„Bei Real und Liverpool entscheidet der Verein, beim FC Bayern entscheiden die Berater“
Er ist einer der kritischsten Geister des deutschen Fußballs. Niemand polarisiert so sehr wie Dietmar „Didi“ Hamann – weil der Sky-Experte regelmäßig die härtesten und provokantesten Meinungen präsentiert. Jetzt gibt es die geballte Ladung.
Der Champions-League-Sieger von 2005 hat (gemeinsam mit dem Journalisten Oliver Fritsch) ein Buch geschrieben: „Der Spielverderber“ (20. Mai, Goldmann Verlag, 18 Euro).
Der 52-jährige Hamann sagte dieser Redaktion: „Viele Leute sehen mich als Spielverderber, ich selber sehe mich nicht so. Deshalb finde ich den Titel richtig gut. Ich habe eben meistens eine andere Sichtweise auf viele Dinge, oft andere Quellen und Informationen. Und eine eigene, einigen Leuten unbequeme Meinung.“
Buch-Cover „Der Spielverderber“ von Didi Hamann, Penguin/GoldmannUnd warum 45 Wahrheiten? „Ich habe anfangs gar nicht gedacht, dass ich so viele zusammenbringe, aber es wurden immer mehr“, sagt der ehemalige Nationalspieler (59 Einsätze). „Mal sehen, wenn die Menschen die erste Halbzeit lesen wollen, liefere ich vielleicht noch eine zweite hinterher. Es gibt so viel zu besprechen im deutschen Fußball.“
Diese Redaktion veröffentlicht in zwei Teilen vorab exklusiv Auszüge aus Didi Hamanns erstem Buch in Deutschland.
Eine Hamann-These: „Unter Vincent Kompany laufen die Bayern viel. Zu viel?“
Seine Erklärung: „Ja, ist denn heute schon das Finale? Das fragte ich mich am 4. Spieltag der Gruppenphase im November 2025, die Bayern spielten in Paris. In der Vorrunde der Champions League lassen es die großen Vereine meist ein bisschen ruhiger angehen. Doch die Bayern legten an diesem Abend eine Leidenschaft an den Tag, als ginge es um alles. Sie überrannten den verblüfften Titelverteidiger. Ich habe noch den fassungslosen Blick des Abwehrchefs Marquinhos vor Augen, als der wieder mal von einem Gegenspieler wild angelaufen wurde, der ihm den Ball abjagte.
„Was ist mit euch los?“, stand in einer imaginären Sprechblase über seinem Kopf. „Wir kommen doch beide gemütlich in die K.-o.-Phase.“ Luis Díaz mag diesen Fußball. Der kolumbianische Stürmer schoss zwei Tore, sah aber – bezeichnend für diese Spielweise – nach einem Foul an der Mittellinie kurz vor der Pause die Rote Karte. In der zweiten Halbzeit verteidigten die Bayern ihren Erfolg trotz Unterzahl. Über den 2:1-Sieg der Bayern sprach Europa – sowohl über das Ergebnis, aber noch mehr über den atemlosen und unwiderstehlichen Fußball. Die Daten ergaben für sie eine Gesamtlaufdistanz von 125,4 Kilometern.
Der FC Bayern scheitert im Champion-League-Halbfinale an Paris Saint-Germain. Im Rückspiel erreichten die Münchner lediglich ein 1:1 gegen den Titelverteidiger. Der Frust auf Schiedsrichter Joao Pinheiro ist groß. Das kann BILD-Fußballchef Christian Falk nachvollziehen, sagt aber ebenso: "Der FC Bayern hatte nicht seinen besten Tag."Der Gegner kam, obwohl eine Halbzeit lang ein Mann mehr, auf 122. (...) Die Bayern laufen generell sehr viel, seit Vincent Kompany ihr Trainer ist. Gemäß bundesliga.de stieg seine Mannschaft in der heimischen Liga im Ranking der intensiven Läufe von Platz 17 in der ersten Saison auf Platz vier, in der Hinrunde der zweiten auf Platz drei. (...) Diese Retro-Taktik verlangt Intensität. Normalerweise sind das die Mittel des kleinen Mannes. Der Außenseiter kann durch Einsatz spielerische Mängel wettmachen. Vielleicht fühlen sich die Bayern ja so in der Champions League. Zuletzt standen sie 2020 im Finale. Wollen sie jetzt etwas aufholen, müssen sie Glauben tanken? Kompensieren sie einen spielerischen Mangel mit Intensität?
Laufdaten müssen nicht direkt mit der Tabelle korrelieren, es gibt keine ideale Laufleistung im Fußball. Doch erfolgreiche Mannschaften laufen meist weniger, besitzen öfter den Ball, müssen ihn seltener erobern, spielen dank technischer Überlegenheit effizienter. (...) Ich bin daher skeptisch, ob Kompanys All-in-Fußball eine Strategie von Dauer sein wird. Wie oft kann ein Sportler alles aus sich herausholen? Wie lange ziehen alle mit? Wem kommt dieser Fußball überhaupt entgegen? Nicht alle sind, wie Luis Díaz, Konrad Laimer und Joshua Kimmich, Verfechter von Sekundärtugenden.
Wenn ich mir zwei Bayern-Profis überlegen müsste, denen Gerenne am wenigsten liegt, würde ich Harry Kane nennen, der in Paris nicht weiter auffiel, und Jamal Musiala, der zu dieser Zeit verletzt war. Das sind immerhin die zwei Topverdiener. Und die Bayern werden nicht immer auf unvorbereitete Gegner treffen, die sie überraschen und überfallen können. Den Sieg in Paris feierten sie wie einen WM-Titel, sie waren auch zu Werke gegangen wie in einem WM-Finale. Mein erstes Gefühl nach dem Spiel war: Beeindruckend! Mein erster Gedanke am Tag danach: Vielleicht war das bereits ihr Saison-Höhepunkt. November wäre dafür allerdings die falsche Zeit. Im April und Mai muss man in Topform sein. Dann steigen die wichtigen Spiele. Sonst gilt immer noch die ewig gültige Weisheit von Sepp Herberger: „Die beste Kondition hat der Ball.“
Nächste These: „Man weiß noch nicht, wie gut Julian Nagelsmann ist.“
Hamann schreibt: „Julian Nagelsmann ist bereits zehn Jahre Trainer im Profigeschäft und noch immer keine 40. Würde er das WM-Finale von New Jersey gewinnen, wäre er mit 38 Jahren der zweitjüngste Weltmeistertrainer aller Zeiten. Nur der Uruguayer Alberto Suppici war 1930 noch jünger (31), damals waren Trainer aber nur für Athletik und Fitness zuständig, Taktik und Aufstellung regelten die Führungsspieler (…) Nagelsmann ist der charismatischste und talentierteste aus der Trainerschule, die in Deutschland viele Jahre angesagt war. Mehmet Scholl nannte sie „die Studenten“. Ihnen prophezeite man die Zukunft. Doch Hannes Wolf, Domenico Tedesco, Alexander Nouri und Florian Kohfeldt gewannen keine Meisterschaften. Nagelsmann stürzte nicht. Aber das ganz große Versprechen, dass er seine Mannschaften dauerhaft auf ein neues Niveau bringt, hat auch er noch nicht erfüllt.
Man weiß noch nicht, wie gut der Trainer Nagelsmann ist. (…) Die wechselnden Leistungen (der deutschen Nationalmannschaft) hat Philipp Lahm, dessen Urteil ich schätze und mit dem ich mich gelegentlich austausche, in einem Interview mit der „Sport Bild“ mit den vielen Wechseln in System und Aufstellung erklärt. Manches war Verletzungen geschuldet, aber Nagelsmann neigt auch dazu, zu viel zu rotieren. Er sagt, dass er die Formation und Taktik nach dem Gegner ausrichte. In den sechs Quali-Spielen zwischen September und November setzte er auf vier verschiedene Abwehrreihen und zwei unterschiedliche Systeme. (…) Ich sehe das anders. Erstens sollten sich die Gegner an Deutschland orientieren, nicht umgekehrt. Zweitens darf und soll sich ein Trainer zwar in gewissem Rahmen ausprobieren, aber irgendwann braucht eine Mannschaft Konstanz. Das ist wichtig für Zusammenspiel und Zusammenhalt.
Eine frisch erschienene Dokumentation über den WM-Titel von 1990 erinnert nochmals an diesen großartigen Triumph. „Es war ein großer Zusammenhalt, keiner hat sich selbst in den Vordergrund gestellt“, sagt Deutschlands Rekordnationalspieler Lothar Matthäus im Gespräch bei WELT TV.Ich hatte nicht immer das Gefühl, dass eine Einheit auf dem Platz stand.(…) Wenn es etwas werden soll im Sommer 2026, muss sich Deutschland um Klassen steigern. Möglich ist das, wenn Nagelsmann noch vor dem ersten WM-Spiel eine Stammelf identifiziert und auf sie setzt. Wenn er Achsen baut. (…) Was die Einschätzung der Gegner betrifft, gebe ich Julian Nagelsmann übrigens recht. Deutschland hätte es in der Vorrunde kaum schwerer erwischen können. Die Elfenbeinküste war 2024 Afrikameister, sie ist physisch sehr stark. Wenn ich ein Team nennen müsste, dem ich bei der WM eine Überraschung zutraue, würde ich Ecuador nennen. Womöglich ist nicht mal Curaçao der Außenseiter, wie es klingen mag. Andererseits, wenn die Nationalmannschaft diese Vorrunde (…) als Erster beenden sollte, ist sie für den Rest gerüstet. Wenn Deutschland erst mal in Fahrt ist, geht was. So war das in der guten alten Zeit der Turniermannschaft. Vielleicht hilft es, die Vergangenheit zu beschwören.“
These: „Bei Real und Liverpool entscheidet der Verein, beim FC Bayern entscheiden die Berater.“
In diesem Kapitel schildert Hamann, wie kritisch er das Gehaltsgefüge beim FC Bayern sieht: „Manchmal habe ich den Eindruck, bei Real, Barca, PSG, Liverpool und City entscheidet der Verein, beim FC Bayern entscheiden die Berater. Oder sonst wer. Die Verhandlungen mit Dayot Upamecano zogen sich fast ein Jahr, was sein Agent dazu nutzte, bei anderen Vereinen hausieren zu gehen. Mit Leroy Sané wollten die Bayern verlängern, gaben ihm Zeit bis in den August. Doch er ging lieber in die türkische Liga zu Galatasaray Istanbul. Es war der Spieler, der die Entscheidung traf. Wäre Sané geblieben, hätten die Bayern nicht Luis Díaz geholt. Und es waren die Stuttgarter, die den Weg von Woltemade festlegten: nicht zu Bayern, sondern für mehr Geld nach Newcastle. Das war für alle Beteiligten vermutlich das Beste.
Ich frage mich, welche Position er neben Harry Kane hätte spielen sollen. Dass Wirtz etwa nicht aus finanziellen Gründen zu Liverpool ging, sollte den Bayern zu denken geben. In München hätte er wohl mindestens genauso viel verdient. Damit sind wir beim nächsten Punkt: Bayern bezahlt seine Spieler zu gut. Diaz hat sein Gehalt in München im Vergleich mit Liverpool mindestens verdoppelt. Joshua Kimmichs Vertrag wurde zu denselben Bezügen um vier Jahre verlängert, mit Ablauf wird er 34 sein. Upamecano wurden wohl satte 20 Millionen Euro pro Jahr angeboten (…). Eine exorbitante Summe streicht auch Alphonso Davies ein. Sein Vertrag läuft bis 2030.
Das spricht sich natürlich unter Beratern herum. Wenn der so viel bekommt, warum soll ich für weniger arbeiten? Dieses Denken ist weit verbreitet, nicht nur unter Fußballprofis. Dass der FC Bayern das Gehaltsgefüge gedrückt habe, wie er zu verstehen gibt, ist ein Märchen. Der prägnanteste Beleg ist Jamal Musiala. Sein Vertrag ist genauso langfristig angelegt wie der von Davies und sieht nicht wie kolportiert 25 Millionen vor, sondern meines Wissens bis zu 30 Millionen Euro im Jahr, zuzüglich Beraterhonorar. Das halte ich für einen 22-Jährigen für viel zu viel. Das Gehalt von Musiala muss einem Sorgen bereiten (…) Es würde mich überraschen, wenn das auf seine Leistung dauerhaft positiven Einfluss hat. In der Kabine wird er nun nicht mehr als Talent gesehen, dem man einiges nachsehen sollte, sondern als der Spitzenverdiener, der ein höheres Gehalt einstreicht als der Kapitän von England – und der nun liefern muss.“
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