Nach dem Massencrash bei Tempo 60 steckte Pascal Ackermann der Schreck noch in den Knochen. „Der Sturz war direkt neben mir. Ich zittere jetzt noch. Ich bin gerade noch so durchgekommen“, schilderte der frühere deutsche Meister die dramatischen Szenen auf der zwölften Etappe der Tour de France in Chalon-sur-Saône.

„Es war ziemlich knapp. Ich habe mich schon bereitgemacht, den Lenker richtig festgehalten, falls ich springen muss. Aber sie sind gerade so in die andere Richtung geflogen“, ergänzte Ackermann, der 15. wurde.

Der Kolumbianer Fernando Gaviria hatte den Crash im Finale ausgelöst, mehr als ein Dutzend Fahrer kam bei Höchstgeschwindigkeit zu Fall. Nur eine kleine Gruppe davor wurde von dem Sturz nicht beeinträchtigt. So durfte an der Spitze wieder Tim Merlier jubeln, der zum Hattrick raste. Der Belgier holte bei der womöglich letzten Massenankunft dieser Tour seinen dritten Tagessieg und etablierte sich damit als Sprintkönig der 113. Frankreich-Rundfahrt.

Kanter bester Deutscher auf Platz sieben

Merlier siegte auf der zwölften Etappe nach 179,1 Kilometern mit Start auf der Rennstrecke in Magny-Cours vor dem Niederländer Olav Kooij und seinem belgischen Landsmann Jasper Philipsen. Den deutschen Sprint-Assen blieb erneut eine Nebenrolle. Als bester Deutscher sprintete Max Kanter auf den siebten Platz. Auch der Cottbuser hatte Glück: „Es war knapp hinter mir. Von rechts kam eine Welle und dann haben sie sich irgendwo aufgehangen.“

Für eine Top-Platzierung reichte es trotzdem nicht. „Wir waren vielleicht einen Tick zu früh, aber lieber zu früh als zu spät. Es war eigentlich okay. Ich verliere viele Positionen, der Weg war für mich zu lang“, sagte Kanter in der ARD.

Die Zeiten, als Marcel Kittel und André Greipel reihenweise Sprintsiege bei der Tour einfuhren, geraten allmählich in Vergessenheit. Der letzte deutsche Tagessieg liegt bereits 1.834 Tage zurück, Nils Politt jubelte 2021 in Nimes.

Pogacar weiter in Gelb

In der Gesamtwertung blieb alles beim Alten. Der slowenische Favorit Tadej Pogacar hat weiter einen komfortablen Vorsprung von über drei Minuten auf den Dänen Jonas Vingegaard. Der deutsche Hoffnungsträger Florian Lipowitz liegt 4:44 Minuten zurück auf Platz sechs.

Tadej Pogacar fährt weiter in Gelb

Die Nummer eins bei den Sprintern ist Merlier, der bereits zum zehnten Mal bei den drei großen Rundfahrten triumphierte. Dabei ist es erst sein sechster Start bei Tour, Giro oder Vuelta. 2024 gewann er auch die Europameisterschaft und setzte sich dabei gegen seinen namhaften Landsmann Philipsen durch.

Merlier eine Klasse für sich

„Er ist der Schnellste der Welt“, schwärmte Anfahrer Jasper Stuyven über Merlier, der mit Cameron Vandenbroucke, der Tochter des 2009 gestorbenen belgischen Radstars Frank Vandenbroucke, verheiratet ist. Im vergangenen Jahr war der 33-Jährige noch als Einzelkämpfer unterwegs, als das Soudal-Quick Step-Team auf Doppel-Olympiasieger Remco Evenepoel zugeschnitten war. Merlier weiß sich aber zu helfen - ob mit oder ohne Sprintzug. „Er ist eiskalt und verfällt nie in Panik“, lobte sein Sportdirektor Tom Steels.

Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 50,91 km/h hatte das Peloton am Mittwoch noch für einen Rekord gesorgt - mit Ausnahme der Prologe oder Zeitfahren. Einen Tag später ging es nicht gar so schnell zu, was auch am zwischenzeitlichen Regen lag.

Gut 25 Kilometer nach dem Start auf der Rennstrecke in Magny-Cours, wo einst Formel-1-Rekordweltmeister Michael Schumacher achtmal triumphiert hatte, setzte sich eine vierköpfige Spitzengruppe mit dem ständigen Ausreißer Baptiste Veistroffer ab. 35 Kilometer vor dem Ziel wurde die Gruppe wieder eingeholt. Danach versuchten es weitere Ausreißer - ohne Erfolg.

Florian Lipowitz hatte unterwegs gar noch Zeit für Späße. Der 25-Jährige vom deutschen Red-Bull-Team zielte mit einer Trinkflasche auf eine am Straßenrand aufgestellte Tafel mit einer Zielscheibe, verfehlte und kommentierte das im TV lapidar: „Das ist der Grund, warum ich mit Biathlon aufgehört habe.“ Lipowitz hatte seine Sportkarriere als Biathlet begonnen und zählte auch zum Nationalkader. Weil er – auch verletzungsbedingt – viel auf dem Rad trainierte, entdeckte er seine Liebe und sein Talent für den Radsport.

Dies kann er am Freitag wieder zeigen, wenn die Tour die Vogesen ansteuert. Über 205,8 Kilometer geht es von Dole nach Belfort. Rund 25 Kilometer vor dem Ziel ist dabei der Ballon d'Alsace, ein Berg der ersten Kategorie, zu bewältigen.

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