Bundestrainer ­Julian Nagelsmann verschob seine ­Kadernominierung für die Weltmeisterschaft vom 12. auf den 21. Mai, um die Situation von verletzten Spielern besser einschätzen zu können. Bastian Schweinsteiger, Weltmeister von 2014 und jetzt Experte in der ARD, legt sich auf eine WM-Elf der deutschen Nationalmannschaft fest.

Frage: Herr Schweinsteiger, die große Diskussion der vergangenen Wochen drehte sich um Manuel Neuer. Was würden Sie tun, wenn Sie in der Position von Bundestrainer Julian Nagelsmann wären?

Bastian Schweinsteiger: Wenn ich jetzt Bundestrainer wäre, würde ich bei Manuel Neuer anrufen. Für mich ist er der beste Torwart und spielt aktuell auf einem Top-Niveau. Aber das Thema hat sich ja eigentlich erledigt.

Frage: Wie bewerten Sie die Nummer eins, Oliver Baumann?

Schweinsteiger: Bei der Nationalmannschaft hat er richtig, richtig gut gehalten, keine Fehler gemacht. Von daher hat er es sehr verdient, die Nummer eins zu sein. Ich mag ihn auch als Persönlichkeit sehr. Klar ist es nicht so, dass er jedes Jahr mit Hoffenheim in der Champions League spielt. Aber sie spielen gerade eine super Bundesliga-Saison.

Oliver Baumann (l.) geht als Nummer eins in die WM, Manuel Neuer ist trotz Abwesenheit allgegenwärtig

Frage: In der Abwehrkette sind Joshua Kimmich und David Raum auf rechts und links gesetzt. Für die Innenverteidigung gibt es drei Kandidaten für zwei Plätze. Wen würden Sie einsetzen?

Schweinsteiger: Jonathan Tah spielt bei Bayern echt eine tolle Saison. Daher würde ich ihn aufstellen. Daneben Nico Schlotterbeck. Er hat alles, um ein ganz großer Anführer in der Nationalmannschaft zu sein. Wenn er sein Spiel, das er kann, auf den Platz bringt, würde er uns enorm verbessern. Wenn er die individuellen Fehler vermeiden kann, wird er ein Top-Innenverteidiger. Aber auch er ist natürlich abhängig davon, wie sich die vorderen Spieler anbieten. Da muss es eine Symbiose zwischen den Mittelfeldspielern, den Offensivspielern und auch den Verteidigern geben. Sowohl mit Ball als auch ohne Ball.

Frage: Kann ein Antonio Rüdiger als Back-up von der Persönlichkeit her funktionieren?

Schweinsteiger: Auf jeden Fall. Toni spielt bei Real Madrid. Er weiß genau, worauf es ankommt bei einem Weltmeisterschafts-Turnier. Es gibt mit Sicherheit für Julian Nagelsmann die Möglichkeit, auch einmal mit drei Innenverteidigern zu spielen. Zum Beispiel, wenn er Schlotterbeck mehr nach links zieht.

Frage: Wen stellen Sie auf die Doppelsechs?

Schweinsteiger: Gerade Aleksandar Pavlovic hat im letzten halben Jahr einen unfassbaren Sprung gemacht. Ich sehe ihn als den Shootingstar. Ballsicher, laufstark, zweikampfstark, sehr guter Ballverteiler. Den sehe ich als richtigen Stabilisator, wie in einer Rodri-Position.

Frage: Und daneben?

Schweinsteiger: Dort sehe ich Leon Goretzka, denn Felix Nmecha ist nach seiner Verletzung noch auf dem Weg zurück. Leon bringt diese Physis mit, die du brauchst, gerade in Amerika, bei den Uhrzeiten, zu denen du spielst. Da musst du wie Leon läuferisch auf einem ganz hohen Niveau sein. Es sind zwei Spieler, die bei Bayern München eine Top-Saison spielen. Insgesamt würde ich als Bundestrainer natürlich gerade versuchen, auf viele Bayern-München-Spieler zu setzen, weil sie diesen Top-Schwung von ihrem Verein haben.

Frage: Bayerns Serge Gnabry fällt verletzt aus. Wie wirbelt das den Offensivbereich durcheinander?

Schweinsteiger: Als Mittelstürmer würde ich Kai Havertz bringen. Dazu sollten Florian Wirtz und Jamal Musiala in den Halbräumen spielen. Die beiden sind dort die Freigeister.

Frage: Musiala kehrte Anfang 2026 von seinem Beinbruch zurück, wirkte zunächst verständlicherweise nicht in Top-Form. Jetzt steigert er sich. Wie sehen Sie seine Entwicklung?

Schweinsteiger: Bei ihm sieht man gut diese Steigerung von Spiel zu Spiel. Auch von den Minuten her. Die Verletzung von Serge Gnabry hat das Ganze ein bisschen beschleunigt. Aber Jamal scheint mir wieder auf dem richtigen Weg zu sein. Die letzten fünf, zehn Prozent fehlen vielleicht noch, aber ich bin da sehr, sehr positiv. Wenn du dich im Ausland umhörst, wer die Leute begeistert, dann hörst du sehr oft den Namen Musiala.

Frage: Wer wäre der vierte Offensive für Sie?

Schweinsteiger: Chris Führich hat sich bei Stuttgart gut entwickelt. Er bringt immer etwas mit, was schwierig zu verteidigen ist. Eine Alternative wäre Jamie Leweling auf der rechten Seite. Wenn man defensiv spielen will, kann man auch Leweling für Musiala bringen. Lennart Karl hat in seinen zwei Länderspielen einen sehr, sehr positiven Eindruck gemacht. Mit seiner Frische gegen die Schweiz und auch gegen Ghana. Den musst du einfach spielen lassen. Aber natürlich müssen die alle auch Defensivarbeit machen.

Frage: Karl würden Sie mitnehmen. Und Kölns Saïd El Mala auch? So wie Lukas Podolski und Sie bei der EM 2004, als Sie beide mit 19 im Kader standen?

Schweinsteiger: Genau! Sie haben beide diese Frechheit und erwecken bei mir nicht den Eindruck, dass sie vor irgendetwas Angst haben. Wichtig ist, dass die beiden mit dem Ball das machen, was sich richtig für sie anfühlt. Aber gegen den Ball musst du natürlich schon auch einen Spieler decken. Aber ich glaube, das haben sie auch schon verinnerlicht. Aber klar: Von ihrer Jungfräulichkeit würden sie natürlich da sehr gut reinpassen. Karl und El Mala haben die Möglichkeit, mit einer Aktion die ganze Nation hinter sich zu bringen.

Frage: Wie sieht es mit Leroy Sané und Deniz Undav aus?

Schweinsteiger: Mit seiner Wendigkeit und Schnelligkeit würde ich Leroy in der zweiten Hälfte bringen, wenn der Gegner etwas schwere Beine hat. Das hat man beim 2:1 gegen Ghana gesehen, wo er zwar nur gute zehn Minuten drin war, aber man gleich seine Wirkung gemerkt hat. Undav ist für mich genau der richtige Spieler, den du für die halbe Stunde ab der 60. Minute gegen Mannschaften reinbringst, die sich hinten reinstellen.

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat auch ihr zweites Testspiel in diesem Jahr gewonnen. Drei Tage nach dem 4:3 in der Schweiz siegte die Elf von Bundestrainer Julian Nagelsmann gegen Ghana 2:1 (1:0). Den entscheidenden Treffer erzielte Deniz Undav.

Frage: Wirtz hat sich nach schwierigem Saisonstart bei Liverpool etabliert, zählt zu den Top-Vorbereitern der Premier League. Wird er Deutschlands X-Faktor bei der WM?

Schweinsteiger: Es hängt nicht nur von ihm ab. Ich sehe Wirtz und Musiala als unsere Ribéry und Robben. Das sind die Spieler, die in den entscheidenden Momenten die entscheidende Bewegung machen. Wenn ich mit Wirtz spielen würde, würde ich ihm einfach so oft wie möglich den Ball geben. Denn er braucht den Ball, um sein Spiel dominanter zu machen, seine Ideen einzubringen. Ich finde, er hat unglaubliche Visionen in seinem Spiel. Wenn ich an seinen Pass gegen die Schweiz auf Serge Gnabry zurückdenke, dann sage ich: Solche Pässe spielen nicht viele – auch mit dieser Schärfe. Wenn Musiala und Wirtz zünden können, dann bin ich sehr, sehr zuversichtlich.

Frage: Bei den Wettanbietern ist Deutschland eher in der zweiten Reihe der Titelanwärter. Zu Recht?

Schweinsteiger: Wir können uns ja nicht zu den Top-Favoriten zählen, weil wir nicht unter den Top drei, vier der Welt sind. In den vergangenen Jahren war das beste Ergebnis ein Viertelfinale bei der EM. Wenn jemand sagt, wir wären der Top-Favorit, würde ich sagen: Du spinnst doch! Wir gehören zu den Mannschaften, die hinter den Top-Favoriten sind, die an guten Tagen die Top-Favoriten schlagen können. Da muss aber auch dann alles passen bei uns. Darauf hoffe ich. Vom ersten Moment muss ein Team-Gedanke und ein Teamgeist wie bei der EM da sein. Damit du die Fans hinter dich bekommst, mit der Art und Weise, wie du Fußball spielst.

Frage: Wie lautet Ihr Tipp?

Schweinsteiger: Ein Halbfinale zu erreichen wäre schon ein richtiger Erfolg. Ich hoffe, wir können so weit kommen.

Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.

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