7 Dinge, die mir von dieser WM in guter Erinnerung bleiben
Wir wussten es doch schon alle vorher: Der Gigantismus und die Selbstherrlichkeit Gianni Infantinos würden der Fußball-Weltmeisterschaft den letzten Rest Seele nehmen. Spätestens seit der Verleihung des Fifa-Friedenspreises hatten wir uns auf harte Momente der Fremdscham vorbereitet.
Der sportliche Reiz mit 48 Teilnehmern verwässert das Leistungsgefälle riesig. Tore, Tränen, Tickets – alles dem Kommerz geopfert. Dazu noch sechs Wochen zu Gast im Hause Trumps. Düstere Diabolik, so dass sich mancher schon nach Katar zurückwünschte. Das Ende schien nah.
Tatsächlich lieferte der US-Präsident einmal so richtig ab, überzeugte die Regelhüter der Fifa mit seinem grenzenlosen Sachverstand, sodass diese gar keine andere Wahl hatten, als die Sperre gegen US-Stürmer Folarin Balogun aufzuweichen.
Nach der Rücknahme einer roten Karte gegen Balogun bei der Fußball-WM steht Fifa-Präsident Infantino wegen mutmaßlicher Einflussnahme durch Trump in der Kritik. „Zwischen denen geht nichts mit rechten Dingen zu“, sagt Sportredakteur Walter M. Straten.Ansonsten aber blieb Trump bislang so überraschend unauffällig wie die deutsche Mannschaft im Achtelfinale. Und sonst? Vozinha und Kap Verde, Mexiko, Marokko und viele andere Spieler und Teams arbeiten hartnäckig gegen die drohende Apokalypse an. Und das durchaus erfolgreich. Es ist nicht mal annähernd so schlimm wie befürchtet. Wie viele wirklich schlechte Fußballspiele haben wir bislang gesehen? Drei? Vier? Früher war mehr Gewürge.
Womöglich hat der eine oder andere bei dieser WM sogar ein paar kleinere oder größere Dinge für sich entdeckt, die positiv im Gedächtnis bleiben. Bei mir sind es diese sieben:
Granatenstimmung ohne Raketen
Diese WM steht als Beleg, dass es keine organisierten Fanszenen, keine Riesenfahnen, Capos und Pyro für einen stimmungsvollen Rahmen braucht. Die Angst vor fachfremdem Publikum und ahnungslosem Event-Klatschvieh auf den Rängen war unbegründet. Stattdessen werden wir daran erinnert, dass 90 Minuten auch ohne Raketenbeschuss, Platzsturmangst und spielfernen Dauer-Singsang möglich sind.
Nach dem Viertelfinaleinzug gegen Brasilien ist die Freude bei Norwegens Spielern und Fans grenzenlos. Superstar Erling Haaland trommelt vor der Fankurve den Takt vor und lässt seine Landsleute mal wieder rudern. Sehen Sie die Szenen hier im Video.Entfernung und Ticketpreise dürften auch dafür gesorgt haben, dass es keine Bilder von Krawallen und Hooligan-Gemacke gab. Der Pöbel blieb bislang fern. Stattdessen jede Menge happy people: rudernd, singend, tanzend. Mal „naaaar links“, mal „naaar rechts“, mal mit und mal ohne Dudelsack. Bistro-Bestuhlungen flogen wieder mal nur durch europäische Innenstädte.
48 Torjingles und 702 weitere Songs
Purple Schulz mit „Der Kanal“ dürfte es wohl nicht gewesen sein, aber wir hätten gern erfahren, mit welchem Song man in Panama so zu feiern pflegt. Leider haben wir es bei dieser WM nicht erfahren. Die Nationalmannschaft erzielte in ihren drei Spielen leider keinen Treffer.
Die individuellen Torjingles, die die Verbände vor dem Turnier abgegeben hatten, machen Spaß und spiegeln die Vielfalt dieser XXL-WM musikalisch. Alles Geschmackssache, klar.
Ägyptens Songtitel klingt wie ein beim Ikea-Besuch am Samstagvormittag zufällig aufgeschnappter Gesprächsfetzen: „Wala Wa Amloha El Regala“, und Frankreichs „One more time“ passt zum Clubbesuch am Abend. Onda Sabaneras „El Matador“ (Argentinien) wird mich diesen Sommer sicher auch im Nach-WM-Urlaub begleiten. Auch „Tobeta Bango“ nach den Toren der DR Kongo, nicht nur unter Medizinern Dr. Kongo genannt, ist ein exotischer Hinhörer.
Und wer Erling Braut Haalands Vater Alf-Inge nach dem Sieg im Achtelfinale über Brasilien zu A-has „Take on Me“ durch die VIP-Reihen singen und tanzen sah, wird ihm auch das Sektglas beim Fußball verziehen haben.
Livin‘ on a Prayer
Ich fand Bon Jovi eigentlich immer peinlich. Typen, die sich Strähnen ins Haar färben und dann in schwarzer Lederjacke auf Rocker machen, waren einfach nie mein Ding. Sein „Livin‘ on a Prayer“ jedoch reifte bei mir persönlich ziemlich gut. Okay, der Song wäre jetzt nicht zwingend ein positiver und nennenswerter Aspekt dieses Turniers.
Aber wenn mein Kollege Stephan Flohr ihn unter seinen sieben nervigen Dingen dieser WM aufführt und den Gassenhauer mit DJ Ötzi und Macarena in einen Topf schmeißt, ist mein Gerechtigkeitssinn schwer getriggert.
Zumal die Stadion-Playlist der Fifa ja einige Alternativen bereithält. 750 Songs stehen den DJs in den Stadien, inklusive der Torjingles, zur Auswahl. Vieles von dem gefällt mir besser als das Gedudel in manchem Bundesligastadion.
Wettballern im Olymp
Viele Stars auf den Tribünen, vor allem aber auf dem Platz. Wo bei früheren Weltmeisterschaften alle vier Jahre angesichts dürftiger Leistungen der Top-Spieler Überbelastung und fehlende Regeneration im Profifußball diskutiert wurden, liefern die Granden ab wie nie.
Sekunden nach Senegals Anschlusstor stellt Kylian Mbappe in einer wilden Nachspielzeit den alten Abstand mit einem traumhaften Distanzschuss wieder her. Sehen Sie die zwei Last-Minute-Treffer hier im Video.Die Spitze der Torjägerliste liest sich so: Messi, Mbappé, Haaland, Bellingham, Kane, Dembélé. „So etwas habe ich noch nie gesehen“, zog auch Magenta-TV-Experte Mats Hummels die Augenbrauen hoch.
Gerade die Alten um Messi, Modric und Cristiano Ronaldo schwangen sich bei ihrem wohl letzten Turnier noch mal zur Götterdämmerung auf. Großartig.
Die Hecke von Guadalajara
In Guadalajara mäht der Greenkeeper nicht nur den Rasen, sondern schneidet auch die Hecke. Das Stadion ist mit begrünter Außenfassade und dem Bewuchs im Innenraum nicht nur für Gartenfreunde ein echter Hingucker.
Vor dem Spiel gegen England singen Spieler und Fans voller Inbrunst die mexikanische Hymne. Die außergewöhnliche Atmosphäre im Video.Das mythische Aztekenstadion erinnert die Fußballwelt mit Imposanz und Atmosphäre daran, wo der größte Tempel ihres Sports steht. Und auch außerhalb von Mexiko beeindrucken die Arenen. Mal mit lückenhaften Tribünen wie in Seattle, oder auch mit ihrer Lage: zentral und am Wasser in Vancouver. Kurzum: Die Stadien sind echte Hingucker: gigantisch und dennoch alles andere als charakterlose Betonschüsseln.
Kader bei der Hymne
Auf dem Weg ins Endspiel kommt es auf jeden einzelnen Spieler an. Auch die Nummer 19, 20 und 21 im Kader haben ihren Anteil am Erfolg. Jeder spielt eine wichtige Rolle. Die Sprüche gehörten zu Weltmeisterschaften immer schon dazu.
So wird eine Nationalhymne nur selten zelebriert: Vor dem sensationellen Remis gegen Spanien stellen sich Kap Verdes Spieler Arm in Arm zur Hymne auf und schunkeln dann zur Musik.Nun erhalten sie endlich auch die passende Symbolik: Vor dem Anpfiff, wenn die Hymnen erklingen, steht nicht mehr nur die Startelf auf dem Platz, sondern der gesamte Kader. Die Geste darf gern beibehalten und von der Uefa übernommen werden.
Hydration Breaks
Sie sind die einschneidendste Veränderung dieser WM, und da sie von der Fifa als Trojanisches Pferd ins Stadion geschoben wurden, können die zwei Trinkpausen nicht schöngeredet werden. Fans und Zuschauer sollten verarscht werden: Unter dem medizinischen Vorwand, den Spielern wegen der Hitze einmal pro Halbzeit eine geregelte Flüssigkeitszufuhr zu ermöglichen, wurde Raum für Werbemöglichkeiten im TV und Stadion geschaffen.
Die Trinkpausen während der WM-Spiele sorgen nach wie vor für Diskussionen. Auch im Sechzehntelfinale zwischen Co-Gastgeber Kanada und Südafrika machen die Fans ihrem Unmut Luft. Sehen Sie das Pfeifkonzert hier im Video.Die unlautere Einführung mal ausgeblendet, muss ich mir – ich wundere mich ehrlicherweise selbst darüber – eingestehen, dass mir die Stückelung des Spiels in Viertel durchaus gefällt. Die Tor-Zigarette, welche die Spielstandveränderung während der durch Nikotinsucht verursachten Abstinenz beschreibt, entfällt seitdem.
Und es muss ja auch gar nicht das Laster sein, für das die neuen Pausen ganz neue Möglichkeiten bieten. Mal kurz die Beine vertreten, eine kurze Dusche nehmen, noch schnell den Müll rausbringen, ohne eine Spielsekunde zu verpassen – oder sich Gedanken machen, wie der deutsche Fußball wieder in die Erfolgsspur gebracht werden könnte. Jede Idee scheint hilfreich.
Wenn Lutz Wöckener nicht gerade irgendeinen Sport im Selbstversuch ausprobiert, schreibt er über Darts und Sportpolitik, manchmal aber auch Abseitiges wie Fußball.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke