„Von der Wiege bis zur Urne, turne, turne, turne“
Das Ansehen des Turners Eberhard Gienger auf dem Höhepunkt seiner Karriere lässt sich gut an dem Ergebnis der Wahl zum Sportler des Jahres 1974 bemessen: Deutschland war gerade Fußball-Weltmeister geworden, aber nicht Kapitän Franz Beckenbauer bekam die hohe Auszeichnung, sondern Gienger. Der am Reck damals auf Weltklasseniveau turnende Schwabe wird nun 75 Jahre alt – seine Karriere nach dem Sport als CDU-Abgeordneter im Bundestag hängt eng mit den Erfolgen als Turner zusammen.
Dass Gienger auch im fortschreitenden Alter topfit ist, demonstrierte er gerade erst bei den nationalen Spielen der Special Olympics. Bei der Eröffnungsfeier schwebte er im Juni als Fallschirmspringer in das Saarbrücker Ludwigsparkstadion ein – das Fallschirmspringen ist seit vielen Jahren das Hobby von „Ebse“, so sein Spitzname.
Topfit: Eberhard Gienger wird am 21. Juli 75 Jahre alt1991 konnten sich viele Millionen Fernsehzuschauer davon überzeugen: Gienger trat damals als Kandidat bei „Wetten, dass..?“ an. Er wollte nach einem Fallschirmsprung aus einem Hubschrauber an einem Reck landen und einen Salto drehen – Gienger verpasste aber das Reck um Zentimeter und verlor die Wette.
Gienger trainierte täglich vier bis sechs Stunden
Den Namen Eberhard Gienger musste Moderator Thomas Gottschalk damals nicht besonders erklären – auch Jahre nach seiner Sportkarriere und noch Jahre vor seiner Politikerkarriere war er bekannt. Geboren wurde Gienger am 21. Juli 1951 in Künzelsau. In seiner Heimatgemeinde führte eine schicksalhafte Begegnung zu seiner Sportkarriere. Das deutsche Turnen lag damals am Boden, bei Olympia 1964 in Tokio war die Bundesrepublik weit abgeschlagen. Da entdeckte der als „Turnopa“ bezeichnete Otto Zippies das Talent des Jungen.
Er förderte ihn und machte ihn so fit, dass er 1968 deutscher Jugendmeister wurde. Kurz darauf ging Gienger nach Frankfurt am Main in ein damals neu geschaffenes Turner-Internat. Gienger machte Abitur, trainierte täglich aber vier bis sechs Stunden.
Das harte Training zahlte sich aus: Gienger wurde 1971 erstmals Deutscher Meister. Bis 1981 holte er 36 Meistertitel in Turndisziplinen und war damit lange Rekordhalter, erst Fabian Hambüchen konnte ihn ablösen. Dreimal wurde er an seinem Paradegerät Reck Europameister, 1976 holte er Olympia-Bronze. Über allem steht aber der Weltmeistertitel von 1974. Daneben entwickelte er 1977 den Gienger-Salto, der bis heute zu den Standardelementen am Königsgerät der Turner zählt. Gienger war weit außerhalb des Sports bekannt und häufig Gast in Radio- und Fernsehsendungen.
1975 verhalf Gienger einem DDR-Turner zur Flucht
1980 platzte sein Traum von Olympia-Gold, weil die westlichen Staaten die Olympischen Spiele in Moskau boykottierten. Als einer der Athletenvertreter war Gienger damals an Gesprächen mit Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) beteiligt, der den Sportlern die weltpolitische Situation erläuterte. Wie Gienger später sagte, war dieser tiefe Einblick einer der Gründe für seine eigenen politischen Ambitionen.
Gienger hatte im Ost-West-Konflikt 1975 schon selbst Courage gezeigt: Damals schmuggelte er bei der Europameisterschaft in Bern seinen DDR-Konkurrenten Wolfgang Thüne im Auto in den Westen. Die Fluchthilfe hielten beide lange geheim, damit Gienger nicht für Wettbewerbe im Osten gesperrt würde – erst lange nach der Wende wurde sie bekannt.
Anfang Juni: Gienger landet einmal mehr butterweichGienger zog nach einer Tätigkeit im Sportmarketing und neben diversen Aufgaben als Sportfunktionär 2002 erstmals für die CDU in den Bundestag ein. Bis zur Bundestagswahl 2021 blieb er Abgeordneter und konnte stets seinen Wahlkreis Neckar-Zaber direkt gewinnen. Heute sitzt er noch im Gemeinderat in Künzelsau.
Im Bundestag machte sich der verheiratete Vater von drei erwachsenen Söhnen vor allem bei Belangen rund um den Sport einen Namen. Sein großes Ziel blieb aber ohne Umsetzung: Gienger plädierte für eine tägliche Sportstunde an allen Schulen. Ganz nach dem auch von ihm immer wieder verbreiteten alten Turnermotto: „Von der Wiege bis zur Urne, turne, turne, turne“.
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