„Ich schaue lieber Pornos als auf Ranglisten“
Sich daran zu gewöhnen, fällt schwer. Michael van Gerwen prägte nach dem Karriereende von Legende Phil Taylor eine Ära. Er war der Superstar des Darts, verdiente mit dem Sport bis heute mehr Geld als jeder andere. Doch „Mighty Mikes“ Regentschaft ist vorbei. Selbst in den Niederlanden ist er nur noch die Nummer zwei. Nach 13 Jahren an der Spitze wurde er bei der Weltmeisterschaft Anfang Januar von Gian van Veen überholt. Nicht der einzige Status, der sich bei ihm in den vergangenen Monaten verändert hat.
WELT AM SONNTAG: Man findet viele beeindruckende Zahlen, wenn man sich mit Ihnen und Ihrer langen Karriere auseinandersetzt. Die überraschendste aber ist vielleicht Ihr Alter: Sie sind erst 36 Jahre alt.
Michael van Gerwen: Ja. Es ist schon so eine sehr lange Zeit auf der Tour. Andererseits schaue ich mich manchmal im Practice Room um und bemerke, dass ich der Älteste bin. So ist das heutzutage im Darts. Es hat sich verändert.
WELT AM SONNTAG: Wie schwer fällt es Ihnen, sich immer wieder aufs Neue zu motivieren?
van Gerwen: Wenn man vor großen Menschenmengen auf der Bühne steht, ist es nicht schwer. Das genieße ich. Natürlich nerven mich manchmal das Reisen oder die vielen Tage fern von zu Hause, aber so ist es eben. Man muss leider Opfer bringen im Leben. Aber selbst auf der European Tour spiele ich immer noch gerne.
WELT AM SONNTAG: Haben Sie im Vergleich zu den Zeiten vor sieben oder acht Jahren etwas anpassen müssen?
van Gerwen: Wie meinen Sie das?
WELT AM SONNTAG: Um motiviert zu bleiben, um in Stimmung zu kommen, um hungrig zu bleiben.
van Gerwen: Zumindest nicht bewusst. Aber die Frage ist für mich schwierig zu beantworten, weil ich ohnehin in einer völlig neuen Situation stecke. Ich habe mich im vergangenen Jahr von meiner Frau scheiden lassen. Es ist gerade ein völlig neues Kapitel für mich.
WELT AM SONNTAG: Und? Wie ist es so?
van Gerwen: Man muss weitermachen. Ich kann das daher gar nicht für mich mit irgendeiner Zeit meines Lebens vergleichen.
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WELT AM SONNTAG: Während der Weltmeisterschaft im Dezember 2025 sagten Sie, dass Sie aufgrund der Ereignisse vielleicht mal eine längere Pause benötigen. Wie denken Sie heute darüber?
van Gerwen: Ich hatte noch keine Zeit dafür, werde aber im Sommer eine Pause einlegen. Auch das ist ja nicht mehr selbstverständlich. Früher, als ich auf die Tour kam, gab es im August und Januar gar keine Dartsturniere. Nichts. Jetzt ist alles voll, nonstop.
WELT AM SONNTAG: Die persönlichen Veränderungen dürften die vergangenen Monate besonders herausfordernd gemacht haben.
van Gerwen: Das können Sie mir glauben. Zu 100 Prozent.
WELT AM SONNTAG: Wie ist Ihre Situation heute? Sind Sie in einer Beziehung, oder genießen Sie das Junggesellenleben?
van Gerwen: Ich genieße mich gerade selbst. Ich bin noch nicht wieder bereit für eine Beziehung. Ein glücklicher Mensch zu sein, ist wichtig. Ich muss zusehen, ein stabiles Leben zu führen, und dann schauen wir mal, was passiert.
WELT AM SONNTAG: Können Sie beschreiben, was in Ihrem täglichen Leben die größten Veränderungen oder Unterschiede im Vergleich zu früher sind?
van Gerwen: Normalerweise kam ich nach Hause und alles war erledigt. Einfach alle Dinge, die getan werden mussten. Jetzt komme ich nach Hause und muss alles selbst machen. Und dann habe ich noch die Kinder. So ist das eben. Es hat ein neues Leben begonnen, das ich nie hatte...
WELT AM SONNTAG: ...und mehr Verantwortung erfordert? Auch Selbstverantwortung?
van Gerwen: Normalerweise hatte ich eine Basis zu Hause. Es war dadurch alles viel einfacher. Wir waren 17 Jahre zusammen. Das gibt es nicht mehr. Und das hat natürlich viel verändert.
Fünf Jahre nach der Hochzeit: Daphne Govers (2.v.r.) und Michael van Gerwen im Jahr 2019 bei einem Heimspiel seines Lieblingsklubs PSV EindhovenWELT AM SONNTAG: Gab es in Ihrem Leben schon einmal eine Zeit, in der Sie auf sich allein gestellt waren?
van Gerwen: Nein. Ich habe nie allein gelebt. Zuerst natürlich bei meinen Eltern, bis zuletzt dann mit meiner Ex-Frau. Aber ich will gar nicht so viel zurückschauen. Das Einzige, was ich verändern kann, ist die Zukunft.
WELT AM SONNTAG: Was bedeutet dieser Satz mit Blick auf die Dartswelt? Es dürfte momentan kein Interview geben, bei dem Sie nicht zum übermächtigen Luke Littler befragt werden.
van Gerwen: So wie jetzt offenbar auch.
WELT AM SONNTAG: Es soll gar nicht um Littler gehen. Ich frage mich nur, wie schwer es für ein Alpha-Tier wie Sie sein muss, sich in einer neuen Rolle zurechtzufinden.
van Gerwen: Nein. Es gibt keine neue Rolle. Wollen Sie mir eine neue Rolle verpassen?
WELT AM SONNTAG: Nun ja, in den Ranglisten waren Sie über viele Jahre die Nummer eins, dominierten die Tour. Das ist vorbei.
van Gerwen: Entschuldigung?! Dadurch hat sich doch meine Rolle nicht verändert. Gegenfrage: Hat sich Phil Taylors Rolle verändert, als ich die Nummer eins war?
WELT AM SONNTAG: Er ist eine Legende des Dartsports. Genau wie Sie natürlich auch.
van Gerwen: Sehen Sie.
WELT AM SONNTAG: Aber es gibt doch eine entscheidende Veränderung: Wenn Sie früher zu einem Turnier fuhren, wussten alle, dass der Turniersieg nur über Sie ging.
van Gerwen: Okay, ich bin heute nicht mehr der Favorit. Aber das ändert doch nichts an meiner Rolle.
WELT AM SONNTAG: An Ihrer Herangehensweise hat sich also nichts verändert?
van Gerwen: So ist es. Ich fahre zu einem Turnier, um es zu gewinnen. Nichts anderes. Die anderen müssen mich schlagen. Und noch mal zu Luke Littler: Im Vergleich zu den anderen Spielern auf der Tour hat er die meisten Probleme mit mir.
WELT AM SONNTAG: Wie denken Sie über ihn?
van Gerwen: Er ist ein fantastischer Spieler. Er hat viel Talent, und ich denke, er hat viel für den Dartsport getan. Das ist letztlich gut für alle.
WELT AM SONNTAG: Welche Ziele haben Sie in diesem Jahr?
van Gerwen: Ich setze mir eigentlich keine Ziele, aber mit Blick auf die Rangliste möchte ich vor Jahresende schon gern ein Ranglisten-Major gewinnen. Das ist wirklich wichtig für mich. Und solange man Zeit in sich investiert und Spaß an dem hat, was man tut, ist alles möglich.
WELT AM SONNTAG: Ein Majorturnier wäre Ihnen früher nicht genug gewesen.
van Gerwen: Nur dass Sie mich nicht missverstehen: Für mich gibt es vor der WM nur drei echte Majorturniere: das World Matchplay, den Grand Slam und den World Grand Prix. Und eins aus drei ist doch nicht so schlecht, oder?
WELT AM SONNTAG: Sind Turniersiege heutzutage schöner als früher, als Sie sowieso mehr oder weniger alles gewannen?
van Gerwen: Nein. Es ist immer noch dasselbe. Gewinnen ist immer schön, verlieren ist immer traurig.
WELT AM SONNTAG: Schauen Sie momentan viel auf die Rangliste? Ist dartsrankings.com eine wichtige Website für Sie?
van Gerwen: Ich weiß nicht, ob ich das sagen sollte, aber ich schaue lieber Pornos als auf dartsrankings.com (lacht). Nein, jetzt mal ernsthaft: Die Leute erzählen mir oft genug, wo und wie ich in den Ranglisten stehe. Aber ich brauche diese ganzen Rankings nicht. Das ist alles Nonsens. Ich bin nicht blöd. Ich hatte kein gutes Jahr 2025. Dann weiß ich auch so, dass ich in diesem Jahr gut abschneiden muss. Das ist keine Raketen-Wissenschaft. Und seien Sie sich sicher, dass ich die anderen weiter schlagen werde. Ich gehe nicht weg.
Auch online durchaus aktiv: Michael van GerwenWELT AM SONNTAG: Heißt, dass Sie bei Ihrer Pause im Sommer dann vor allem die eher unwichtigen World-Series-Events auslassen werden?
van Gerwen: So wird es sein, ja.
WELT AM SONNTAG: Was ist mit dem World Cup, der für die Rangliste ebenfalls nicht relevant ist?
van Gerwen: Ich werde den World Cup definitiv spielen.
WELT AM SONNTAG: Sie sind dann nach 13 Jahren nicht mehr die niederländische Nummer eins. Gian van Veen hat Sie überholt. Aber Sie sagen, es hat sich nichts geändert...
van Gerwen: Nicht hat sich geändert, genau. Ich bin immer noch die Nummer eins, und er weiß das (lacht). Nein, er ist ein guter Typ und ein guter Spieler. Wir verstehen uns gut. Schauen wir mal, was wir gemeinsam ausrichten können.
WELT AM SONNTAG: Im vergangenen Jahr gab es bei dem Turnier im Nachgang viele Diskussionen über das Verhalten der Fans. Auch jetzt sind die Pfiffe und Buhrufe, insbesondere des deutschen Publikums, wieder Thema bei einigen Spielern. Wie denken Sie darüber?
van Gerwen: Ach, ich habe das schon so oft erlebt. Wenn man dem Aufmerksamkeit schenkt, wird es schlimmer. Und überhaupt: Wen interessiert's? Es ist, wie es ist. Man kann es sowieso nicht ändern, also warum sich beschweren?
WELT AM SONNTAG: Wenn es die eigene Leistung beeinträchtigt?
van Gerwen: Wir sind kein Snooker, wir sind kein Tennis. Wir sind Darts. Du kannst doch auch einem Fußballfan nicht sagen, dass er nicht singen darf. Das ist genau dasselbe. Lass die Fans doch einfach genießen und Spaß haben. Lass sie tun, was sie wollen. Genau so handhabe ich es momentan auch.
Wenn Lutz Wöckener nicht gerade irgendeinen Sport im Selbstversuch ausprobiert, schreibt er über Darts und Sportpolitik, manchmal aber auch Abseitiges wie Fußball.
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