Unsterblich hatte er sich zu diesem Zeitpunkt schon gemacht. Sich den Traum erfüllt und das Größte erreicht, was die Sportwelt hergibt: Olympiagold mit Weltrekord. Als Michael Groß dann am 30. Juli 1984 bei den Spielen in Los Angeles erneut auf den Startblock steigt, gilt ein anderer als Topfavorit: Pablo Morales. Es ist das Finale über 100 Meter Schmetterling. Der Amerikaner geht als Erster auf die zweite und finale Bahn. Groß jedoch, beflügelt vom Triumph des Vortages, bleibt dran, kämpft sich heran – und Deutschland hält den Atem an. Nach 53,08 Sekunden schlägt er an. Wieder Gold! Wieder Weltrekord! Der „Albatros“, von amerikanischen Medien als „amphibisches Wesen“ bestaunt, ist angekommen im Olymp des Schwimmsports.

Dass nur 100 Minuten später im Rennen der 4 x 200-Meter-Staffel von kaum geringerer Dramatik die – wie Groß später sagt – „größte Niederlage“ seiner Karriere folgt, zeigt die Extreme des Sports. Und dass auch die bitteren Momente zu einer Heldengeschichte gehören.

Die Olympischen Spiele 1984 jedenfalls machten den damals 20 Jahre jungen Groß endgültig zum deutschen Sportidol. „Olympiasieger mit Weltrekord zu werden war gigantisch, weil es der absolute Höhepunkt ist. Mehr geht nicht“, sagt er rückblickend. Groß hatte in den Jahren vor Los Angeles vorgelegt, und er legte nach, mit Olympiagold Nummer drei, Rekorden, WM- und EM-Titeln. Deutschland und die Schwimmwelt verneigten sich vor ihm, dem „Albatros“. 2,01 Meter groß, beeindruckend, andere überragend. Mit einer Strahlkraft, die weit über das Schwimmen hinausreichte – wegen seiner Erfolge über einen Zeitraum von elf Jahren. Und weil er schon immer ein Typ war. Klare Haltung, konsequent, sich selbst stets treu bleibend – auch seiner Lebensvision, die mit Sport nichts zu tun hat.

Michael Groß: „Der Olympiasieg war nie meine Vision“

Heute, mit 62, ist der Frankfurter immer noch schlank wie einst, sein Gesicht unverkennbar markant. Michael Groß, der Albatros. Sein Spitzname hat sich eingebrannt ins deutsche Sportgedächtnis. Erdacht 1983 von einem Journalisten der französischen Sportzeitung „L’Équipe“ wegen Groß’ Schwimmstils und seiner imposanten Arm-Spannweite von 2,13 Metern. Auf legendäre Weise aufgegriffen 1984 von TV-Kommentator Jörg Wontorra in dem Anfeuerungsruf: „Flieg, Albatros, flieg!“

Majestätisch: „Albatros" Michael Groß beeindruckt auch bei seiner letzten WM 1991 in Perth

Das Fliegen war tatsächlich sein Traum: Groß wollte Verkehrspilot werden. Für die Ausbildung aber war er zu groß. Nichts hätte daran etwas ändern können, es ärgerte ihn deshalb nur kurz. „Das Fliegen ist bis heute meine Lebensvision geblieben, sie gehört zu mir. Und ist positiv belegt. Auch wenn ich mir den Traum nicht erfüllen konnte“, sagt er. „Die Vision steht über allem, der Olympiasieg war nie meine Vision – er war ein Ziel einer Lebensphase.“

An deren Ende kam er 1991 auf drei Olympiasiege, zwei olympische Silber- und eine Bronzemedaille, fünf WM-Titel, acht weitere WM-Medaillen und zwölf Weltrekorde. Viermal wurde er zu Deutschlands Sportler des Jahres gewählt, 1985 als Weltschwimmer ausgezeichnet, 1995 in die Hall of Fame des internationalen Schwimmsports und 2015 in jene des deutschen Sports aufgenommen. Eine Ausnahmekarriere.

Der Rat eines Arztes war der Startschuss

Und sie beginnt wie durch Fügung. Groß, am 17. Juni 1964 in Frankfurt am Main geboren, ist zehn Jahre alt, als der Hausarzt seiner Mutter rät, den Jungen im Schwimmverein anzumelden – denn der Junge wächst zu schnell, und Schwimmen soll gut sein für die Gelenke. Den Test beim Ersten Offenbacher Schwimmclub, einer renommierten Adresse damals, besteht er. Fortan ist das Wasser sein Element. Er findet Spaß am Schwimmen und dazu die richtigen Menschen um sich herum – nie wird er für einen anderen Verein starten.

In Gold aufgetaucht: Michael Groß geht nach der Siegerehrung 1984 auf die Ehrenrunde

Groß ist noch ein Teenager, 16 Jahre alt, als er die Schwimmwelt schockt – mit einer Leistung, die zwar goldwürdig ist, aber nicht mit Gold belohnt wird, da das Nationale Olympische Komitee der Bundesrepublik die Spiele 1980 in Moskau boykottiert. Während dort der Schwede Pär Arvidsson über 100 Meter Schmetterling in 54,92 Sekunden gewinnt, schwimmt Groß am selben Tag in Toronto (Kanada) 54,69 Sekunden. „Klar, das wäre ein Highlight geworden“, sagt er. „Mein Glück war 1980, dass mir die Welt noch offenstand. Ich dachte mir: Dann starte ich eben bei den nächsten Olympischen Spielen.“

Erst einmal aber steht 1981 die EM in Split (Kroatien) an, die mit einem Rückschlag beginnt: Statt Bronze über 100 Meter Schmetterling zu erhalten, wird Groß disqualifiziert, weil er nur mit einer Hand anschlug. Er verdaut das schnell und feiert wenig später über 200 Meter Schmetterling seinen ersten von 13 EM-Titeln. Es folgt das Jahr seines großen Durchbruchs: Bei der WM 1982 in Guayaquil (Ecuador) gewinnt er zweimal Gold, einmal Silber sowie zweimal Staffel-Bronze. 1983 folgt sein erster Weltrekord.

LA 1984: Siege, sein bitterstes Rennen und Wontorras Anfeuerung

Und dann kommt das Jahr der Spiele von Los Angeles. Mit dem Abitur in der Tasche reist er in die USA und nutzt gleich seine erste Chance: aufgetaucht in Gold nach 200 Meter Freistil. Über 100 Meter Schmetterling reicht dem Topfavoriten Morales dann nicht einmal die Verbesserung seines eigenen Weltrekords – Groß ist schneller.

Olympiagold Nummer zwei: Groß besiegt über 100 Meter Schmetterling den Favoriten

Nur 100 Minuten später springt er als Schlussschwimmer der Staffel über 4 x 200 Meter Freistil ins Becken: Groß übernimmt als Zweiter mit einer Körperlänge Rückstand, holt rasend schnell auf, ist nach etwa 70 Metern mit dem Amerikaner Bruce Hayes gleichauf und geht auf die finalen 50 Meter als Führender. Doch Hayes kämpft – und die Arme des Albatros werden schwer.

Am Anschlag liegen beide Staffeln deutlich unter dem alten Weltrekord, Groß jedoch vier Hundertstel hinter Hayes. „Der bitterste Moment meiner Karriere“, sagt er. „Staffeln sind für Schwimmer besonders wichtig. Das tat weh. Allerdings ist es nicht so, dass wir vier – wir haben alle noch Kontakt – bis heute damit hadern.“

Vier Tage später gilt Groß als Topfavorit über 200 Meter Schmetterling. 150 Meter sieht er aus wie der Sieger, dann kommt die Konkurrenz dichter und dichter. Motivierend, anfeuernd, episch schreit Wontorra in sein Mikrofon: „Fliiiieg, Albatros, fliiiiieg!“ Und eine Nation vor den Fernsehbildschirmen schreit es ihm nach. Es hilft nicht. Der 17-jährige Australier Jonathan Sieben hat sensationell das beste Finish, Groß bleibt Silber. Ihn und seinen Spitznamen aber kennt nach LA die Sportwelt.

Groß schafft, was vorher nur Mark Spitz gelang

Michael Groß, kein extrovertierter Typ, stattdessen cool, fokussiert, reflektiert. Ob er Vorteile durch den Sport habe, wird er in einer ZDF-Doku von 1984 gefragt. „Ich hoffe nicht“, antwortet er. „Auf das wirkliche Leben sollte das keinen Einfluss haben.“ Anfangs, sagt er da, sei ihm die Aufmerksamkeit lästig gewesen, aber er habe sich daran gewöhnt. Groß ließ und lässt sich nicht verbiegen. Nicht mit 17, nicht nach seinen ersten Olympiasiegen, nicht danach.

1985 schafft er dann Erstaunliches, als er gleichzeitig über vier von zwölf olympischen Strecken Weltrekorde hält – das hatte zuvor nur US-Legende Mark Spitz geschafft. Zu Groß’ Erfolgsbausteinen zählen neben hartem Training, Talent und Spaß auch eine „milde Form der Besessenheit“, die er sich rückblickend, aber auch generell bis zum heutigen Tag bescheinigt. „Gerade für Menschen, die ein großes Interesse verfolgen, die sich wirklich mit allem Herzblut engagieren, ist diese milde – also ich betone milde – Form der Besessenheit etwas Faszinierendes“, sagt er. „In dem Sinne faszinierend, dass man erst dadurch feststellt, wie weit man kommen und manchmal auch andere dadurch mitreißen kann.“

Nie muss sein Trainer Hartmut Oeleker ihn antreiben. „Wenn ich mal mit Freunden bis 2 oder 3 Uhr unterwegs war und Party gemacht habe, bin ich natürlich dennoch am nächsten Morgen um 9 Uhr für zwei Stunden ins Wasser gesprungen“, erzählt Groß. Nur, weil er wenig geschlafen hatte, ein Training schwänzen? Niemals. „Psychologisch war es wichtig. Weil ich mich nicht hängen ließ“, sagt er, „weil ich wusste, wie weit ich gehen kann und dass man so schnell nicht aufgibt.“

Ein Wettkampftyp, dem der Sport nicht reichte

Der Sport allein reicht ihm aber nicht. Als er 1986 zweimal WM-Gold gewinnt, hat er sein Studium der Germanistik, Politik- und Medienwissenschaften bereits begonnen. „Es gibt einfach auch andere Lebensumfelder als den Sport, die ich nicht ausschließen wollte“, sagt er. Also fährt er zweigleisig und verfolgt weiterhin große Ziele im Sport.

Ein weiterer Erfolgsbaustein dabei: Körperlich und mental ist der Frankfurter zu den Top-Ereignissen in Höchstform und kann abrufen, was in ihm steckt. Auch, weil die Situation auf großer Bühne, das Lampenfieber ihn anspornt, nicht erdrückt. Der deutsche Ausnahme-Schwimmer ist ein Wettkampftyp, ein Performer. Auf dem Startblock, sagt er, zähle die Vergangenheit nicht. Alles auf null. Ein Moment als Chance, nicht als Bürde. „Im Training so schnell zu sein wie im Wettkampf? Für mich absolut undenkbar“, sagt er. „Es war sicherlich eine wesentliche Stärke von mir, dass ich aus meinen Fähigkeiten zur richtigen Zeit alles abrufen konnte. Und nicht zehn Minuten später. Oder zehn Tage früher.“

Seoul 1988: Erst Enttäuschung, dann Machtdemonstration

Nur einmal gelingt dies verletzungsbedingt nicht: 1988 in Seoul. „Nach einem Bandscheibenvorfall passte das Timing der Formzuspitzung nicht ganz“, erinnert er sich. „Da war ich etwas zu spät fit und bei den 200 Meter Freistil noch zu schlapp.“ Es ist der 19. September 1988. Und Groß wird im olympischen Finale Fünfter. Die gleiche Platzierung wird es zwei Tage später über 100 Meter Schmetterling, dazu Bronze mit der 4 x 200-Meter-Freistilstaffel. Dann aber, am 24. September 1988, steigt er zum Finale über 200 Meter Schmetterling auf den Startblock, jener Strecke, über die er 1984 als Topfavorit galt, aber Zweiter wurde.

Mit dem ersten Armzug führt Groß das Rennen an, unnachahmlich in seinem Stil, bald uneinholbar für die Konkurrenz. „Hier kommt der Albatros“, verkündet der Sprecher im US-Fernsehen auf den letzten 25 Metern. „Albatros Michael Groß schwimmt nach den Enttäuschungen dieser olympischen Woche zu Gold. Der Albatros ist erlöst. Dies war die Disziplin, in der man von ihm in Los Angeles den Sieg erwartet hatte – vier Jahre später nimmt er Revanche.“ Ein Start-Ziel-Sieg mit fast einer Körperlänge Vorsprung. Eine Machtdemonstration.

Das lange ersehnte Gold: Steffen Zesner, Peter Sitt, Michael Groß und Stefan Pfeiffer holen 1991 den WM-Titel über 4 x 200 m Freistil

Danach stürzt sich Groß verstärkt in sein Studium, lässt 1989 die EM im eigenen Land aus, beendet sein Studium und entscheidet sich dann, noch mal anzugreifen. Sein Ziel: die WM im Januar 1991 in Perth (Australien). „Auch, weil es ein ganz besonderes Ereignis war“, sagt er. „Denn wir Schwimmer waren die Ersten, die bei einer WM als gesamtdeutsche Mannschaft antraten. Das war eine spannende Zeit, und es hat sich gelohnt, sich noch einmal hineinzuhängen.“ Er gewinnt Silber über die Schmetterling-Strecken und endlich jenes Gold, das ihm und seinen Teamkollegen bis dahin verwehrt geblieben ist: mit der 4 x 200-Meter-Staffel.

Warum er die Ehrung zum „Sportler des Jahres“ schwänzte

Sein Rücktritt danach kommt für viele überraschend, aber ist nur konsequent, zumal Groß seine Promotion bereits begonnen hat. „Im Schwimmen hatte ich alles erlebt“, sagt er. „Da lag nichts mehr vor mir. Es war eine tolle Zeit, aber ein Abschnitt, der absehbar enden würde. Sportler sollten aufhören, wenn sie alles erlebt haben, nicht, wenn sie alles erreicht haben. Das ist der große Unterschied.“

Groß 1991 auf der „Wetten, daß...?"-Couch mit Willy Millowitsch und Thomas Gottschalk

Was er erreicht hat, ist in seinem Zuhause nicht sichtbar. Die Medaillen, wichtige Urkunden? Im Keller verstaut. „Letztlich erkennen Sie bei uns nicht, dass ich eine Sportkarriere hatte. Das Wichtigste ist in meinem Kopf.“ Wenn er sich heute mit früheren Teamkollegen oder einstigen Konkurrenten unterhält, geht es um den Spaß, den sie hatten. Um die Erlebnisse, die verbinden. Wie die deutsche Mannschaftsmeisterschaft, die Bundesliga-Wettkämpfe der Schwimmer. Über viele Jahre waren sie mit Vor- und Endkampf ein Highlight. Dafür ließ er zweimal sogar die Ehrung zum „Sportler des Jahres“ sausen. „Diese Wettkämpfe hatten eine besondere Wertigkeit“, sagt er. „Ich war schon Olympiasieger, als wir erstmals als Verein den Titel holten. Die Sause danach war größer als bei Olympiagold.“

Auch auf internationaler Bühne schuf er sich abseits der Medaillen Erinnerungen, die bleiben – wie jene mit der traditionell zum Ende von Titelkämpfen ausgetragenen Lagenstaffel. Das deutsche Quartett hatte es sich als Gag zu eigen gemacht, nicht in Sportkleidung, sondern kostümiert einzulaufen. „Es entwickelte sich eine Eigendynamik und wurde zu einer Art geheimer Kommandosache“, erinnert er sich. In dieser Tradition fand auch sein letzter Auftritt statt: In Tierkostümen betrat die Lagenstaffel 1991 bei der WM die Startbrücke. Die Bronzemedaille aus dem Rennen markiert den Schlusspunkt seiner Karriere.

Groß: Erfolgreicher Geschäftsmann und Honorarprofessor

1994 promoviert Groß zum Dr. phil. über „Ästhetik und Öffentlichkeit: Die Publizistik der Weimarer Klassik“, gründet anschließend seine erste Firma und heiratet bald seine große Liebe Ilona. Die beiden werden Eltern einer Tochter und eines Sohnes.

Michael Groß mit Ehefrau Ilona Groß beim 41. Deutschen SportpresseBall 2023 in der Alten Oper

Groß, der sich auch als Mitglied im Vorstand der Deutschen Sporthilfe und im Präsidium des NOK für Deutschland engagierte, ist heute beruflich häufig unterwegs. In erster Linie hat er eine Unternehmensberatung, ist aber auch als Redner tätig, Autor von sieben Büchern mit so unterschiedlichen Titeln wie „Siegen kann jeder“ und „Digital Leader Gamebook“ – und Dozent an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. 2023 wurde er dort zum Honorarprofessor für Organisation, Führung und digitale Transformation ernannt.

Zudem leitet er an der Goethe Business School als Kurator des Sports Managment MBA, einem neuen berufsbegleitenden Studiengang, das Pflichtmodul Führung und Organisation sowie das Wahlpflichtmodul People und Talentmanagement. „Ich mache das vor allem wegen des Wissenstransfers“, sagt er.

In einem Schwimmbad war er seit der Pandemie nicht mehr, dafür trainiert er im Fitnessstudio, fährt im Winter auf seinem Hometrainer und im Sommer mit Vorliebe Mountainbike. Dazu gelegentlich Katamaran-Segeln, Wakeboarden im Sommer, Snowboarden im Winter und manches mehr.

Über allem schwebt weiterhin die Lebensvision, das Fliegen. „Sie ist einfach belebend. Wenn ich im Flugzeug sitze, das können sich andere gar nicht vorstellen, ist es speziell“, sagt Groß. Seine Augen funkeln. Er ist Passagier geblieben, kein Pilot geworden. „Ein geplatzter Traum, aber eine Vision, die mich durchs Leben begleitet.“

Melanie Haack ist Sportredakteurin bei WELT. Sie berichtet seit vielen Jahren über olympische Sportarten und Extremsport sowie über Fitness-Themen. Hier finden Sie Ihre Texte.

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