmal in der Woche sechs bis acht Stunden, hat damit im Schnitt mehr als eine 40-Stunden-Woche. Kraft- und Athletiktraining, dazu Ballett, Turnen, Stretching – all das gehört neben den Einheiten im Wasser dazu. Im Becken geht es dann längst nicht nur um das, was der Zuschauer als Kür im Wettkampf sieht. Auch Ausdauertraining, also Streckenschwimmen, ist Teil des Trainings. Wie lange sie tauchen kann, hat Bleyer nie getestet, aber: „Im Training machen wir Übungen, bei denen wir nach einem Sprint direkt 50 Meter tauchen. Mehr als 50 Meter schaffe ich also auf jeden Fall.“
Ein Wettkampf funktioniert dann ähnlich wie beim Eiskunstlauf: eine technische Kür, eine freie Kür und dazu Wertungsrichter, die Punkte vergeben. Bei der EM 2024 trumpfte Bleyer mit Silber in der freien sowie in der technischen Kür erstmals richtig auf. Dazu gewann sie mit dem Team sensationell Gold in der Acrobatic Routine. Erfolge, die ihr bei der Gala zum „Sportler des Jahres“ die Ehrung als „Nachwuchssportlerin 2024“ einbrachten. 2025 verblüffte sie dann als Siegerin des Gesamtweltcups sowie mit EM-Gold und zeigte danach als WM-Fünfte, dass auch auf dieser ganz großen Bühne Erfolge möglich sind.
In die Titelkämpfe von Paris geht sie nun mit viel Selbstbewusstsein aus dem Weltcupfinale in Toronto: Triumph in der freien Kür, Zweite in der technischen und Rang sechs im Duett mit Maria Denisov. Olympisch ist der Solo-Wettbewerb allerdings nicht, dafür das Duett und das Team. Eine deutsche Mannschaft wird jedoch bei der EM nicht antreten, in Solène Guisard und Robin Wiehn gibt es aber neben dem Frauen- auch ein Mixed-Duett.
Klara Bleyer (r.) und Maria Denisov kurz vor dem Sprung ins Wasser...… dort sind dann im Duett artistische Elemente gefragtDass Bleyer es in die Weltspitze geschafft hat, ist nicht nur wegen des Trainingsaufwandes bis heute ein Kraftakt. Denn wie Eiskunstlauf unterliegt auch Synchronschwimmen in Teilen einer subjektiven Bewertung. Die erfolgreichen Nationen dieser Sportart haben eine Lobby und aufgrund ihrer Erfolgsgeschichten einen guten Ruf – Deutschland nicht. „Man muss sich einen Namen machen und ein Standing erarbeiten, denn dort sitzen 20 Personen, die dich bewerten“, erklärt Bleyer. „Gerade, wenn man aus Deutschland kommt, muss man sich erstmal hocharbeiten und einen besonders guten Eindruck hinterlassen. Das ist nicht einfach, weil man 1000-mal stärker sein muss als die Konkurrenz.“ Sie meint das nicht als Beschwerde. Es sei eben so.
Da ist Durchhaltevermögen gefragt – genau wie im Training und finanziell. „Das Problem ist, dass das Sportsystem in Deutschland an vielen Stellen unzureichend ist, und Randsportarten wie unsere leiden noch mal mehr darunter“, sagt Bleyer. Viele hören deshalb spätestens nach dem Schulabschluss auf. Bleyer machte weiter – und erhielt einen Platz bei der Bundeswehr. Als Sportsoldatin, durch die Unterstützung des Deutschen Schwimm-Verbandes sowie des Verbandes aus NRW kommt sie finanziell halbwegs klar – mehr aber auch nicht. Sie muss zuzahlen, um international allein und im Duett konkurrenzfähig zu sein.
„Sie nehmen lieber Influencer als uns Spitzenathleten einer Randsportart“
Ein Problem ist zudem, dass der Solo-Wettbewerb nicht olympisch ist und sich die Förderung hierzulande besonders nach den olympischen Disziplinen richtet. „2025 lag mein Eigenanteil bei 20.000 Euro“, erzählt Bleyer. „Denn neben den Wettkampfreisen kosten auch die Choreografien viel Geld. Das musste ich mir ansparen; ein bisschen konnten wir durch eine Spendenaktion mit dem Duett wieder reinbekommen.“ 9120 Euro kamen zusammen. Schon für die WM-Teilnahme 2025 war die deutsche Mannschaft den Weg über eine Spendenaktion gegangen, um die Kosten zu decken.
Die Preisgelder von den Weltcups – für einen Sieg gibt es 2500 Dollar, für den Gesamtsieg 4800 Dollar – investiert Bleyer direkt wieder in den Sport. Sponsoren und Partner an ihrer Seite hat sie nicht. Selbst nach dem EM-Gold hatte sich für Bleyer nichts verändert. Sie hatte es selbst versucht und immer wieder Firmen angeschrieben, doch das Ergebnis war ernüchternd. „Wahrscheinlich fehlen mir die richtigen Kontakte. Entweder, es kam gar nichts oder eine Absage“, erzählt sie. „Das Problem ist: Wir sind hierzulande einfach nicht sehr populär und nicht oft in den Medien. Da nehmen sie lieber Influencer, mit denen sie mehr Reichweite haben als uns Spitzenathleten einer Randsportart. Das ist traurig, aber so ist es leider mittlerweile.“
Aufhalten oder entmutigen aber lässt sich die beste Synchronschwimmerin, die Deutschland jemals hatte, nicht. Dafür hat sie es schon viel zu weit gebracht.
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