Mit Jürgen Klopp wechselte Neven Subotic 2008 von Mainz 05 zu Borussia Dortmund. Es ist der Beginn des erfolgreichsten BVB-Kapitels der Neuzeit. Auf dem Höhepunkt gründete der Dortmunder Abwehrchef die „Neven Subotic Stiftung“ mit Sitz in Dortmund, um Brunnen und Sanitäranlagen in Ostafrika zu bauen. Vom Europäischen Parlament wurde die Stiftung für ihr Engagement mit dem Silver Rose Award 2019 ausgezeichnet.

Frage: Herr Subotic, Sie haben mit dem BVB 2011 die Meisterschaft und 2012 das Double gewonnen. Parallel kümmern Sie sich seit 2012 mit Ihrer Stiftung „well:fair“ um Trinkwasser- und Sanitärprojekte in Ostafrika. Ihr Ex-Trainer Jürgen Klopp hat im Vorwort Ihres Buches „Alles geben“ geschrieben: „Neven begann, sich von einem Fußballer in einen Heiligen zu verwandeln.“ Würden Sie das unterschreiben?

Neven Subotic: Ich empfinde es als große Wertschätzung von jemandem, der vorsichtig mit seiner Wortwahl ist, und gleichzeitig weiß, Menschen wirklich wertzuschätzen. Aber die Rolle eines Heiligen auszufüllen ist schwer mit Leben zu füllen. Weil ich ja auch Fehler mache.

Klopp und Subotic im Oktober 2014 beim Champions-League-Spiel des BVB in Anderlecht

Frage: Wie stellen Sie sich vor?

Subotic: Meine aktivste Rolle ist die des Stiftungsmanagers. Klar bin ich auch der Gründer – aber man kann auch eine Stiftung gründen und sich dann schlafen legen (schmunzelt). Für mich ist meine Arbeit ein Segen, aber zugleich auch ein wenig ein Fluch: Ich sehe manchmal, dass das Leben an mir vorbeizieht, weil ich auf keinen Fall von der Arbeit abdriften will. Das ist eine Sache, die ich am Anfang meiner Fußballkarriere komplett ins andere Gegenteil getrieben habe.

Frage: Inwiefern?

Subotic: Da gab es gar keine Kontrolle. Ich hatte schnelle Autos, eine Villa mit Jacuzzi. Das war Handeln, ohne zu überlegen, einfach nur extrem. Das hat sich 2010 verändert: Dann wollte ich Kontrolle, habe 2012 meine Stiftung gegründet. Und mich nach dem Karriereende entschlossen, alles für meine Stiftung zu geben: mein Geld, meine Zeit, meine Gedanken. Bis heute haben wir unter anderem 439.255 Menschen Zugang zu Trinkwasser ermöglicht.

Frage: Sie haben gesagt, dass das eigene Leben an Ihnen vorbeizieht.

Subotic: Beim Thema „Ich mache mal etwas für mich und nicht nur für andere“ mag ich mein Handling selbst nicht. Ich muss mich in der Hinsicht weiterentwickeln, sodass ich mein Pensum halten kann. Denn die Arbeit, etwas zu bewirken, hat kein Ende. Als ich noch gespielt habe, war ich gezwungen, mit der Arbeit aufzuhören: um zu trainieren oder um auf acht Stunden Schlaf zu kommen.

Frage: Das klingt ja, als würden Sie den Fußball als Ausgleich vermissen.

Subotic: Ich hatte diese großartigen Erfolgserlebnisse vor 80.000 Fans. Der Kopf ist ganz woanders, voller Euphorie. Damit rettet man nicht die Welt, aber es ist einfach schön.

Frage: Sie wohnen nach 27 Umzügen in Dortmund. Weil hier Ihre schönste Zeit als Profi war?

Subotic: Weil hier meine Stiftung ist. Als meine Ex-Freundin und ich uns getrennt haben, war meine Stiftung der zentrale Punkt meines Seins. In meinem ganzen Leben sind Beziehungen durch Umzüge immer wieder weggebrochen: durch die Flucht aus Jugoslawien, die Abschiebung aus Deutschland, den Neustart in den USA, die Rückkehr für den Fußball nach Mainz, meine Karriere. Seit nun 20 Jahren bin ich von meiner Familie getrennt. Beziehungen können zerbrechen, meine Arbeit bleibt. Sie wird über mein Leben hinaus Bestand haben. Ich könnte manchmal heulen bei dem Gedanken, wie bedeutsam das ist. Und meine Stiftung hat mir eine neue Familie geschenkt.

Frage: Erzählen Sie bitte.

Subotic: Über mir wohnt eine Mitarbeiterin mit ihrem Mann und ihrer zweijährigen Tochter. Unter mir ein weiterer Freund, den ich durch die Stiftung kenne, mit seiner Familie. Die schönsten Tage sind, wenn ich mir die Kleine über mir schnappe, wir zu Rewe einkaufen gehen, oder wir einfach aus meinem Fenster den Zügen zuschauen. Ich genieße es, Onkel sein zu dürfen. Ohne sie vergehen oft 14 Stunden an meinem Rechner.

Frage: Ziel ist es, bis 2030 eine Million Menschen mit Trinkwasser zu versorgen – mehr als das Doppelte von dem, was bisher erreicht wurde.

Subotic: Im ersten Jahr hatten wir einen Umsatz von etwa 76.000 Euro. Mittlerweile sind wir bei knapp fünf Millionen im Jahr. Uns wird mehr zugetraut und anvertraut, es gibt Firmenpartnerschaften, ein Botschafterprogramm. Dadurch können wir mehr bewirken und unser 100-Prozent-Versprechen weiter halten.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte Subotics soziales Engagement im September 2022 mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland

Frage: Sie versprechen, dass von jedem Euro 100 Cent das Ziel erreichen. Haben Sie alle ­Reise- und Verwaltungskosten aus Ihrem Privatvermögen getragen?

Subotic: Ja.

Frage: Ist das nicht irgendwann aufgebraucht?

Subotic: Tatsächlich ist mein Vermögen bald aufgebraucht, ja. Ich habe rund vier Millionen Euro gespendet und arbeite ehrenamtlich. Ich habe 14 Jahre Profifußball gespielt, aber meine Gehälter waren brutto. Und so viele herausragende Jahre mit einem Millionengehalt hatte ich nicht. Das war eine Zeit lang beim BVB. Mein Geld ist endlich. Deshalb sind Firmenpartnerschaften so wichtig: Sie helfen, mit mir die Stiftungskosten und damit das Fundament zu tragen.

Frage: Gehen Sie manchmal noch ins Stadion oder haben Kontakt zu Weggefährten?

Subotic: Ich war einmal beim BVB, allerdings für und mit Spendern. Ich habe es geliebt, auf dem Platz zu spielen. Zuschauen war nie mein Ding. Kontakt gehalten habe ich mit dem ehemaligen Pressesprecher Josef Schneck und dem Teammanager Fritz Lünschermann des BVB. Ich bin ohne Großeltern groß geworden. Sie sind Menschen mit Herz, waren immer da.

Frage: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Mit wem auf dieser Welt würden Sie gerne ein Bier trinken gehen?

Subotic: Ich durfte in den letzten Jahren beeindruckende Menschen kennenlernen. Es ist gigantisch, was sie erreicht haben. Aber sie ausfragen? Ich lese lieber Interviews mit ihnen. Über ein Bier mit Jürgen Klopp würde ich mich richtig freuen. Er hat mein Leben geprägt, aber wir hatten nie mal einen ruhigen Moment miteinander. Er hatte 30 Spieler, um die er sich kümmern musste. Jetzt noch einmal gemeinsam zu reflektieren und seinen Input zu bekommen, das wäre schön.

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