Der VfL Wolfsburg kämpft gegen den erstmaligen Abstieg aus der Fußball-Bundesliga. Aktuell steht der Klub auf dem 17. Tabellenrang, der Abstand auf den Relegationsrang beträgt sechs Spiele vor Saisonende bereits vier Punkte. Kevin Großkreutz würde sich freuen, wenn es so bleibt. Das sagte der ehemalige Nationalspieler vor Tagen im Podcast „Viertelstunde Fußball“. Zitat: „Ich rede ja immer vom Herzen. Ich will, ich wünsche mir, dass die absteigen! Und fertig.“ Trainer Dieter Hecking, der den VfL in der Bundesliga halten soll, hält von diesem Satz naturgemäß wenig. Ein Gespräch über die Lage in der VW-Stadt.

Frage: Herr Hecking, warum schafft Wolfsburg noch den Klassenerhalt?

Dieter Hecking (61): Es ist noch nichts verloren. Die Mannschaft macht im Training weiterhin einen fokussierten Eindruck. Sie verfügt über Talent und Qualität. Das wurde zu selten in dieser Saison abgerufen. Es ist an uns, das jetzt sichtbar zu machen und die dringend benötigten Ergebnisse einzufahren.

Frage: Allerdings haben Sie am ­vorletzten Spieltag noch das unlösbare Spiel gegen die Bayern­ …

Hecking: Die sind richtig gut, keine Frage. Aber wir können es uns gar nicht leisten, ein Spiel abzuschenken.

Frage: Mit Bochum gewannen Sie vergangene Saison bei den Bayern. Wie viele Punkte braucht es zum Klassenerhalt?

Hecking: Ich halte nichts von Rechenspielen, weil es gerade in der Endphase einer Saison oft sehr unerwartete Ergebnisse gibt. Wir können nur unsere eigenen beeinflussen. Klar ist, dass jetzt Platz 16 unser Minimalziel ist.

Frage: Sie haben 2015 mit Wolfsburg den DFB-Pokal gewonnen. Wäre der Klassenerhalt ein ebenso großer Erfolg?

Hecking: Nein, ich finde, Titel sind höher zu bewerten. Aber ich möchte das auch gar nicht vergleichen.

Frage: Der VfL wollte um Europa spielen, jetzt herrscht Abstiegskampf. Was sind die Gründe dafür?

Hecking: Mich wundert manchmal die hohe Erwartungshaltung im Umfeld. Denn ein starker Partner im Rücken garantiert nicht, dass es ein Selbstläufer wird. Zudem haben die Ergebnisse zuletzt nur selten gepasst. Ich bin sicher, dass jeder Verantwortliche das Beste erreichen wollte, aber offenbar waren nicht alle Entscheidungen richtig.

Frage: Es gibt massive Kritik an der Zusammenstellung der Mannschaft. Wie beschreiben Sie den Kader?

Hecking: Der Kader ist zu groß. Aber es steckt viel Qualität drin. In der vergangenen Woche hatten wir 16 Nationalspieler abgestellt. Das sagt viel aus. Aber es ist in dieser Saison noch nicht gelungen, diese Qualität dauerhaft sichtbar zu machen. Das geht nur über positive Ergebnisse, denn auch die guten Spieler haben mit Misserfolg zu kämpfen. Dadurch verliert man schneller die Ruhe – und damit die klare Spielweise.

Frage: Man hört von Egoismen und teilweise chaotischen Zuständen in der Kabine.

Hecking: Nein, da kommt die Mannschaft zu schlecht weg. Es ist nicht einfach, wenn man viele verschiedene Nationalitäten und Charaktere hat, die unterschiedlich mit Niederlagen umgehen. Aber hier sitzen keine 24 Stinkstiefel, die nicht miteinander können. Und Chaos wird es bei mir nie geben. Wir geben klar vor, was wir wollen und was überhaupt nicht geht. Wer sich daran hält, ist gut beraten.

Die Abstiegsangst beim VfL Wolfsburg wird immer größer. Erst recht nach dieser Klatsche beim VfB Stuttgart. Die Wölfe stehen jetzt auf Abstiegsplatz 17. Die Bundesliga-Highlights der Partie kommentiert von Corni Küpper.

Frage: Und wer nicht?

Hecking: Ich habe der Mannschaft gesagt: Wer mit meinen Prinzipien nicht kann, kann die Hand heben und muss nicht bei uns sein. Das wäre okay. Aber es hat sich keiner gemeldet.

Frage: Zuletzt hatte Kevin Großkreutz gesagt, er wünsche dem VfL den Abstieg. Es scheint, als würden sich nicht viele über den Klassenerhalt freuen.

Hecking: Ich empfehle, dass man vor seiner eigenen Tür kehrt. Diese Aussagen sind despektierlich, weil es sehr einfach ist, von außen draufzuhauen. Wenn ein Verein knapp 30 Jahre in der Bundesliga spielt, hat er jede sportliche Berechtigung, dort zu bleiben. Dass Werksvereine bei einigen Fans kritischer gesehen werden, akzeptiere ich. Aber es gibt auch in Wolfsburg viel Leidenschaft und Herzblut und etliche Fans, die um die Bundesliga kämpfen.

Frage: Ihr Vorgänger Daniel Bauer hatte gesagt, dass Atmosphäre und Kultur im Klub nicht bundesligatauglich ­seien. Wie ist Ihr Eindruck?

Hecking: Ich finde: Solche Aussagen sollte man intern halten. Was man aber öffentlich sagen kann, weil es offensichtlich ist: Nach einer solchen Saison kann es kein „Weiter so“ geben. Da gibt es sicherlich Ansätze, warum der VfL von seinem Weg abgekommen ist. Mir fehlt zum Beispiel die Klarheit, wofür der Verein stehen möchte. Das muss deutlicher herausgearbeitet werden. Denn es ist ja beileibe nicht alles schlecht.

Frage: Was meinen Sie?

Hecking: Die Frauen des VfL sind sehr erfolgreich. Die Jugendmannschaften zählten immer zu den besten. Daran kann man weiter anknüpfen …

Frage: … und von den Frauen lernen?

Hecking: Fußballerisch ist das nicht vergleichbar. Aber mir gefällt, dass Spielerinnen oft noch freier und erfrischender auftreten, bodenständiger und nahbarer wirken. Dann ist es einfacher, Charaktere und Typen zu bekommen. Die wünsche ich mir bei den Männern natürlich auch.

Frage: Die Fans haben sich zuletzt abgewandt. In der Länderspielpause gab es Treffen, an denen auch Sie teilgenommen haben. Wie schwer wiegt der Bruch?

Hecking: Es ist nie gut, wenn der Support eingestellt wird. Das hilft uns nicht. Gerade in solch einer prekären Lage brauchen wir den Schulterschluss zwischen Fans und Mannschaft. Klar ist aber auch, dass wir in Vorleistung gehen müssen.

Frage: Ihr Vertrag läuft nur bis zum Sommer. Würden Sie gern länger bleiben, egal, in ­welcher Liga Wolfsburg spielt?

Hecking: Wir haben uns erst mal auf diese Laufzeit verständigt. Was danach kommt, ist offen. Aktuell ist nicht der Zeitpunkt, sich darüber Gedanken zu machen. Wenn alle den Eindruck haben, dass da etwas Gutes entstehen kann, dann sprechen wir.

Frage: Der neue Sport-Geschäftsführer soll die Bundesliga kennen, um die Besonderheiten des Vereins wissen und viel Wert auf Kommunikation und Empathie legen. Das würde auch auf Sie passen.

Hecking: Ich habe den Posten vier Jahre lang in Nürnberg ausgeübt. Das hat mir Spaß gemacht, auch wenn ich danach wieder in den Trainerbereich zurückgegangen bin. Ich habe zu viel Freude am Fußball und bin diesem Verein zu eng verbunden, um etwas auszuschließen.

Dieser Text wurde für das Sportkompetenzcenter (WELT, BILD, SPORTBILD) verfasst und erschien zuerst in BILD.

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