Der Schmerz hält mindestens zwei weitere Jahre an. 60 Jahre nach dem WM-Titel im eigenen Land muss England den Traum von einem weiteren Gewinn eines großen Pokals beerdigen. Im Halbfinale von Atlanta konnten die „Three Lions“ eine 1:0-Führung nicht über die Ziellinie bringen und musste eine weitere schmerzhafte Niederlage gegen Argentinien hinnehmen.

Die Tore der Südamerikaner fielen in der 85. Minute und in der zweiten Minute der Nachspielzeit. Trotz dieser späten Wende waren sich alle Beobachter einig: Dieser Erfolg war hochverdient.

Das Spiel hatte drei Phasen:

  1. Eine 45-minütige Kneipenschlägerei in der ersten Halbzeit, als beide Mannschaften nach allem traten, was sich bewegte.
  2. Die Anfangsphase der zweiten Halbzeit, als die Kontrahenten sich überlegten, dass man statt zu foulen auch ein Tor schießen könnte. Die Engländer taten dies nach einem herrlichen Angriff alsbald durch Anthony Gordon (55.)
  3. Das letzte Drittel des Spiels, in dem Argentinien wie ein Tsunami über völlig überforderte, extrem passive und mutlose Engländer hinwegfegte. Das Ergebnis: Chancen im Minutentakt, zwei Pfostentreffer und zwei folgerichtige Toren durch Enzo Fernández und Lautaro Martínez.

Und so schwebte nach der Partie vor allem eine Frage über dem Stadion: Warum brach England dermaßen ein? Und welche Schuld trifft Thomas Tuchel? Hätte der deutsche Trainer nicht eingreifen und eine neue Marschroute vorgeben müssen? Oder hoffte er wirklich, dass seine Mannschaft mit den defensiven Einwechslungen und dem Umstellen auf eine Fünferkette irgendwie doch noch ins Ziel taumelt?

Was Tuchel und Kane sagen

Ein ratloser Harry Kane beschrieb das so: „Wir haben am Ende versucht, dagegenzuhalten, aber auf diesem Niveau ist es einfach nicht ausreichend. Wir haben keinen Druck mehr gegen den Ball gemacht, nicht nach vorn verteidigt, die Kontrolle verloren. Es ging einfach nicht. Wir wissen nicht, was da passiert ist.“

Der ehemalige Nationalspieler Wayne Rooney nannte es beim Namen. Er sprach von „Kapitulation“, und Tuchel sei schuld daran. In der BBC sagte er: „Das war Panik, echte Panik. Du kannst nicht in Führung gehen und dich dann einfach ergeben. Den Ball hergeben und jede Möglichkeit aufgeben, auf das zweite Tor zu gehen.“ Rooney weiter: „Wenn du 1:0 führst und dann siehst, welche Änderungen der Trainer vornimmt, verlierst du den Glauben.“

Tuchel selbst redete das Gesehene nicht schön. „Wir waren so nah dran, aber nach dem Tor sind wir zu passiv geworden“, analysierte der ehemalige Dortmund- und Bayern-Coach: „Wir haben unglaublich viele Flanken, Chancen und Schüsse zugelassen. Wir waren dicht dran, konnten unser Niveau nach der Führung aber nicht halten.“

England geht im WM-Halbfinale gegen Argentinien durch Anthony Gordon in Führung. Er drückt eine mustergültige Flanke über die Linie. Der Treffer im Video.

Natürlich habe seine Mannschaft auf das zweite Tor gehen wollen, „aber das funktioniert nicht, wenn man den Ball nicht hat. Wir wurden zu passiv und konnten den Ball nicht mehr in unseren Reihen halten.“

Ob er daran Anteil hatte? Tuchel erklärte seine Umstellungen so: „Wir haben uns für eine Fünferkette entschieden, weil die Abstände zu groß waren und wir in der Luft stärker sein wollten. Wir haben versucht, den Spielern zu helfen, aber die Verantwortung liegt beim Trainer.“ Er glaube aber nicht an ein strukturelles Problem: „Das Spiel hat sich komplett verändert, und ich weiß, dass diese Diskussionen geführt werden und dass es da draußen eine Million Trainer gibt, die es besser wissen. Aber ich musste eine Entscheidung treffen.“

Eine Zahl beschreibt den Niedergang perfekt

Ein hartes Urteil fällte auch der deutsche 2014er-Weltmeister Mats Hummels. England habe das Spiel mit dem eigenen 1:0 verloren, sagte er bei MagentaTV: „Argentinien wurde ab diesem Moment viel druckvoller. Aber, und das ist die andere Seite der Medaille: England hat sie auch druckvoller werden lassen, ohne viel Widerstand.“

Eine Zahl stützt Hummels These perfekt: In der Phase zwischen dem 1:0 und dem 1:1 hatte England genau zwölf Prozent Ballbesitz. Es habe kaum noch einen eigenen Angriff gegeben, führte der ehemalige Verteidiger aus: „Ansonsten haben sie sich einfach verbarrikadiert am eigenen Sechzehner. Unmittelbar nach dem 1:0 gab es schon eine Situation, in der Harry Kane am eigenen Elfmeterpunkt klärt. Sie haben sich hinten verschanzt. Viel zu früh. Das hätte 20 Minuten später vielleicht passieren dürfen, aber nicht zu der frühen Zeit.“

Ähnlich sah es Bastian Schweinsteiger in der ARD. 70 Minuten sei Tuchels Masterplan aufgegangen, danach nicht mehr: „Die Engländer haben es nicht geschafft, sich zu lösen und mal Ballbesitz zu bekommen – das war unfassbar. Der Mut, aktiv zu sein, hat gefehlt. Du musst das Vertrauen haben, nach vorn zu gehen – mit der richtigen Taktik. Das muss im Gesamten funktionieren.“

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