Der dramatische Absturz einer Ikone
Die jüngste Volte in der Karriere des einstigen Wunderkindes dürfte eine zu viel gewesen sein: 24 Stunden in einem Pokerspiel gefangen, den Auftritt bei seinem Heimatverein FC Santos verpasst und erneut in große Erklärungsnot geraten. Neymar da Silva Santos Junior, der die 75 Tage bis zum Start der Fußball-Weltmeisterschaft eigentlich damit verbringen möchte, sich fit zu trimmen für das letzte große Hurra seiner Laufbahn, schreibt wieder einmal abseits des Rasens Schlagzeilen. Die neueste Eskapade fällt in eine Phase, in der der 34 Jahre alte Star um die Rettung seiner Karriere kämpft – und gegen den Ruf, sein unfassbares Talent leichtfertig verschleudert zu haben.
Dass er es nicht immer ganz so ernst nimmt mit der professionellen Ausübung seines Jobs, haben sie ihm in seiner Heimat stets verziehen. Doch nachdem nun bekannt wurde, dass er am vergangenen Wochenende in einem Online-Pokerturnier statt für Santos in der Partie gegen Cruzeiro spielte, spaltet der mit 79 Treffern beste Torschütze der brasilianischen Auswahlgeschichte mal wieder die fußballverrückte Nation. Daran kann auch die offizielle Erklärung seines Vereins nichts ändern, es habe sich bei der Pause des Superstars um „eine Belastungssteuerung“ gehandelt.
Es ist schwer vorstellbar, dass Nationaltrainer Carlo Ancelotti die jüngste Eskapade in der an Episoden reichen Lebensgeschichte Neymars gefallen haben dürfte. Vielmehr ist es die aktuelle Fortsetzung des Ein-Mann-Stücks auf der Weltbühne des Fußballs. So betrieb der Stürmer nicht gerade Werbung in eigener Sache – auch nicht mit seinem mit ironischem Unterton versehenen Kommentar in den sozialen Medien. Neymar macht sein Ding, bleibt sich treu und steht sich dabei selbst im Weg. Dabei vergrault der teuerste Fußballer auf dem Globus – 2017 für die Rekordablöse von 222 Millionen Euro aus Barcelona zu Paris Saint-Germain gewechselt – zunehmend mehr Anhänger.
„Wir brauchen Spieler, die auf ihrem besten Level sind“
Die Teilnahme an der Weltmeisterschaft im Sommer rückt für den Hochbegabten von einst in weite Ferne. Für die aktuelle Länderspielreise der Seleção mit Partien gegen Frankreich und Kroatien in den USA ist er von Ancelotti nicht nominiert worden. Der Trainer attestierte ihm einen Mangel an Fitness: „Neymar kann zur WM fahren, wenn er 100 Prozent fit ist“, sagte der Italiener Ancelotti. „Ich habe ihn nicht berufen, weil er nicht bei 100 Prozent ist. Und wir brauchen Spieler, die auf ihrem besten Level sind. Neymar muss weiterarbeiten, spielen, seine Qualitäten und eine gute physische Verfassung zeigen.“
Brasiliens Trainer Carlo AncelottiAuch die Zahlen sprechen inzwischen mehr denn je gegen Neymar: Im Oktober 2023 hat er sein letztes von bislang 128 Länderspielen bestritten. Ein Riss des Kreuzbands im linken Knie warf ihn in der WM-Qualifikationsbegegnung gegen Uruguay (0:2) aus der Erfolgsspur. Ein Jahr Pause und die schmerzhafte Erkenntnis, dass der Edeltechniker seitdem 115 Pflichtspiele verpasst hat.
Bei Al-Hilal, seinem Altersruhesitz in Saudi-Arabien, besserte er nur sein Rentenkonto auf, und selbst seine Rückkehr zum Stammverein Santos brachte überschaubaren sportlichen Ertrag. Ständige muskuläre Probleme, dazu eine Arthroskopie wegen eines Meniskusschadens am linken Knie prägten die Zeit nach seinem Wechsel im Januar 2025. Seine Bilanz in diesem Jahr ist zwar mit drei Toren und zwei Vorlagen in fünf Begegnungen ansprechend, aber er hat kaum noch jene spielentscheidenden Momente früherer Tage inne. Mit Santos belegt er aktuell Rang 16 der Tabelle.
Entsprechend harsch fällt die Kritik aus. „Neymar ist nicht mehr der Athlet von früher“, trifft Emerson Leao, früher ein Klassetorwart und 2000 kurzzeitig Nationaltrainer, ein vernichtendes, indes zutreffendes Urteil. Auch Ikonen wie Zico oder Cafu, der Kapitän der letzten WM-Erfolgsformation von 2002, äußern öffentlich Zweifel an der Berechtigung, dass dem längst entzauberten Solisten ein Platz im Kader gebühre. Die Bedenken hinsichtlich der physischen Verfassung überwiegen. Der realistische Blick der Legenden deutet auf das Drama des ehedem als Pelé-Erben eingestuften Ausnahmetalents, der der Unvollendete zu bleiben droht. Er hat unzählige Spiele gewonnen, doch das entscheidende Spiel gegen seinen eigenen Körper verloren.
Romario als einer der wenigen Fürsprecher Neymars
Im Land des Rekordweltmeisters werden seine Fürsprecher immer rarer. Lediglich Romario, schon immer einer, der gern gegen den Strom schwimmt, hält ein Plädoyer für Neymar. In seiner Kolumne der boulevardesk herkommenden Zeitung „O Dia“ verlangte der einstige Weltklassestürmer: „Stars müssen spielen.“ Ein Neymar ohne hundertprozentige Fitness sei immer noch besser als irgendein anderer Spieler.
Brasiliens Stürmerstar Romario (M.) küsst 1994 den eroberten WM-Pokal. Heute gilt er als einer der wenigen Fürsprecher für ein Comeback von Neymar im NationalteamDie Diskussion bleibt bis zum Stichtag am 18. Mai, wenn Nationaltrainer Ancelotti seine Wahl trifft und den finalen Kader für die globalen Titelkämpfe in den USA, Kanada und Mexiko benennt. Neymar sei in der augenblicklichen Verfassung nutzlos, behauptet Leao. Er sei kein Unterschiedsspieler mehr. Neymar als Joker, als Option für besondere Momente, wie es Romario vorzuschweben scheint? Bei den zurückliegenden drei Weltturnieren setzte Brasilien erfolglos auf den Exzentriker. Eine derartige Abhängigkeit sieht ein Fachmann wie Cafu diesmal nicht mit Verweis auf formstarke Könner wie Vinicius Junior und Raphina oder Jungstars wie Estevao und Endrick. Oder anders ausgedrückt: Die ruhmreiche Seleção braucht Neymar nicht mehr.
Der Stürmer hat ohnehin schon immer Wert auch auf andere Dinge gelegt. Er besitzt Villen in Mangaratiba, Balneario Camboriu sowie Dubai und hat einst einmal gesagt: „Träume können wahr werden“. Sein Traum von der vierten WM-Teilnahme fällt wohl kaum mehr darunter, aber dafür hat er sich zahlreiche andere Wünsche erfüllt. Zu seinem Eigentum gehören sündhaft teure Luxusspielzeuge wie ein Privatjet mit drei Triebwerken und Platz für 14 Personen. Kostenpunkt: 250 Millionen Euro. Zudem besitzt er einen Hubschrauber, mit dem er von Mangaratiba nach Santos zum Trainingsgelände „Rei Pelé“ pendelt. Die Aufwendungen für einen Transfer liegen bei 7000 Reais (1150 Euro) – mehr als das Sechsfache des Mindestlohns in Brasilien.
Dramen auf der größten Fußballbühne der Welt
Prunk und Protz können aber nicht verhindern, dass das Stück auf der größten Fußballbühne der Welt endgültig in einem Drama zu enden droht. Denn alle bisherigen WM-Teilnahmen Neymars sind vom Scheitern geprägt. Beim Heimturner 2014 sollte er die Auswahl zum sechsten Triumph führen. Doch ein hinterlistiges Foul im Viertelfinale gegen Kolumbien beendete den Traum schlagartig. Juan Zuniga sprang Neymar in den Rücken, der Star erlitt dabei einen Lendenwirbelbruch und musste für den weiteren Verlauf passen. Das anschließende 1:7 der brasilianischen Mannschaft gegen Deutschland im Halbfinale verfolgte er lediglich in der Rolle des verhinderten Hoffnungsträgers. Statt Gold gab es nur den GAU für Neymar und seine Mitspieler.
Das Scheitern im Viertelfinale wiederholte sich vier Jahre später. Zwar rauschten Neymar und Co. mit drei Siegen und einem Remis durch das Turnier in Russland, aber dann folgte das 1:2 gegen Belgien und deren Superstar Kevin De Bruyne. Erneut Tränen und Tristesse im Lager Brasiliens – und der Weltklassestürmer des Teams mittendrin.
Auch das bis dato letzte Kräftemessen auf großer Bühne endete in einem Desaster. Neymar wollte sich gemeinsam mit seinen brasilianischen Kollegen bei der Weltmeisterschaft 2022 in Katar endlich zum König seiner Branche krönen. Doch zunächst verletzte er sich im ersten Gruppenspiel gegen Serbien (2:0) am rechten Knöchel. Und als er wieder fit war, konnte er das Aus im Viertelfinale gegen Kroatien nicht verhindern: 2:4 nach Elfmeterschießen hieß es seinerzeit im Education City Stadium vor den Toren Dohas.
Immer wieder verletzt: Bei der WM 2022 machte der Knöchel Neymar zu schaffenMit Brasilien holte er zwar 2016 Gold bei den Olympischen Spielen im eigenen Land, der ganz große Wurf blieb mit der Nationalmannschaft aber aus. Seine Bilanz: 13 WM-Spiele, acht Tore, vier Vorlagen.
Dass ihm nun auch noch eine letzte Chance auf die vierte WM-Teilnahme und ein spätes Happy End genommen zu werden scheint, irritiert sogar den selbstbewussten Star der Branche. „Das kann man nicht so einfach übergehen. Natürlich bin ich verärgert und traurig, dass ich nicht nominiert wurde“, sagte er nach seiner Nichtberücksichtigung durch Ancelotti für die USA-Reise. „Aber der Fokus bleibt Tag für Tag, Training für Training, Spiel für Spiel bestehen. Wir werden unser Ziel erreichen. Es steht noch eine letzte Nominierung aus, und der Traum lebt weiter.“ Zumindest bis zum 18. Mai.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke