„Wenn jemand in München gewinnen kann, dann wir“ – die Methode Real steht auf dem Prüfstand
Es war ein erstaunliches Schauspiel, das sich nach dem ersten Teil des europäischen Klassikers zwischen Bayern München und Real Madrid bot. Die Deutschen hatten im Estadio Santiago Bernabéu 2:1 gewonnen und damit etwas vollbracht, was gemeinhin als eine der schwereren Aufgaben im europäischen Fußball gilt. Doch Trainer Vincent Kompany bekam von der internationalen Presse vor allem zwei Fragen mit negativem Beigeschmack gestellt. Wie er sich damit fühle, dass sein bester Mann der Torwart gewesen sei, Manuel Neuer? Und wie sehr er es bereue, nicht höher gewonnen zu haben? Er müsse doch wissen, wozu Real in der Lage sei.
Beim Kollegen Álvaro Arbeloa erschloss sich derweil mit jeder Minute mehr der Eindruck, dass Madrid noch über beste Aussichten in diesem Champions-League-Viertelfinale verfüge. „Wenn jemand in München gewinnen kann, dann Real Madrid“, tönte der Nachfolger des entlassenen Xabi Alonso gleich zu Beginn.
Fortan redete er sein Team immer stärker, bis zu einem Punkt, an dem es als Sieger des Abends dastand. Man sei ja aufgrund des Trainerwechsels nicht so eingespielt in die Auseinandersetzung gegangen wie der Gegner, habe aber daher während der 90 Minuten umso mehr gelernt. Nämlich, dass und wie „wir Bayern sehr weh tun können“. Und wenn jemand in München gewinnen könne … siehe oben.
Klar, logisch, wer sonst – wobei: Die Europapokalgeschichte sagt etwas ganz anderes. Danach hat Real siebenmal ein Hinspiel im eigenen Stadion verloren. Sechsmal schied es im Rückspiel aus. Nur einmal kam es noch weiter. 1970. Im längst abgeschafften Europapokal der Pokalsieger. Bei Wacker Innsbruck.
Dem FC Bayern ist im Bernabéu eine Geistervertreibung gelungen
Der aktuelle Champions-League-Klassiker zwischen Madrilenen und Münchnern ist auch ein Lehrstück in Sachen Psychologie und Legendenbildung. Das Spiel beginnt im Pressesaal hat José Mourinho, übrigens Arbeloas Vorbild, mal gesagt, und schon dort scheint die Größe von Real Madrid die Gegner bisweilen zu erschlagen.
Kylian Mbappé war im Hinspiel gegen den FC Bayern der einzige, der Manuel Neuer überwinden konnteAls Joshua Kimmich vor dem Hinspiel interviewt wurde, drehten sich von rund einem Dutzend Fragen eine um Bayern-Star Harry Kane, eine um Bayern-Talent Tom Bischof – und der Rest um Real und die Legende des Bernabéu. Falls Kimmich vorher nicht gewusst hätte, dass er dort mit Bayern mehrmals ausgeschieden war, dass dort in der Runde zuvor Pep Guardiola mit Manchester City abgefertigt wurde und dass diese ehrwürdige Schüssel ziemlich einschüchtern kann – er erfuhr es in allen Varianten. Aber Kimmich hatte, wie er verriet, den Tempel sowieso schon als Kind besucht und bestaunt.
Angesichts aller Mythen und Beschwörungen ist den Bayern am Dienstag also geradezu eine Geistervertreibung gelungen. Und doch konnte irritieren, wie sehr sie nach zunächst idealem Spielverlauf und 2:0-Führung abreißen ließen. Wie sie weder die Unerbittlichkeit zeigten, mit der sie andere Gegner in dieser Saison durch weitere Treffer erledigten. Noch die Cleverness, um die Hast des Gegners gegen ihn zu verwenden; die Ballsicherheit, um dem angeschlagenen Real durch längere Kombinationen den letzten Glauben zu nehmen. Stattdessen hielten sie die Feldschlacht offen, ihre Abwehrlinie auch – und ließen weiter Vertikalpässe auf die schnellen Vinícius Júnior und Kylian Mbappé zu: Reals liebstes und oft einziges Angriffsmittel.
Der Ultraoffensivfußball von Kompany ist ein Stil, der Real grundsätzlich in die Karten spielt. Seit Generationen können die Madrilenen überfallartig kontern, haben aber notorische Probleme zu gestalten. Nicht umsonst sind sie in der Champions League so erfolgreich, wo im Endstadium des Turniers überwiegend angriffsorientierte Mannschaften antreten, die die Spielregie übernehmen. Und nicht umsonst fällt der Ligaalltag ungleich schwerer, wo es defensiv massierte Teams auseinanderzuspielen gilt.
In den vergangenen zwölf Jahren gewann Real nur viermal die spanische Meisterschaft – aber sechsmal die Champions League. Zuletzt 2024, bevor es vorige Saison im Viertelfinale sang- und klanglos an Arsenal (0:3, 1:2) scheiterte. Die Engländer präsentierten sich als kontrollierte, abwehrstarke Elf, die keine Lücken offenbarte, und damit als ein für das Madrider Profil besonders unbrauchbarer Rivale.
Was unzerstörbar erscheint, ist das Gesamtkunstwerk Real Madrid
Diese Saison hat sich Reals Abhängigkeit vom Gegner noch verstärkt, weil eine eigene Spielstruktur schlicht nicht existiert. Xabi Alonso versuchte sich an Grundlagenarbeit, doch die Stars fanden das viel zu kleinlich und anstrengend. Es klickte nicht, es waren „Monate von viel Negativität in der Kabine“, wie Federico Valverde rückblickend sagte; einer derjenigen, der wie Jude Bellingham und allen voran Vinícius gegen den Coach opponierte.
Seit Januar versucht sich nun Arbeloa am Management einer Mannschaft, die am Dienstag nur 101,9 Kilometer rennen konnte, sehr wenig im heutigen Spitzenfußball (Bayern: 110,9). Die zudem grobe Schwächen in der Positionierung und teils tragikomische Fehler in der Spieleröffnung offenbarte.
Was jedoch bei Fußballspielern dieser Klasse immer funktionieren kann, sind einzelne Spielzüge. Und was unzerstörbar erscheint, ist das Gesamtkunstwerk Real, zu dem immer auch die Landschaftspflege im Schiedsrichterwesen gehört.
Aus Sicht vieler Zuschauer mag die diskutabelste Entscheidung von Referee Michael Oliver ein nicht gegebener Elfmeter für die Bayern nach einem Check von Álvaro Carreras gegen Michael Olise in der letzten Spielminute gewesen sein. Arbeloa hingegen mokierte sich ungefragt über zwei andere Szenen. Seiner Meinung nach hätte Aurélien Tchouaméni nicht die Gelbe Karte sehen dürfen dafür, dass er in Strafraumnähe zwei Bayern-Spieler am Fortkommen hinderte (der Mittelfeldabräumer fehlt nun im Rückspiel gesperrt). Und Jonathan Tah für ein Einsteigen gegen Kylian Mbappé des Feldes verwiesen werden müssen. „Solche Entscheidungen kann man nicht verstehen“, argwöhnte Arbeloa. Subtext: Im Rückspiel haben sie gefälligst andersherum auszufallen.
Im Stile eines kommenden Champions hat der FC Bayern dem großen Rivalen Real Madrid den Schrecken der vergangenen Jahre im Viertelfinal-Hinspiel von Europas Königsklasse schon sehr genommen.Arbeloa verdankt den Aufstieg im Klub seiner unbedingten Gefolgschaft zum Machtapparat des Langzeitpräsidenten Florentino Pérez; so gelang es ihm, im Nachwuchstrainerbereich die Vereinslegende Raúl zu überspringen. Der 43-jährige Ex-Verteidiger weiß, dass ein Real-Trainer die für die Marke essenziellen Superstars zu umhegen hat und in möglichst jedem zweiten Satz unterbringen sollte, dass es sich bei Madrid um den größten Klub der Welt handelt. Und dass es immer mal wieder die Obsession mit den Schiedsrichtern zu verbreiten gilt, die Pérez’ Leute parallel über den Vereinssender „Real Madrid TV“ ausleben. Dort wird Spiel um Spiel dargelegt, wie fies und vorsätzlich es die Pfeifenzunft auf den königlichen Klub abgesehen hat.
Man kann das alles schlau finden, als Teil des Fußballs sehen oder als Kompensationsstrategie für die spielerischen Defizite. Real muss seine Partien bisweilen halt auf anderem Terrain gewinnen, damit nicht ist, was in diesem Klub nicht sein darf: Erfolglosigkeit.
International hat es durch seinen aggressiven Opferdiskurs allerdings viel Renommee verspielt. „Wie sie sich die vergangenen Jahre verhalten haben, finde ich grob unsportlich, das hat mit Fairplay überhaupt nichts mehr zu tun“, befand zuletzt etwa Ex-Bayern-Verteidiger Markus Babbel: „Ich habe immer das Gefühl, die sehen sich über allen anderen, die sehen sich als was Besseres.“
Die Münchner wurden früher ihrerseits in Europa als arrogant wahrgenommen. Anders als zu Zeiten der Generation von Stefan Effenberg, Oliver Kahn oder Giovane Elber, aber auch von Profis wie Thomas Müller oder Bastian Schweinsteiger und von Funktionären wie Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß gab es im Zuge dieser Duelle mit Real jedoch bislang keine lauten und vielleicht auch mal vorlauten Stimmen aus dem Verein. Es wird sich zeigen, wer gegebenenfalls Paroli bietet, sollte es am Mittwoch hitzig werden. Trainer Kompany steht jedenfalls für einen höflichen Stil.
Der Ansatz von Arbeloa wiederum hat aus dessen Sicht einige Vorteile – er kaschiert zum Beispiel, dass er rund ein Drittel seiner bisherigen Spiele verloren hat und damit eine der schwächsten Bilanzen der Klubgeschichte verantwortet. Notfalls nimmt er dabei die Schuld für die Niederlagen auf sich, ansonsten liegt sie halt beim Schiedsrichter, aber nie bei den Spielern.
Die halbe Fußballwelt kritisierte Antonio Rüdiger kürzlich nach einem Brutalofoul im Match gegen Getafe? Arbeloa will dem deutschen Verteidiger „ein Denkmal im Garten aufstellen, er ist ein Vorbild für alle Jugendlichen“. Die eigenen Fans im Bernabéu pfeifen den egozentrischen Vinícius aus? „Ich möchte, dass er tanzt und lacht“, erklärt Arbeloa und feiert ihn bei jeder Gelegenheit.
Solche Seelenmassagen machen den Trainer populär im Team. Die Strategie kann allerdings auch einen Nachteil haben: Wo immer andere Schuld sind, werden Ausreden geschaffen. Fußballerisch stagniert das Team vor allem deshalb, weil eine Kultur der Selbstkritik fehlt. In München wird sich zeigen, ob es trotzdem noch einmal reüssieren kann. Auf dem Prüfstand steht nicht zuletzt die Methode Real Madrid.
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