Allein ein Blick in den Onlineshop der Freakshow offenbart das ganze Ausmaß der Perversität: Testosteronpräparate, Abnehmspritzen und Peptide sind dort zu bekommen – sie dienen als kleine Finanzierungsgrundlage der großen Dopingspiele namens Enhanced Games. Nach einigen Jahren der Ankündigung kommt es nun tatsächlich zur Umsetzung des umstrittensten Sportevents der Neuzeit.

Vom 21. bis zum 24. Mai ist – passenderweise – das Zockerparadies Las Vegas die Gastgeberstadt der Leistungsschau ohne jegliche sportliche Moral. In der Leichtathletik, im Schwimmen und im Gewichtheben sind 41 Menschen in neun Disziplinen auf der Jagd nach neuen Bestmarken, pro Veranstaltung gibt es Prämien in Höhe von 500.000 US-Dollar, pro Weltrekord kommt eine Million hinzu.

So weit, so schlecht. Denn nicht nur Mediziner warnen vor fatalen gesundheitlichen Folgen bei den vermeintlichen Athleten – auch jeder Hobbysportler weltweit könnte nun völlig entrückt Anabolika mit Verweis auf die Enhanced Games an sich austesten. Was in den 1970er-Jahren in der Pumperbranche weit verbreitet war, könnte sich nun wiederholen. Mit noch weitaus dramatischeren Auswirkungen. Schließlich ist auf der Suche nach neuen Grenzerfahrungen in der Welt der Enhanced Games und ihrer Vermarkter so ziemlich alles erlaubt, was Labore derzeit zur Leistungssteigerung hergeben.

Weltmeister und Olympiasieger gehen an den Start

Wer je an den traditionellen, sportlichen Wettkampf geglaubt hat, wer der originären Idee auch heute noch vorbehaltlos gegenübersteht, kann über die bevorstehenden vier Tage in Las Vegas nur eines sein: empört. Und wer wie der Autor dieser Zeilen als Redakteur die Dopingszene im Radsport rund um Lance Armstrong und Jan Ullrich hautnah begleitet hat, bei dem schlägt Empörung in Entsetzen um.

Auf der Suche nach neuen Supermenschen scheint den Machern der Enhanced Games jedenfalls jedes Mittel recht zu sein – und schwerwiegende gesundheitliche Folgen bei den antretenden Athleten nehmen sie in Kauf. Fair Play wird von den Initiatoren der Dopingspiele mit Füßen getreten und leichtfertig ein Verrat an den Idealen des Sports verübt. Das Konzept ist gleichermaßen unverantwortlich wie gefährlich und ob möglicher Nachahmungseffekte in Sachen Vorbildfunktion sogar menschenverachtend.

Die große Frage, die sich dem geneigten Betrachter stellt, ist folgende: Warum zählen durchaus namhafte Sportler zum Teilnehmerfeld, obwohl das Image der Veranstaltung ein mehr als mieses ist? Zu den Athleten, die sich in der kommenden Woche den enthemmten Spielen hingeben, gehören etwa Schwimm-Olympiasieger Joseph „Hunter“ Armstrong oder Leichtathlet Fred Kerley, der bei den Sommerspielen 2021 Silber im 100-Meter-Sprint gewann und 2024 Bronze holte.

Fred Kerley nach seinem dritten Platz bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris

Kraftsportler Hafthor Björnsson, der durch seine Rolle als Gregor Clegane (genannt „der Berg“) in der Serie „Game of Thrones“ bekannt wurde, oder Schwimm-Weltmeister Ben Proud zählen gleichsam zu den Protagonisten der schlecht beleumundeten Veranstaltung in Las Vegas. Einige Sportverbände haben bereits angekündigt, die dann dopingerprobten Teilnehmer künftig von traditionellen Wettkämpfen auszuschließen. Mithin dürften die bisherigen Karrieren der Athleten in Kürze beendet sein.

Doch davon lassen sich die wenigsten abschrecken – wohl auch wegen der hohen Preisgelder, die es zu verdienen gibt. Auch zwei Starter aus Deutschland sind trotz der zu erwartenden Verbannung mit dabei: Schwimmer Marius Kusch und Leichtathlet Michael Bryan. Insbesondere der prominente Kusch, Europameister von 2019 und WM-Bronzemedaillengewinner von 2022, musste nach seiner Startankündigung harte Kritik einstecken. In einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ wies er aber vor allem auf monetäre Beweggründe hin: „Über mein genaues Gehalt will ich nicht reden. Sagen wir es so: Ich bräuchte im traditionellen Sport zehn bis 15 Laufbahnen.“

Geld als Antrieb für Doping: Marius Kusch

Finanziert wird die Suche nach den neuen sportlichen Monstern der Branche neben den Einnahmen aus dem fragwürdigen Onlineverkauf im Wesentlichen von drei prominenten Personen. Der australisch-amerikanische Unternehmer Aron D'Souza hat die Enhanced Games gegründet und kann auf einige finanzielle Schwergewichte im Hintergrund bauen. So zählt etwa der in Frankfurt am Main geborene Milliardär Peter Thiel zu den Unterstützern der Dopingspiele. Der 58-Jährige hat den Online-Bezahldienst PayPal ins Leben gerufen und später den Überwachungssoftware-Konzern Palantir. Für einen wie ihn, der laut Forbes ein Vermögen von 28,4 Milliarden US-Dollar angehäuft hat, sind derartige Investments vermutlich eher im Bereich von Peanuts anzusiedeln.

Gleiches dürfte auf Christian Angermayer zutreffen. Auch er stammt aus Deutschland – 1978 in Wiesau/Bayern geboren –, auch er wurde zum Selfmade-Milliardär. Zudem zählt 1789 Capital, eine Investmentfirma, die von Donald Trump Junior unterstützt wird, zu den weiteren wichtigsten Geldgebern der umstrittenen Spiele. Ziel der ersten Veranstaltung sei es, die menschlichen Leistungsgrenzen durch medizinische Hilfsmittel zu sprengen, gibt Gründer D'Souza unumwunden zu.

Viele Warnsignale

Trotz der Propaganda der Veranstalter warnen Experten aber schon vor dem Start vor den Folgen der Enhanced Games. „Die Dopingspiele sind nicht das Gegenteil des normalen Spitzensports, sondern seine radikalisierte Form. Auch der legale Sport arbeitet längst an Grenzen: Training, Ernährung, Regeneration, Material und Diagnostik werden permanent optimiert“, sagt Professor Swen Körner im Gespräch mit WELT AM SONNTAG. „Die Dopingspiele verschieben diese Grenze. Sie machen aus dem Verbotenen ein vermarktbares Angebot. Sie inszenieren Doping als Transparenz, Innovation und Selbstbestimmung.“

Die im Sport ohnehin vorhandene Steigerungslogik werde dadurch enthemmt, warnt der Leiter der Abteilung für Trainingspädagogik und Martial Research an der Deutschen Sporthochschule Köln. „Trainingspädagogisch ist das kritisch. Der Körper erscheint dadurch noch stärker als Optimierungsressource. Für junge Sportler ist das Signal problematisch: Professionell ist, wer alle verfügbaren Mittel nutzt. Genau dadurch verliert Selbstbegrenzung an Wert“, so Körner weiter. „Die Gefahr liegt also nicht nur im Doping selbst, sondern in der Botschaft: Die Grenze des Sports ist nicht mehr pädagogisch oder gesundheitlich begründet, sondern nur noch eine verschiebbare Markierung.“

Verschobene Grenzen und steuerbare Sportler als Versuchskaninchen einer hyperreichen Elite – das sind die Kennzeichen der Enhanced Games. Dass die Organisatoren um D'Souza, Thiel und Co. darauf verweisen, Sportärzte würden die Veranstaltung engmaschig begleiten, ist an Hohn kaum zu überbieten. Und geradezu so, als erlaube man es einem Fahranfänger, mit 250 km/h über die Autobahn zu preschen, mit dem Verweis darauf, dass man einige Krankenwagen an der Strecke platziert habe. Wer bei all diesen Warnsignalen immer noch ungehemmte Vorfreude auf das Event verspürt, hat den ehrlichen Sport nie geliebt.

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