Der junge Deutsche, der die Weltelite verblüfft
Mit gleich drei Weltklasseleistungen hat Johannes Liebmann vor anderthalb Wochen in Stockholm die internationale Schwimmelite aufgeschreckt. Danach musste der 19-jährige Schüler mental schnell umschalten: Am Sportinternat in Magdeburg standen die ersten schriftlichen Abitur-Prüfungen auf dem Plan. Zwischendurch meldete er sich per Video-Call zum Interview.
Nach Medaillen bei der Junioren-EM schwimmt Liebmann seit dieser Saison auf der großen Bühne und sorgt für Furore: Im Dezember erkämpfte er bei der Kurzbahn-WM zwei vierte Plätze inklusive Junioren-Weltrekord über 800 Meter Freistil. In Stockholm verbesserte er nun über 400 Meter Freistil in 3:44,59 den deutschen Jahrgangsrekord von Olympiasieger Lukas Märtens, über 1500 Meter in 14:39,67 jenen von Freiwasser-Olympiasieger Florian Wellbrock, zudem war in diesem Jahr weltweit noch niemand schneller. Und dann der Europarekord über 800 Meter in 7:37,94 Minuten.
WELT: Plötzlich in der Weltspitze. Sind Sie bereit, die großen Namen des Schwimmsports herauszufordern?
Liebmann: Das alles kommt auch für mich relativ plötzlich. Selbst der Junioren-Weltrekord ist ja noch gar nicht so lange her. Ich habe auf jeden Fall sehr große Lust, da oben mitzuspielen. Es ging gefühlt alles sehr schnell in den vergangenen Jahren. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass ich kaum hinterhergekommen bin bei all dem, was passiert ist.
WELT: Wie haben Sie die Tage von Stockholm erlebt?
Liebmann: Als alles vorbei war, konnte ich nachts zwar schnell einschlafen, weil ich einfach so müde und kaputt war, aber der nächste Tag war ein bisschen wild und durcheinander. Es ging ja in Stockholm schon mit den 400 Meter Freistil gut los. Da habe ich gemerkt, dass ich gut in Form bin und konnte das auch auf den 1500 Metern nutzen. Dass ich dann aber über 800 Meter Europarekord schwimme – damit hätte ich niemals gerechnet. Ich muss zugeben: Der Rekord war erst mal ein kleiner Schock. Ich dachte: ‚Krass. Was mache ich jetzt damit?‘
WELT: Sie schwimmen, seit sie fünf Jahre alt sind. Dann der erste Rekord im Erwachsenenbereich.
Liebmann: Ich habe während des Rennens gemerkt, dass die Leute in der Halle lauter wurden, fühlte mich gut und dachte: ‚Okay, wenn es lauter wird, muss ich das hier ordentlich zu Ende bringen, dann kommt vielleicht etwas Gutes dabei heraus.‘ Dann schlug ich an und sah meine Zeit. ‚Wow‘, dachte ich, ‚das ist sehr schnell.‘ Ich habe dreimal geguckt, ob ich die Zeit richtig gelesen habe und ob das überhaupt meine Zeit war und nicht die eines anderen. Ich war extrem baff und habe lange gebraucht, um zu realisieren, dass ich gerade schneller war als Sven (Sven Schwarz, vorheriger Rekordhalter, d. Red.) und Lukas und all die großen Namen und Vorbilder, zu denen ich eigentlich aufschaue – was ich immer noch tue.
WELT: Wie haben all die großen Namen reagiert?
Liebmann: Ich habe echt viele Glückwünsche bekommen. Von Sven und Lukas natürlich, die nicht vor Ort waren. Von Flo und Olli (Oliver Klemet, Olympia-Zweiter) direkt in der Halle. Und von vielen anderen. Was ich am krassesten fand: Die Tunesier Ahmed Hafnaoui und Ahmed Jaouadi haben mir über Instagram gratuliert. Dass die zwei mich und meine Leistung wahrgenommen haben, hat mich schon extrem gefreut. Immerhin ist der eine Olympiasieger, der andere Weltmeister.
WELT: War der Wechsel von Schleswig-Holstein nach Magdeburg und nun in die Trainingsgruppe von Bernd Berkhahn entscheidend?
Liebmann: Genau kann ich das nicht sagen, aber ich denke schon, dass es Magdeburg ist, weil ich mit Bernd einfach gut klarkomme, er sehr viel Ahnung und Erfahrung hat. Er arbeitet ja vor allem mit Flo schon lange zusammen. Dass ich mich da gewissermaßen reinschlängeln und sagen konnte: ‚Hallo, ich bin der Neue. Ich versuch’s einfach mal‘, ist viel wert.
Die Momente nach dem Europarekord: Johannes Liebmann in StockholmWELT: Und auch Florian Wellbrock hilft mit Tipps?
Liebmann: Wenn ich mal Probleme hatte oder habe, kommt er meistens direkt auf mich zu und sagt: ‚Das kenne ich, das hatte ich auch schon. Ich habe es dann so und so gelöst, probiere das mal.‘ Das hilft mir sehr. Ein weiterer Baustein ist vielleicht, dass die Junioren-WM 2025 sehr spät – Ende August – stattfand und ich damit keine lange Sommerpause hatte. Bernd hat das Training für mich dann etwas anders getaktet, was recht eng war, aber mir langfristig viel gebracht hat. Sehr viel Training, sehr viel Training am Stück – und ich bin immer gesund geblieben.
WELT: Sie gehen noch zur Schule, stecken im Abitur. Können Sie sich aufs Lernen konzentrieren?
Liebmann: Ich versuche es zumindest, aber ich muss zugeben: Es fällt mir generell eher schwer, dafür Motivation zu finden. Aber es hilft ja nichts, ich muss mich einfach dazu zwingen. Meine erste schriftliche Prüfung – in Sport – lief ganz gut. Ich hoffe, dass es so weitergeht, dass ich jetzt einfach viel büffle, mir den Stoff einverleibe und ihn dann aufs Blatt Papier bekomme. Mittwoch war Biologie, nächste Woche kommt Englisch, danach Mathe und als mündliches Prüfungsfach Geschichte.
WELT: Zurück zum Schwimmen. Wollten Sie schon als kleiner Junge Rekorde im Wasser brechen?
Liebmann: Früher wollte ich Pilot werden. Als Kind war das ein Traumjob für mich.
WELT: Warum Schwimmen?
Liebmann: Ich war mit meiner zwei Jahre älteren Schwester in einem Geschäft und sah ein Schlauchboot. Wir wollten das unbedingt haben und fragten unseren Papa. Er stellte eine Bedingung: Wir bekommen das Boot, wenn wir schwimmen können. Und dann fingen meine Schwester und ich an. Seepferdchen, Bronze, Silber, Gold – und so ging es weiter, ohne dass ich direkt gesagt habe, dass ich Leistungsschwimmer werden möchte. Es hat mir einfach Spaß gemacht, auch wenn ich am Anfang echt noch ziemlich langsam war.
WELT: Auf dem Podest standen andere?
Liebmann: Bei meinen ersten norddeutschen Mehrkampf-Meisterschaften bin ich 51. von 60 geworden. Aber es war eine Erfahrung, sie hat mich nicht entmutigt. Ich habe einfach weitergemacht, bin immer besser geworden. Erst in Flensburg, dann durch den Umzug mit meiner Familie in Elmshorn. Von dort ging es dann ja etwas später für mich nach Magdeburg.
WELT: Um bewusst den nächsten Schritt zu machen?
Liebmann: Nicht jeder muss für den großen Erfolg umziehen, aber für mich war das Problem, dass wir in Elmshorn unseren hauptamtlichen Trainer verloren hatten. Wir standen ohne Coach da. Es stellte sich die Frage, was ich nun mache. Höre ich auf oder mache ich weiter? Und wenn ja, wo und wie? Ich hatte ein Jahr davor schon eine Probewoche in Hamburg gemacht, mich damals aber dagegen entschieden, weil es in Elmshorn gut lief. Ich hatte dort meine Familie, Freunde, die Schule und wollte noch nicht alleine wegziehen. Und dann, ein Jahr später, als der Trainer ging und ich meinen ersten deutschen Jahrgangstitel geholt hatte, sah die Welt anders aus. Ich wollte es versuchen und ging für eine Probewoche nach Magdeburg.
WELT: Sportinternat, neue Stadt, weg von Freunden und Familie – wie schwer fiel Ihnen die Entscheidung?
Liebmann: Es war auf jeden Fall eine große Entscheidung. Aber ich war 16, schon so tief in der Pubertät drin, dass ich nicht mehr so viel mit meinen Eltern unternommen habe, sondern neben Schule und Sport die Zeit mit Freunden verbracht habe. Nicht falsch verstehen: Das Verhältnis zu meinen Eltern war immer noch gut und ist auch heute sehr gut. Aber ich habe mir gesagt: ‚Ich will jetzt einfach mal groß werden, will was erleben.‘ Und dann bin ich ausgezogen.
WELT: Wie hart war die Umstellung beim Training?
Liebmann: Ich fand es von Anfang an sehr motivierend in Magdeburg. Allein, dass ich herkommen durfte! Erst habe ich bei Stefan Döbler trainiert, seit März 2025 bei Bernd. Ich habe mich immer an meinen schnelleren Trainingspartnern orientiert und geschaut, was sie besser machen und bin dadurch schneller geworden. Bei Bernd war ich dann wieder schlechter als die anderen und hatte anfangs noch nicht die nötige Ausdauer, besonders zum Ende der Woche hat die Energie nicht mehr gereicht. Irgendwann aber änderte sich das und ich sollte in der ersten Welle mit Lukas oder mal neben Flo schwimmen. Die zwei waren deutlich schneller, aber auch das war für mich sehr motivierend.
WELT: Nicht auch ein bisschen einschüchternd?
Liebmann: Das nicht, aber ich hatte Flos große Erfolge natürlich als junger Schwimmer mitbekommen und sie gefeiert (bei Wellbrocks erstem WM-Gold war Liebmann 12, beim Olympiasieg 14). Als ich dann nach Magdeburg ging, habe ich mich sehr darauf gefreut, dass ich ihn sehen werde und eventuell auch mal im Training neben ihm schwimmen darf. Dann kamen die Erfolge von Lukas und Ollis Olympia-Silber dazu. Ich versuche aber auch, mir von anderen Leuten etwas abzuschauen und mich zu verbessern – es geht ja nicht nur ums Schwimmen.
WELT: Was sehen Sie als Ihre Stärke, was ist ausbaufähig?
Liebmann: Generell ist meine Stärke, dass ich versuche, viel zu lernen und mir das in den meisten Fällen relativ schnell gelingt. Ausbaufähig ist die Tatsache, dass ich – wenn es nicht ums Schwimmtraining geht – nicht sehr diszipliniert bin. Besonders beim Lernen für die Schule oder Erledigen von Hausaufgaben.
WELT: Und wie sieht es mit Nervosität aus?
Liebmann: Wenn ich ein bisschen Nervosität bzw. Adrenalin spüre, hilft mir das, und ich kann mehr Energien freisetzen. Ich würde aber jetzt nicht behaupten, dass ich extrem cool bin. Bei der Junioren-WM 2025 zum Beispiel, meinem ersten Wettkampf auf richtig großer Bühne, hatte ich mit meiner Nervosität zu kämpfen. Das war etwas zu viel und hat mich blockiert. Aber so eine Erfahrung gehört wahrscheinlich dazu.
WELT: Zurück zu Ihrem Kindheitstraum: Pilot werden. Wovon träumen Sie heute?
Liebmann: Jetzt ist es mein Traum, bei den Olympischen Spielen zu starten und mich im internationalen Bereich fest zu etablieren. Und abseits vom Sport: irgendwann eine Familie gründen und einfach glücklich sein.
Melanie Haack ist Sport-Redakteurin. Für WELT berichtet sie seit 2011 über olympischen Sport, extreme Ausdauer-Abenteuer sowie über Fitness & Gesundheit. Hier finden Sie alle ihre Artikel.
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