Der Schriftsteller Jorge Luis Borges fasste die ganze Absurdität in einem von Leo Tolstoi entliehenen Satz zusammen. „Als würden sich zwei Glatzköpfe um einen Kamm streiten“, sagte der Argentinier 1982 über den Falkland-Krieg mit England. Doch ebenso gut hätte er damit auch fast jedes Fußball-Duell der beiden Nationen beschreiben können.

Am Mittwoch (21 Uhr/ARD und MagentaTV) treffen beide Teams in Atlanta erneut aufeinander. Trotz des Superstars Lionel Messi sehen die Buchmacher England als leichten Favoriten für das Match. Das Team des deutschen Trainers Thomas Tuchel trat konstanter auf und eliminierte im Viertelfinale die WM-Sensation Norwegen, das zuvor Rekordweltmeister Brasilien ausgeschaltet hatte. Die Südamerikaner standen hingegen mehrfach am Rande des Ausscheidens.

Auf dem Papier ist dieses Spiel nur ein WM-Halbfinale. In der Realität aber ein weiteres Kapitel der wohl politischsten Rivalität im Fußball – und das erste, an dem Messi teilnimmt. Ein Rückblick.

1966: Kapitän Rattín zerknüllt eine englische Fahne

Die gepflegte Feindschaft begann am 23. Juli 1966 am englischen Sehnsuchtsort. WM, Viertelfinale, Wembley, England gegen Argentinien. Deren hühnenhafter Kapitän Antonio Rattín zoffte sich mit dem deutschen Schiedsrichter Rudolf Kreitlein. Weil Rattín nach zwei verbalen Verwarnungen unbeirrt weiterschimpfte, verwies ihn Kreitlein des Feldes. Rattín, der vergangenen Samstag gestorben ist, weigerte sich, den Platz zu verlassen. Das Spiel stand fast zehn Minuten still. Später führte die Fifa deshalb Gelbe und Rote Karten ein.

Schiedsrichter Kreitlein schickt Rattín (links) vom Platz. Aber der will nicht gehen

Beim Abgang zerknüllte Rattin eine englische Fahne. England gewann 1:0, und nach dem Schlusspfiff hinderte Trainer Alf Ramsey seine Spieler daran, mit den Argentiniern die Trikots zu tauschen. Später beschimpfte er sie sogar als „Tiere“. In Argentinien wurde das als koloniale Verachtung aufgefasst, die Wunde verheilte nie ganz.

1982: Ardiles und der Falkland-Krieg

Im April besetzte Argentiniens innenpolitisch angeschlagene Militärjunta die eigentlich unbedeutenden Falklandinseln im Südpazifik. Ein paar Tausend Schafe, ein paar Hundert Einwohner. Großbritannien schickte seine Streitmacht, man eroberte die Falklands zurück. Premierministerin Margaret Thatcher gewann an Zuspruch, in Argentinien wurde aus der Diktatur des Militärs 1983 eine Demokratie.

Auch im Fußball spürte man die Auswirkungen des Krieges. Osvaldo Ardiles, ein argentinischer Weltmeister von 1978, war zu Tottenham gewechselt und aufgrund seines eleganten Passspiels zu einem der beliebtesten Spieler der First Division avanciert. Einen Tag nach der Falkland-Invasion wurde Ardiles beim Pokalspiel gegen Leicester bei jeder Ballberührung ausgebuht. Einen weiteren Tag später flog er nach Buenos Aires, ließ sich später nach Paris verleihen. Ein Cousin von Ardiles war als Luftwaffen-Pilot im Krieg im Einsatz und wurde getötet.

1986: Die Hand Gottes, das Tor, die Rache

In der dünnen Luft des Aztekenstadions von Mexiko-Stadt nahm Diego Maradona mit den beiden wohl berühmtesten Toren der Fußball-Geschichte Rache. 22. Juni 1986, WM, Viertelfinale: Mit der „Hand Gottes“ beförderte Maradona den Ball an Peter Shilton vorbei ins englische Tor, sein Wunder-Solo krönte die Fifa später zum Jahrhundert-Tor. Argentinien siegte 2:1, wenig später wurde man Weltmeister.

Für Maradona war es immer mehr als ein Fußballspiel. Es sei, als hätte man ein ganzes Land besiegt, sagte er später. „Obwohl wir vor dem Spiel gesagt hatten, Fußball habe nichts mit dem Krieg zu tun, wussten wir, dass dort viele argentinische Jungs gestorben waren. Abgeschossen wie kleine Vögel. Das war Rache“, sagte Argentiniens Ikone. Shilton schlug gegenüber dem 2020 gestorbenen Maradona aufgrund des Tores erst vor rund drei Wochen erstmals versöhnliche Töne an.

1998: Der Feind war nicht Argentinien. Der Feind war Beckham

Es war das Spiel, an dem David Beckham fast zerbrach. 30. Juni 1998, WM, Achtelfinale. Das wohl bisher beste Spiel der beiden Nationen. Der erst 18 Jahre alte Michael Owen erzielte ein Solo-Tor von einer anderen Welt, Beckham trat nach einem Foul von Diego Simeone nach und sah die Rote Karte. In Unterzahl verteidigte England ein 2:2 bis zum Elfmeterschießen, verlor dort aber.

Rot für Beckham, in der Heimat beginnt die Jagd auf ihn

Die Zeit danach war für den 23-jährigen Beckham die reine Folter, viele Jahre später sprach er von einer depressiven Periode. Vor einem Pub wurde eine Beckham-Puppe erhängt. Der „Daily Mirror“ schrieb: „Zehn heldenhafte Löwen, ein dummer Junge.“ Zwei Tage später druckte man eine ganzseitige Dartscheibe mit einem Bild von Beckham in der Mitte. In großen Buchstaben stand darüber: „Noch immer sauer? Dann lass deine Wut an unserer David-Beckham-Dartscheibe aus.“

Der Feind war nicht Argentinien. Der Feind war Beckham. Es war die größte Hass-Kampagne der Geschichte gegen einen englischen Nationalspieler.

2002: Erlösung vom Punkt

Vier Jahre später schlug Beckhams Stunde. 7. Juni 2002, WM, Gruppenphase. Bei dem Spiel im japanischen Sapporo bekommt England einen Elfmeter zugesprochen. Kapitän Beckham tritt an, hämmert den Ball mit Vollspann in die Mitte des Tores. England gewinnt 1:0 – und Argentinien fährt schon nach der Gruppenphase nach Hause.

2012: „Agüeroooooo“

Das Skurrile an der Rivalität zwischen England und Argentinien ist die Liebe der Fans in der Premier League für die Spieler aus dem südamerikanischen Land. Sergio Agüero, Vater von Maradonas Enkel Benjamin, schoss das wohl berühmteste Tor des Jahrhunderts in der besten Liga der Welt. 3. Mai 2012, letzter Spieltag der Premier League. Manchester City braucht einen Sieg gegen Abstiegskandidat Queens Park Rangers. Bis in die Nachspielzeit liegt man 1:2 zurück, dann gleicht Edin Dzeko aus.

England steht im WM-Halbfinale. Dennoch war Thomas Tuchel nicht vollständig zufrieden mit der Leistung seiner Mannschaft – zum Unverständnis von Superstar Jude Bellingham. „Es zeigt, dass Bellingham nicht so ganz von ihm überzeugt ist“, sagt Jens Lehmann.

Nach exakt 93:20 Minuten setzt Sky-Kommentator Martin Tyler zu einem Kommentar an, der ihn unsterblich macht: „Agüeroooooo. Ich schwöre, Sie werden so etwas nie wieder sehen. Also schauen Sie hin, saugen Sie es auf.“ Agüero hatte City zum 3:2 und damit zum nicht mehr für möglich gehaltenen Titel geschossen.

Die Ironie des Duells der beiden Nationen liegt vor allem darin, dass britische Einwanderer den Fußball einst nach Argentinien brachten. Messis Jugendverein Newell’s Old Boys ist nach dem Engländer Isaac Newell aus der Grafschaft Kent benannt. Der war als Jugendlicher nach Argentinien ausgewandert und gründete dort eine Schule, an der er unterrichtete. Sein Sohn und andere Schüler zogen dann den Fußballklub auf. Als Vater des argentinischen Fußballs gilt der schottische Lehrer Alexander Watson Hutton. Er gründete 1893 den nationalen Fußballverband.

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