Martin Schindlers Achterbahnfahrt spiegelt die Entwicklung im deutschen Darts
Es hätte der Abend werden können, an dem Darts-Star Martin Schindler die lange Negativserie beim World Matchplay beendet. Der Deutsche führte gegen den ehemaligen Weltmeister Gerwyn Price bereits mit vier Legs, ehe er das Match noch mit 9:11 nach Verlängerung verlor. Zuvor war bereits Niko Springer bei seinem guten Debüt gegen Weltmeister Luke Littler (6:10) ausgeschieden. Damit wartet der deutsche Dartsport beim wichtigsten PDC-Turnier im Sommer seit Gabriel Clemens 2020 weiter auf einen Erfolg.
Die beiden Niederlagen stehen zugleich für eine Entwicklung, die sich seit Monaten beobachten lässt. Obwohl Martin Schindler dauerhaft zur erweiterten Weltspitze gehört, Gabriel Clemens in diesem Jahr überraschend seinen ersten Pro-Tour-Titel gewann und Niko Springer weiter den Anschluss an die Weltelite sucht, geraten die deutschen Profis zunehmend unter Druck.
Schindlers Achterbahnfahrt
Vor allem bei Deutschlands Nummer eins zeigt sich das. Schindler gehört laut Ranking noch zu den besten 20 Spielern der Welt. Seine Ergebnisse schwanken allerdings so stark wie selten zuvor. Beim World Matchplay brachte er Gerwyn Price an den Rand des Ausscheidens, ehe er nach einer 8:6-Führung doch noch verlor. Es war bereits seine fünfte Teilnahme in den Winter Gardens, auf den ersten Sieg wartet der Strausberger weiterhin.
Martin Schindler brachte den Ex-Weltmeister Gerwyn Price beim World Matchplay an den Rand einer NiederlageAuch auf der European Tour blieb Schindler zuletzt deutlich hinter den Erwartungen. Bei fünf der bisherigen zehn Turniere schied er bereits in seinem Auftaktspiel aus. Weil der Deutsche als gesetzter Spieler jeweils erst in Runde zwei einstieg und Preisgeld erst ab dem ersten Sieg für die Ranglisten zählt, blieben diese Turniere trotz zweier Viertelfinals bei wenig Ertrag. Zuletzt folgten sogar drei Auftaktpleiten in Serie gegen Kevin Doets, Tom Sykes und Ryan Joyce.
Ein ähnliches Bild festigt sich auf der Pro Tour, den Turnieren ohne Zuschauer. Bereits zehnmal (!) scheiterte Schindler in diesem Jahr dort in der ersten Runde. Zwischen Weltklasseleistungen und mehreren Erstrundenpleiten in Folge lagen oft nur wenige Tage.
Der Kampf um die großen Turniere
Die fehlende Konstanz könnte schon bald Folgen haben. In der aktuellen Pro-Tour-Order-of-Merit liegt Schindler derzeit nur noch auf Rang 29. Für die Weltmeisterschaft reicht das, für den World Grand Prix in diesem Jahr könnte es dagegen eng werden. Rund 5000 Pfund fehlen aktuell auf einen Qualifikationsplatz.
Einer der aktuellen Lichtblicke im deutschen Darts: Comebacker Max HoppGerade die großen Fernsehturniere sind für Spieler außerhalb der absoluten Weltspitze von enormer Bedeutung. Fehlt dort das Preisgeld, kann der Weg aus den Top 20 schnell zum Fall aus den Top 32 werden. Diese Entwicklung mussten in den vergangenen Jahren bereits Gabriel Clemens und Max Hopp erleben.
Während Schindler nach Stabilität sucht, entwickelt sich Niko Springer weiter zu einem der größten Hoffnungsträger des deutschen Darts. Zwar verlor der 25-Jährige sein Matchplay-Debüt gegen Luke Littler mit 6:10, zeigte aber erneut, dass er mit den besten Spielern der Welt mithalten kann. Vieles spricht dafür, dass Springer mittelfristig Ricardo Pietreczko als deutsche Nummer zwei ablösen wird.
Springer solide, Pietreczko kämpft
Deutlich schwieriger ist die Situation bei Pietreczko. Der 31-Jährige gewann seit Ende Februar auf der Pro Tour nur einzelne Spiele. Auffällig sind dabei vor allem Probleme im Wurfablauf und beim Loslassen der Darts, die an eine Dartitis erinnern. Averages unter 70 Punkten sorgten für Besorgnis, zuletzt zeigte seine Form allerdings leichte Anzeichen einer Stabilisierung.
Ricardo Pietreczko kämpft aktuell mit seiner Form – und seinem WurfBei der European Tour in Riesa erreichte Pietreczko überraschend das Achtelfinale und setzte sich dabei unter anderem gegen Topspieler Danny Noppert durch. Die WM-Teilnahme ist aktuell realistisch, aber „Pikachu“ muss dringend noch einige Spiele gewinnen.
Mit inzwischen 15 Tourkartenbesitzern ist Deutschland auf der PDC-Tour so stark vertreten wie nie zuvor. Gleichzeitig kämpfen zehn der Profis wohl um den Erhalt ihrer Tourkarte oder um die Qualifikation für die Weltmeisterschaft. Hinter den etablierten Spielern fehlt häufig noch die Konstanz, um sich dauerhaft auf höchstem Niveau festzusetzen.
Dabei gab es in dieser Saison durchaus Lichtblicke. Gabriel Clemens gelang mit seinem ersten Pro-Tour-Titel nach sechs verlorenen Endspielen der ersehnte Durchbruch. Max Hopp erreichte erstmals seit mehr als 2500 Tagen wieder ein Finale und dürfte sich mit seiner Konstanz die Qualifikation für die Weltmeisterschaft und damit wohl auch die Tourkarte fürs nächste Jahr gesichert haben.
Der deutsche Dartsport verfügt damit über eine größere Breite als jemals zuvor. Die Niederlagen beim World Matchplay verdeutlichen jedoch ebenso wie die Saisonverläufe vieler deutscher Profis, wie schmal der Grat zwischen dauerhaftem Anschluss an die Weltspitze und dem Abrutschen im PDC-Ranking geworden ist.
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