Der unterschätzte X-Faktor der Bayern
In der historischen Nacht wählte der Klubchef besondere Worte. „Wenn du 2:5 hinten bist, dann bist du eigentlich tot! Da sitzt du auf der Tribüne und denkst: oh, oh, oh, wie soll das werden“, sagte Jan-Christian Dreesen am frühen Mittwochmorgen im Saal des Hotels „Four Seasons George V“ nahe des Arc de Triomphe in Paris.
Nach dem spektakulären 4:5 (2:3) bei Paris Saint-Germain kamen die Mannschaft, die Bosse und Ehrengäste des FC Bayern auf dem Bankett zusammen. Luis Diaz und seine Kollegen stärkten sich nach dem Hinspiel des Halbfinales der Champions League und hörten Dreesen am Mikrofon zu. „Wir haben heute gesehen, dass diese Mannschaft Charakter hat. Sie hat diesen Charaktertest wieder einmal bestanden. Sie hat den Mut, den Willen und das Vertrauen in sich selbst, solche Rückstände immer wieder aufzuholen“, lobte der 58-Jährige. Das sei auch das Produkt der Arbeit von Trainer Vincent Kompany und seines Coaching-Teams.
Fans, Experten und Medien in vielen Ländern schwärmen von dem Abend in Paris. Und von Diaz. Die spanische Zeitung „Sport“ schreibt: „PSG übersteht Bayern in einem Fußball-Spektakel. Luis Diaz’ Leistung war wahrhaft meisterhaft. Sein Tor zum 5:4 war ein wahres Kunstwerk.“
Es war bereits das siebte Tor des Kolumbianers in dieser Saison in der Champions League. Diaz holte zudem den Elfmeter heraus, den Harry Kane zum 1:0 der Bayern verwandelte. Zuletzt hatte er bereits in beiden Viertelfinal-Partien gegen Real Madrid getroffen, zudem in der Königsklasse mehrere Treffer vorbereitet. Die Ballannahme, der Laufweg, die Körpertäuschung, die Bewegung – alles von Diaz vor dem Elfmeter der Bayern in Paris war perfekt.
Hummels: „Das war wirklich fantastisch“
Mats Hummels war beeindruckt von dem 29-Jährigen. Der Experte von Amazon Prime Video, der als Innenverteidiger mit Deutschland 2014 die WM gewonnen und viele Jahre in der Champions League für Borussia Dortmund und die Bayern gegen die besten Angreifer der Welt gespielt hatte, sagte begeistert: „Luis Diaz war für mich heute der beste Mann auf dem Platz. Das war das beste Spiel, das ich je von ihm gesehen habe.“ Christoph Kramer, ebenfalls Weltmeister, stimmte ihm zu.
Hummels erklärte, Diaz komme normalerweise „mit den tiefen Laufwegen, mit seinen Abschlüssen. Heute hat er den Ball geschleppt, hat Dribblings gemacht. Wie er beim 4:5 Marquinhos auf die Bretter schickt, war atemberaubend. Luis Diaz habe ich noch nie auf diesem Level spielen sehen wie heute. Das war wirklich fantastisch.“
Vieles dreht sich bei den Bayern um die Superstars Michael Olise und Harry Kane. Völlig zu Recht, beide zeigen in dieser Saison oft Weltklasse-Leistungen und sind Publikumslieblinge. Bei Diaz, den sie im Klub nur „Lucho“ nennen, gab es zunächst Zweifel.
70 Millionen Euro zahlten die Bayern vor dieser Saison für ihn an den FC Liverpool. Diaz sei offenbar nicht mehr gut genug für den englischen Topklub, sonst würde ihn dieser ja wohl nicht abgeben, meinten manche. Nach dem Flop Sadio Mané – der Senegalese kam 2022 ebenfalls vom FC Liverpool und verließ die Bayern nach einem enttäuschenden Jahr wieder Richtung Al-Nassr – waren viele in Bezug auf alternde Offensivstars aus England recht skeptisch.
Luis Diaz kommt auf 26 Tore in 46 Spielen
Nun spielt Diaz eine grandiose Debüt-Saison im Trikot der Bayern – und war gegen die Pariser Mannschaft entscheidend, die Liverpool im Viertelfinale aus dem Wettbewerb schoss (Hinspiel und Rückspiel jeweils 2:0). Seine bisherige Bilanz in dieser Spielzeit in allen Wettbewerben: 46 Spiele, 26 Tore, 21 Vorlagen.
Mit 29 Jahren ist Diaz ein Schlüsselspieler der Bayern, kommt insgesamt auf 3715 Minuten Einsatzzeit. Er ist aktuell sportlich deutlich wertvoller als Leroy Sané und Kingsley Coman, die den FC Bayern im vergangenen Sommer verließen.
Luis Diaz feiert ein Tor des FC Bayern im spektakulären Halbfinale in ParisKlubchef Dreesen sprach nach dem Viertelfinal-Hinspiel bei Real Madrid von Torwart Manuel Neuer als „X-Faktor“ der Bayern. Diaz ist auch so ein besonderer Erfolgsfaktor. Ein immens wichtiger Spieler, der in Deutschland vor und zu Beginn der Saison mitunter etwas unterschätzt wurde. Er strahlt eine enorme Energie aus, ist in der Mannschaft beliebt und wird auch wegen der Verletzung von Serge Gnabry in den kommenden, entscheidenden Wochen der Saison sehr wichtig für die Münchner sein.
Trainer Kompany ist voll des Lobes: „Er hat montags im Training genauso viel Energie – egal ob er 90 oder 95 Minuten gespielt hat. Montag ist er wieder frisch. Das hat uns in dieser Saison sehr geholfen.“
Bastian Schweinsteiger, ebenfalls Weltmeister von 2014 und Legende des FC Bayern, sagte kürzlich dem „Spiegel“: „Da habe ich zu viele Premier-League-Spiele geschaut, um nicht schon gewusst zu haben, dass der zünden wird.“ Doch es gab viele andere Stimmen.
Diaz könne nur eine kurzfristige Lösung sein, man müsse mehr auf junge Spieler setzen. Man könne ihn schwer weiterverkaufen, falls er in München nicht wie erhofft funktioniert – das waren nur einige der Argumente gegen einen Diaz-Transfer. Mancher sah den Kauf des Kolumbianers als Fehlentscheidung der Vereinsführung. Die Bayern-Chefs um Dreesen und Sportvorstand Max Eberl sind stolz und glücklich, dass es an Diaz inzwischen keine Zweifel mehr gibt.
Sein privates Glück beflügelt den Offensivstar: Seine Frau Gera Ponce ist schwanger. Das Paar erwartet einen Sohn. Kürzlich postete sie bei Instagram ein Foto, auf dem Diaz zärtlich ihren Babybauch streichelt.
Am Mittwoch (21 Uhr, DAZN) tritt Luis Diaz nun mit den Bayern im Rückspiel im Münchner Stadion gegen Paris an. Die Bayern träumen vom Triple, das Finale der Champions League steigt am 30. Mai um 18 Uhr in Budapest. Kompany sagte: „Das Rückspiel ist zu Hause und wir müssen gewinnen. Das tun wir dort oft, und mit der Unterstützung unserer Fans ist der Glaube auf jeden Fall da.“
Und Abwehrprofi Jonathan Tah betonte: „Am Ende ist es nur ein Tor Unterschied. Es wird darauf ankommen, wer nächste Woche seine Chancen nutzt. Heute gab es viele solcher Momente, nächste Woche wird es wahrscheinlich genauso sein.“
Die Hoffnungen der Bayern ruhen auch auf Luis Diaz, ihrem X-Faktor.
Julien Wolff ist Redakteur im Sportkompetenzcenter. Er berichtet für WELT seit vielen Jahren über den FC Bayern und die Nationalmannschaft sowie über Fitness-Themen. Beim Rückspiel gegen Paris am kommenden Mittwoch wird er im Münchner Stadion auf der Pressetribüne sitzen.
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