Berlin, Hamburg, München und Köln/Rhein-Ruhr wollen die Olympischen Spiele ausrichten. Wer erhält den nationalen Zuschlag? In Nordrhein-Westfalen stimmen die Bürger am 19. April über die Bewerbung ab. Gespräch mit Kölns Oberbürgermeister Torsten Burmester (63/SPD).

Frage: Herr Burmester, warum wollen Sie eigentlich Olympia?

Torsten Burmester: Als ich mein Amt im November 2025 antrat, habe ich das verbunden mit Ambitionen und Zielen für die Stadt. Dazu gehört Olympia. Denn die Austragung von Olympischen und Paralympischen Spielen hilft nicht nur dem Sport in Köln. Sie ist eine einzigartige Chance für die Entwicklung unserer Stadt. Das größte Sportevent der Welt schafft Jobs und Investitionen, das haben unter anderem die Spiele von Paris gezeigt.

Frage: Ihr Konkurrent München erzielte bei seinem Referendum 66,4 Prozent Zustimmung. Können Sie das bei Ihrer Abstimmung am 19. April toppen?

Burmester: Ja, denn hinter der Bewerbung von Köln/Rhein-Ruhr stehen deutlich mehr Menschen als hinter der Bewerbung von München. Wir beteiligen vier Millionen Wahlberechtigte in der Region. So viele wie kein anderer Mitbewerber.

Frage: Sie wissen auch: Am Ende zählen die Prozente.

Burmester: Glücklich bin ich, wenn wir die Mehrheit für Olympia erreichen. Ich lasse mich nicht auf Zahlenspiele ein.

Frage: Was passiert, wenn zum Beispiel Düsseldorf oder eine andere Stadt die 51 Prozent verfehlt? Fliegt sie raus?

Burmester: Dann fehlt dort die Legitimation und wir müssten neu denken, das Konzept ändern. Ich gehe davon aus, dass wir überall die Mehrheit erreichen. In Köln haben bereits rund 30 Prozent der 814.141 Wahlberechtigten per Briefwahl abgestimmt. Ein starker Zwischenstand.

Kölns Oberbürgermeister Torsten Burmester

Frage: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder erklärt immer wieder, dass München der beste Kandidat sei …

Burmester: Das behauptet Herr Söder bei jeder Gelegenheit. Ich nehme das zur Kenntnis und lade ihn schon jetzt ein, sich beim Besuch der Spiele an Rhein und Ruhr davon zu überzeugen, dass er sich geirrt hat.

Frage: In München regiert jetzt ein grüner OB. Seine eigene Stadtratsfraktion ist nicht so richtig grün mit der Bewerbung. Ein Vorteil für Köln?

Burmester: Eine interessante Konstellation, die sich da ergeben hat.

Frage: Bei der internationalen Strahlkraft stellen die Olympiastädte Berlin und München doch Köln in den Schatten. Da können Sie nicht mithalten.

Burmester: Natürlich können wir mithalten. Fragen Sie mal die internationalen Fans, die während der Fußball-Europameisterschaft bei uns in Köln zu Gast waren. Wussten Sie übrigens, dass Köln die Spiele 1936 bekommen sollte? Der damalige Oberbürgermeister Konrad Adenauer hatte die Bewerbung 1929 beim IOC eingereicht. Die Regierung der Weimarer Republik entschied jedoch, dass es Berlin sein sollte. Die Spiele wurden dann von den Nazis missbraucht.

Frage: Bundespräsident Steinmeier hat sich gegen Olympia 2036 in Deutschland ausgesprochen wegen des „Jubiläums“ der Hitler-Spiele. Erzählt er Unsinn?

Burmester: Das ist die Meinung des Bundespräsidenten, ich teile sie nicht. Warum? Weil Deutschland 1972 – 36 Jahre nach den Spielen 1936 – schon bunte, frohe, moderne Spiele ausrichtete, die bis zum Attentat die ganze Welt begeisterten. Oder das Fußball-WM-Finale 2006 im Berliner Olympiastadion, 70 Jahre nach den missbrauchten Spielen. Richtig ist, dass man Berlin 1936 historisch einordnen muss.

Frage: Paris hat 2024 den Eiffelturm als Zentrum der Spiele inszeniert. Wird in Köln der Dom zum Olympia-Star?

Burmester: Er ist schon ein Star, immerhin das meistbesuchte Bauwerk in Deutschland und weltweit bekannt. Aber beim Dom handelt es sich um ein Gotteshaus, da bedarf es einer gewissen Zurückhaltung.

Frage: ... das olympische Feuer auf dem Vierungsturm des Doms?

Burmester: (lacht) Hübsche Spielerei und kein Vorschlag des Oberbürgermeisters … Man könnte sich vorstellen, dass der Marathonlauf am Dom vorbeiführt. Aber erst einmal geht es um die Grundsatzentscheidung.

Frage: Das Hauptargument gegen Olympia: die Kosten. Wie halten Sie dagegen?

Burmester: Wir würden mit 14 Millionen deutlich mehr Tickets als unsere Mitbewerber anbieten. Dadurch könnten wir zwischen 200 und 400 Millionen Euro Gewinn erwirtschaften. Die Organisationskosten von 4,8 Milliarden Euro würden komplett abgedeckt durch Marketing und Eintrittsgelder.

Frage: Und der Bau der Sportstätten?

Burmester: In NRW werden keine neuen Hochglanz-Sportstätten errichtet. Schwimmen zum Beispiel findet vor 50.000 Zuschauern in der Schalker Veltins-Arena statt. Wir werden ein temporäres Leichtathletikstadion im Kölner Norden bauen, das nach den Spielen zu einem neuen Stadtquartier umgewandelt wird. Mit dem olympischen und paralympischen Dorf können wir Wohnraum für 10.000 Menschen schaffen auf einem vernachlässigten Gelände in Kreuzfeld. Andererseits sind viele Sportstätten, aber auch zum Beispiel Brücken marode. Olympia wird einen Investitionsbooster für die Infrastruktur auslösen und viele Entwicklungen beschleunigen, die sonst angesichts der finanziellen Lage auf sich warten ließen. Was wir in die olympischen und paralympischen Spiele investieren, kommt den Kölnerinnen und Kölnern zugute – weit über das Ende der Spiele hinaus.

Frage: Das sehen die Olympia-Gegner anders. ZDF-Moderator Jan Böhmermann wetterte in einem Podcast: „Köln will eure Scheiße nicht.“ Und Sie seien ein „fucking Bürgermeister“.

Burmester: Wir neigen in Deutschland dazu, immer Nein zu sagen – mit dem Hinweis, dass wir eh nichts auf die Kette kriegen. Herr Böhmermann gehört zu dieser Nein-Fraktion. Wir brauchen mehr Menschen mit einer positiven Haltung und einem grundsätzlichen „Ja“. Man kann gerne über die Bedingungen sprechen. Ich lade ihn gerne zu einem klärenden Gespräch ein.

Frage: Was wetten Sie auf den Kölner Zuschlag?

Burmester: Meine Schuhe! Ich trage sie seit Paris 2024, während des Wahlkampfs und jetzt im Rennen um Olympia. Meine Glücksbringer stifte ich, wenn wir gewinnen.

Ein Plakat mit dem Schriftzug „JA“ hängt beim Start der Kampagne für die Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele an der Lanxess-Arena

Die vier Bewerber für Spiele in Deutschland

Vier deutsche Städte bewerben sich für die nationale Ausscheidung des Deutschen Olympischen Sportbundes. Im Herbst 2026 soll die Entscheidung fallen.

Wer ist Favorit?

Bisher München. Mit 66,4 Prozent gaben die Einwohner der bayerischen Landeshauptstadt ein klares Votum für Olympia ab. Köln folgt am 19. April, Hamburg am 31. Mai. In Berlin sieht die Verfassung kein Referendum vor.

Wie sehen die Konzepte aus?

Berlin (3,91 Millionen Einwohner) setzt auf seine internationale Strahlkraft. Ähnlich wie in Paris soll das Stadtgebiet zur Olympiazone werden. Ausnahmen: Markkleeberg/Sachsen (Wildwasserkanu), Aachen (Reiten), Rostock (Segeln). Berlin trug die Olympischen Spiele 1936 aus, scheiterte mit einer Bewerbung für die Spiele 2000.

Hamburg (1,97 Mio. Einwohner) wirbt mit der Schönheit als Hafenstadt. Plant Spiele der kurzen Wege (plus Kiel zum Segeln). Ein neues Olympiastadion mit 60.000 Plätzen soll in der Nähe des Volksparkstadions errichtet werden. 2015 scheiterte eine Bewerbung an einem Referendum (51,6 % Nein-Stimmen).

München (1,59 Mio. Einwohner) verspricht „Spiele mit Seele und Herz“. Will die bestehenden Olympia-Sportstätten von 1972 modernisieren und nutzen. Segeln soll nach Kiel ausgelagert werden. Scheiterte mit zwei Bewerbungen für Winterspiele (2013 durch einen Bürgerentscheid).

Köln (1,09 Mio. Einwohner) plus Rhein-Ruhr bewirbt sich als Region. Neben Köln als „Hauptstadt“ mit einem neuen Olympiastadion sind 15 Städte/Gemeinden aus NRW dabei sowie Kiel fürs Segeln und das sächsische Markkleeberg fürs Wildwasserkanu.

Wer sind die internationalen Konkurrenten?

Für 2036 sind Indien, Katar, Istanbul und Santiago de Chile im Gespräch. Für 2040: London, Kapstadt, Madrid, Budapest.

Dieses Interview wurde für das Sportkompetenzcenter (WELT, BILD, SPORTBILD) geführt und erschien zuerst in BILD AM SONNTAG.

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