Die große Chance des Simon Zachenhuber
Früher blickte er bewundernd auf Schwimm-Idol Michael Phelps. Als dessen Stern bei den Olympischen Spielen 2008 aufging, war Simon Zachenhuber zehn, hielt ein Referat über den US-Star und befand: „So will ich auch sein!“ Später dann gab es Zeiten, in denen er sich jeden Abend eine Doku über die boxenden Klitschko-Brüder anschaute. Es verstärkte, was er bereits seit Phelps wusste: „Es geht nur über hartes, häufiges Training.“
Ob Badehose oder Boxhandschuhe, was er einst verinnerlichte, vergaß er nie. Und es bringt den 27-Jährigen nun am 11. April auf die größte Bühne, die er je erlebt hat: Wenn Box-Star Tyson Fury bei seinem erneuten Rücktritt vom Rücktritt in London gegen Arslanbek Makhmudov antritt, ist es auch der große Tag für Zachenhuber. Im Vorprogramm des Fury-Comebacks wird er vor 60.000 Fans im Tottenham Hotspur Stadium in den Ring steigen und im Supermittelgewicht gegen den Briten Troy Williamson (34) boxen. Es ist die Riesenchance des Deutschen.
„Für mich hat dieser Kampf eine große Bedeutung. Wenn ich gewinne, kann viel Positives passieren“, sagt Zachenhuber. Was er meint: Mit einem Sieg könnte er einen großen Schritt Richtung WM-Chance machen. Die Erfahrung, vor 60.000 Zuschauern zu boxen, dazu bei einem Kampfabend, der auf Netflix übertragen wird, kann ihm ohnehin niemand nehmen. „An diesem Tag bündelt sich all die Arbeit, die mein Trainer Conny und ich in meine Karriere gesteckt haben“, sagt der Erdinger.
„Am Frühstückstisch ging es bei uns immer auch um Sport“
Etwa acht Jahre ist es her, dass ihre gemeinsame Reise begann. Dass sich Erfolgstrainer Conny Mittermeier den jungen Zachenhuber im Ring anschaute und sie beschlossen: Sie versuchen es gemeinsam! Zachenhuber zog nach Stuttgart, wurde ohne Umwege Profi und besiegte zuletzt im Juli 2025 den Namibier Paulinus Ndjolonimu, bis dahin Vierter beim Weltverband WBO. Zachenhubers Bilanz: 28 Kämpfe, 28 Siege. Bei WBO und IBF, zwei der vier großen Verbände, ist er in den Top Ten gelistet, beim unabhängigen Portal „BoxRec“ auf 14.
Conny Mittermeier und Simon Zachenhuber bei der Gala zum „Sportler des Jahres Gala 2025“ in Baden-BadenZachenhubers Weg dorthin ist ungewöhnlich. Dass Sport eine Hauptrolle in seinem Leben spielen würde, stand jedoch früh fest: nicht nur Phelps und die Klitschkos, vor allem seine Familie hat ihn geprägt. „Diese Willensstärke, diese Sportbegeisterung habe ich sicherlich von meinem leiblichen Vater, der Radrennfahrer war, ein Halbprofi“, erzählt er. „Seine Stärke war das Bergfahren – dafür muss man sich sehr quälen. Und das ist eine Fähigkeit, die ich bestimmt von ihm geerbt habe.“
Hans Wolf Zachenhuber verunglückte kurz nach der Geburt seines Sohnes beim Drachenfliegen, ist seitdem schwerbehindert. Bei zwei Kämpfen seines Sohnes war er aber live dabei. „Er war natürlich sehr stolz“, berichtet Zachenhuber.
Siegesschrei: Simon Zachenhuber bei seinem Sieg über den Namibier Paulinus NdjolonimuAuch von seiner Mutter Rosi und Stiefvater Karl Iwainski-Zachenhuber, der aus dem Schwimmen kommt, habe er sich viel abgeschaut und gelernt. „Am Frühstückstisch“, erinnert er sich, „ging es bei uns immer auch um Sport.“ Seine Schwestern betrieben ebenfalls lange Leistungssport, die eine im Schwimmen und Fünfkampf, die andere brach sogar Altersklassenrekorde von Franziska von Almsick. „Wir haben uns immer gegenseitig unterstützt“, sagt der 27-Jährige.
Eine Entscheidung, die schweren Herzens fiel
Vom Schwimmen und Modernen Fünfkampf zog es ihn zum Kickboxen, wo er später als Amateur auch an Weltmeisterschaften teilnahm und World Cups gewann. Darauf folgte das Boxen. Mittermeier erinnert sich: „Ich habe schnell gesehen, dass bei ihm Talent und Trainingsfleiß da sind, dass er sehr hungrig ist, etwas zu lernen und willensstark.“
Den Wettkampf hat Zachenhuber immer schon gesucht, im Boxen aber fand er seine größte Leidenschaft. „Für mich ist es eine schöne, ganz filigrane Sportart. Aber auch kombiniert mit diesem Brachialen, mit dem harten Körperlichen, mit der Kondition“, schwärmt er. „Und dann dieses Schach mit den Fäusten, dieses Vorausplanen.“ Die frühe Grundfitness, die Kondition und das Koordinationsverständnis, das er durchs Schwimmen lernte, so glaubt er, helfen ihm heute noch.
Mittermeier und er entschieden sich damals vor acht Jahren dann, keinen Olympia-Zyklus als Amateur mitzunehmen, sondern gleich ins Profigeschäft einzusteigen. Es ist ein anderes Boxen, mit anderen Schwerpunkten. Mehr Härte, mehr Ausdauer. Hinzu kam die große Ungewissheit, ob es am Ende tatsächlich für Olympia gereicht hätte. „Die Entscheidung fiel schweren Herzens“, sagt Zachenhuber, findet sie aber nach wie vor richtig. So konnte er früher anfangen, sich ins Profigeschäft hineinzuentwickeln. „Wahrscheinlich“, sagt er, „bin ich heute ein besserer Profi.“
Melanie Haack ist Sportredakteurin und berichtet vor allem über den olympischen Sport, gern auch über extreme und besondere Sportabenteuer außerhalb des Ringe-Kosmos – sowie über Fitness- und Gesundheitsthemen. Hier finden Sie alle ihre Artikel.
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