Was sich beim FC Bayern jetzt ändern muss
Kurz nach Mitternacht richtete der Chef den Blick trotz all seiner Enttäuschung nach vorn. „Ich bin schon jetzt motiviert für die nächste Saison“, sagte Vincent Kompany rund eine Stunde nach dem 1:1 (0:1) seines FC Bayern im Rückspiel des Halbfinales der Champions League gegen Paris Saint-Germain in der Nacht zu Donnerstag.
Der belgische Trainer des deutschen Fußball-Rekordmeisters saß im Pressesaal des Münchner Stadions, er kam gerade aus der Kabine. Kompany ärgerte sich wie seine Spieler um Superstar Harry Kane auch über die Leistung des Schiedsrichters João Pinheiro aus Portugal. Doch zu lange hadern wollte er nicht: „Die Mannschaft kennt mich. Ich habe nicht diese Fähigkeit, lange enttäuscht zu sein.“
Kompany sprach gefasst. „Ich weiß, wie schwer es ist, diesen Preis zu holen“, sagte er zum Gewinn des wichtigsten Vereinstitels. Der 40-Jährige betonte, Details hätten die Partie entschieden. Er analysierte die Schlüsselmomente, darunter einer für ihn klaren Gelb-Roten Karte für PSG-Verteidiger Nuno Mendes oder der für ihn unverständlichen Regelauslegung bei einem Handspiel von João Neves im Strafraum. Er hoffe, dass „diese Details“ in der nächsten Saison zugunsten seines Vereins ausfielen.
„Trotzdem will ich nichts wegnehmen von Paris, das ist eine Top-Mannschaft“, so Kompany. Der Titelverteidiger trifft im Finale am 30. Mai in Budapest auf den FC Arsenal mit dem deutschen Nationalspieler Kai Havertz. Der Traum der Bayern vom dritten Triple der Klubgeschichte ist geplatzt.
Die Bayern begeisterten in der Champions League
Die in der Tat durchwachsene Leistung des Schiedsrichters war längst nicht der einzige Grund dafür, dass die Münchner den Finaleinzug verpassten. An diesem Abend fehlten ihnen Präzision, Effektivität und Cleverness. Und Schlüsselspieler in Topform. „Die Bayern wirkten nicht in Bestform“, schreibt die englische Zeitung „The Guardian“.
Auch ohne Finaleinzug – die Bayern spielten eine gute Saison in der Champions League. Sie begeisterten Fans mit vielen Toren und einer attraktiven Spielweise. Doch sie nehmen zu viele Gegentore hin. Ihre Spielweise geht nicht ohne Risiko. Dieses mussten sie zuletzt aber zu teuer bezahlen.
Im Rückspiel gegen Paris war es ein Konter, der bereits nach drei Minuten zum Rückstand führte. Die Bayern müssen defensiv stabiler werden, das zeigten nicht nur die vergangenen Partien in der Bundesliga. Im packenden Viertelfinale gegen Real Madrid bekamen sie bereits vier Gegentore in zwei Spielen und lagen allein im Rückspiel gegen die Spanier dreimal hinten. Der FC Arsenal ist gegen Atlético Madrid mit zwei erzielten Toren (und lediglich einem Gegentreffer) ins Finale eingezogen. Die Bayern sind mit fünf Toren gegen den Titelverteidiger ausgeschieden.
Doch auch die Offensive war im Rückspiel gegen Paris nicht so wuchtig wie sonst. Der deutsche Meister erspielte sich recht wenig Torchancen, in der ersten Halbzeit gab er gerade mal einen Torschuss ab. Erst zum zweiten Mal in dieser Saison erzielte Kompanys Mannschaft zu Hause lediglich ein Tor.
Olises schwächste Leistung
Kane, Michael Olise und Luis Diaz sowie Jamal Musiala konnten nicht die erhofften Akzente setzen. Olise ist in dieser Saison der herausragende Spieler – bitter für die Bayern, dass der Franzose in der bislang wichtigsten Partie dieser Spielzeit seine schwächste Leistung zeigte.
Die Bayern fanden gegen die sehr gut und clever verteidigenden Pariser kein Mittel, PSG war reifer. An diesem Abend war es von den Münchnern deutlich zu wenig. Paris war über beide Spiele betrachtet um die entscheidenden Prozentpunkte besser. Die Mannschaft des spanischen Trainers Luis Enrique sorgte mit ihrer taktischen Flexibilität dafür, dass sich die Münchner Offensivwucht nicht entfalten konnte. „Wir waren heute keine Killer“, stellte Kapitän Manuel Neuer ernüchtert fest.
Bayerns Verteidiger Josip Stanisic (r.) im Zweikampf mit PSG-Star Desire Doue„Am Ende lag es auch nicht am Schiedsrichter, dass wir das Spiel nicht gewinnen konnten“, sagte Außenverteidiger Josip Stanisic. „Uns hat vielleicht das Quäntchen Glück gefehlt. In zwei Spielen gibt es Situationen, wenn man in denen ein bisschen besser verteidigt oder das Spiel auf seine Seite lenken kann, dann sieht das Ganze ganz anders aus. Man muss am Ende sagen, dass uns ein Tor gefehlt hat, um zumindest in die Verlängerung zu kommen.“
Max Eberl: „Wir müssen dieses Jahr etwas daraus lernen“
Nach dem Aus und Kompanys ersten Gesprächen mit den Spielern richteten viele im Klub den Blick nach vorn. „Es hat noch nicht ganz gereicht“, sagte Sportvorstand Max Eberl: „So einen großen Titel zu holen, ist ein Stück weit auch eine Reise. Wir haben vergangenes Jahr was gelernt, wir müssen dieses Jahr etwas daraus lernen. Und dann werden wir nächste Saison wieder angreifen.“
Im vergangenen Jahr schieden die Bayern im Viertelfinale aus (gegen Inter Mailand), dieses Jahr schafften sie es ins Halbfinale. 2027 dann ins Finale? „Ich bin der Überzeugung, dass wir es nächste Saison schaffen, noch mal einen Schritt zu machen“, betonte Kompany: „Das ist auch mein Job.“
Auch Joshua Kimmich glaubt fest an den Königsklassen-Triumph. „Ich glaube nicht, dass uns das irgendwie umwerfen oder vom Weg abbringen wird“, sagte der 31-jährige Kapitän der Nationalmannschaft: „Ich sitze da in der Kabine und habe das Gefühl, dass ich mit dieser Mannschaft die Champions League noch gewinnen kann. In dieser Saison nicht – darum ist die Enttäuschung groß.“
Er habe Vertrauen, „dass da wirklich etwas zusammenwächst. Es war vergangene Saison schon ganz gut. In dieser Saison waren wir ein Stück weit näher dran gegen ein sehr starkes Paris.“ Und Kane sagte: „Wir haben bislang eine fantastische Saison gespielt. Wir streben stets nach Verbesserung. Der Trainer arbeitet unermüdlich daran, uns weiterzuentwickeln, und genau diese Mentalität müssen wir für unseren Fußball verinnerlichen.“
Der WELTMeister-Podcast
Immer montags bitten die WELT-Reporter Lutz Wöckener und Lars Gartenschläger zum Blind Date mit einem Champion. Einer lädt den Gast ein, der andere führt das Gespräch, muss aber zunächst herausfinden, um wen es sich dabei überhaupt handelt. Die Zuhörer können mitraten.
Abonnieren Sie WELTMeister bei Spotify, Apple Podcasts oder direkt per RSS-Feed.
Die Bayern brauchen in diesem Sommer keinen Umbruch. Doch mehr Breite im Kader ist wichtig, zumal Mittelfeldprofi Leon Goretzka keinen neuen Vertrag erhält. Eberl und Sportchef Christoph Freund arbeiten daran, den kostspieligen Kader punktuell zu verstärken.
Für die Offensive soll Anthony Gordon von Newcastle United kommen, der englische Klub fordert aber offenbar noch 85 Millionen Euro für den 25-jährigen. An dem Flügelspieler der englischen Nationalelf ist wohl auch der FC Barcelona interessiert.
Denkbar sind auch Verpflichtungen für die Abwehrkette, ein weiterer Außenverteidiger würde dem Kader guttun. Zudem würden Alternativen in der Offensive helfen – der vom FC Chelsea geliehene Stürmer Nicolas Jackson wird den Klub im Sommer wieder verlassen.
„Wir sind jetzt wieder wirtschaftlich gesund“
In dieser Saison der Champions League dürften die Bayern rund 150 Millionen Euro eingenommen haben. Ehrenpräsident Uli Hoeneß sagte bei DAZN: „Wir sind jetzt wieder wirtschaftlich gesund. Wir können uns, wie früher, einen Spieler für 50 Millionen Euro leisten, ohne auf die Bank zu gehen.“
Trainer Kompany darf nach der sehr positiven Entwicklung der Mannschaft in den ersten zwei Jahren seiner Amtszeit Zugänge fordern. Die Bayern sind bereit, zu investieren. Und brauchen künftig internationale Erfolge, auch aus finanzieller Sicht. Sie gehören zu den Top vier Europas. Und wollen da unbedingt bleiben. „Wir sind nicht naiv: Es wird immer schwerer, sich vor allem gegenüber der Premier League und ihren wirtschaftlichen Möglichkeiten zu behaupten“, sagte Klubchef Jan-Christian Dreesen kürzlich.
Jan-Christian Dreesen ist Vorstandschef des FC Bayern und sieht seinen Klub vor HerausforderungenZunächst richtet sich der Fokus der Bayern jetzt aber auf den 23. Mai. An diesem Tag treten sie im Finale des DFB-Pokals in Berlin gegen den Titelverteidiger VfB Stuttgart an. „Es ist super, dass wir dieses Finale haben. Das ist der mögliche Double-Gewinn“, sagte Torwart Neuer.
Mit zwei Titeln und einem Halbfinal-Aus gegen den Titelverteidiger der Champions League wäre es eine ausgesprochen gute Saison der Bayern. Für eine sehr gute, für eine herausragende Saison mit Finalteilnahme in der Königsklasse muss die Mannschaft den nächsten Schritt machen.
Julien Wolff ist Redakteur im Sportkompetenzcenter. Er berichtet für WELT seit vielen Jahren über den FC Bayern, die Nationalmannschaft sowie über Fitness-Themen. Beim Rückspiel gegen Paris saß er auf der Pressetribüne des Münchner Stadions.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke